gefühle: abgründe und urgründe

Beziehung 2.0

Das Märchen vom moralischen Verfall

Was war die Welt früher doch einfach. Zumindest glauben wir das manchmal gern. Eine Liebesbeziehung bestand aus einem Mann und einer Frau. Sie war darauf ausgelegt, dass die beiden miteinander Kinder zeugen und groß ziehen, bis diese irgendwann das heimische Nest verlassen und es später ihren Eltern gleich tun. Heute dagegen herrscht in Liebesdingen ganz offensichtlich die reine Anarchie.

Der Verfall der sittlichen Werte

Zwar gibt es auch heute noch das klassische Modell aus Mann und Frau. Mal mit, mal ohne Trauschein jedoch. Und ebenso: Mal mit, mal ohne Vervielfältigungstendenz. Alleine das zu verdauen war für manche Zeitgenossen noch vor wenigen Jahrzehnten der Beginn des Untergangs des christlichen Abendlandes. Doch der moralische Untergang der Werte machte hier bei Weitem nicht Halt.

Hinzu kamen plötzlich Mann und Mann, und Frau und Frau, und es dauerte nicht lange, da vertraten auch homosexuelle Menschen ihren Wunsch nach Vaterschafet oder Mutterschaft. Sie traten dafür ein. Die einen auf der Straße, die anderen vor Gericht, und dritte durch schlichtem zivilen Ungehorsam und den Austausch fruchtbarer Körperflüssigkeiten.

Der Niedergang der Sitten setzte sich fort.

Es ist zwar nichts Neues, dass ein Mensch zur gleichen Zeit für mehr als einen anderen menschen lustvolle oder sogar liebevolle empfindungen haben kann. Früher war dies zwingend eine Frage der Entscheidung. Zumindest vordergründig. Heute ist dies für mehr und mehr Menschen eine Frage der Koordination.

Diese Menschen führen verschiedene Liebesbeziehungen unterschiedlicher Qualität und Tiefe gleichzeitig. Das war früher auch keine Seltenheit. Neu ist jedoch, dass Menschen ihre Partner voreinander nicht zu verstecken suchen, sondern mit ihren Gefühlen offen und transparent umgehen. Ihre unterschiedlichen Liebes- und Sexualpartner wissen voneinander. Manche von ihnen finden sich sogar gegenseitig total nett (andere allerdings nicht!).

In der Auswahl des Beziehungsstatus bei Facebook rangieren solche Konstellationen irgendwo zwischen „in einer offenen Beziehung“ (was seit einigen Jahren neben verheiratet, geschieden, Single und anderen Optionen gleichgewichtet wählbar ist) und „es ist kompliziert“ (was in den allermeisten Liebesbeziehungen unserer Zeit bei genauer Betrachtung wahrscheinlich die ehrlichste aller Wahlmöglichkeiten wäre).

Wo soll das noch hin führen? Wohin hat uns das geführt?

Das Märchen von der heiligen Ordnung

Die Kinderbücher der Vergangenheit bis heute erzählen die Geschichte von Mama-Papa-Kind. Das mag in dieser literarischen Ordnung seine Berechtigung haben. Aber schauen wir in die Liebesgeschichten der erwachsenen Literatur, dann zeigt sich uns mit großer Regelmäßigkeit ein völlig anderes Bild.

Die Literatur und auch die Kunst aller Zeitalter sind reich gefüllt mit Zeugnissen paralleler Liebe und Leidenschaft, von homoerotischen Gefühlen und Erfahrungen. Selbst die Bibel ist davon nicht frei. Über Hinweise auf homosexuelle Beziehungen dort gibt es verschiedene Auslegungsvarianten. Aber die Polyamorie hat im alten Testament ihren festen Platz. Jakob zum Beispiel führte eine kinderreiche Ehe mit den schwestern Rahel und Lea – sowie mit zwei weiteren namenlosen Dienerinnen. Aus dieser vielschichtigen Liebesbeziehung gingen schließlich die Oberhäupter aller zwölf Stämme Israels hervor.

König Salomon, für seine Weisheit und Weitsicht berühmt, hatte offensichtlich gerne ein wenig mehr Auswahl als sein Urahn. Der Bibel zu Folge brachte er es auf 1.000 Ehefrauen und Konkurbinen. Beide Männer gehören zu den geachtetsten Vorfahren eines späteren Zimmermanns, dessen Mutter neben ihrem Ehemann eine ebenfalls biblisch bezeugte und folgenreiche Liebesbeziehung mit niemandem geringeres hatte als dem heiligen Geist.

Das Märchen von der überforderten Kinderseele

„Mama?!“
„Ja, Lena?“
„Wenn ich groß bin, darf ich dann Opas Bus haben?“
„Warum denn das?“
„Ja. Mit dem ziehe ich dann mit Mika und Jonas und Leo nach Berlin.“
„Aha? Ihr zieht nach Berlin? Was macht ihr da denn?“
„Da heiraten wir dann. Ich und Mika und Leo gehen dann arbeiten, und Jonas passt auf unsere Kinder auf.“
„…!“

Diese Geschichte erzählte mir wörtlich die Mutter einer damaligen Kindergarten-Spielfreundin meines Sohnes, als ich diesen von ihr abholte. Ich habe aus Gründen der Diskretion in dieser Geschichte die Namen der neben ihm beteiligten späteren Lebenspartner der kleinen Lena (Name geändert) geändert. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch Jonas und Mika seinerzeit den festen Plan hatten, später zu heiraten, was einer Ehe der beiden mit Lena ganz offensichtlich zumindest bis dato nicht entgegen stand.

Ich bin sehr neugierig auf die Hochzeitsfeier und freue mich jetzt schon auf ein rauschendes Fest!

Jede Liebe ist einzigartig

Nachdem wir nun also ein wenig mit den üblichen Ressentiments und Vorbehalten aufgeräumt haben, können wir vielleicht beginnen, über das Thema auf Augenhöhe zu sprechen.

Jede Beziehung ist einzigartig, so wie jeder Mensch einzigartig ist. Und doch gibt es verbindende Themen, denn wir alle sind Menschen. Darum sind wir uns in aller Individualität ähnlich. Wir lieben und sehnen. Wir fühlen und wünschen. Und weil jeder von uns auf seine und ihre ganz eigene Art einzigartig ist, treffen unsere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte nicht immer harmonisch aufeinander.

Die Frage ist nicht, welches Geschlecht der Mensch hat, den ich liebe. Die Frage ist nicht, mit wie vielen Menschen ich mich in einer liebevollen Beziehung verbunden fühle. Die Frage ist, wie ich mit meinen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen umgehe. Und wie ich mit den Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen meines oder meiner Liebespartner umgehe. Und vielleicht ist die Kern-Frage, jene wie ich es lernen kann, deren und meinen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen in gleicher Weise achtsam und wertschätzend zu begegnen.

Aus der Perspektive dieser Aufgabe heraus betrachtet, steht das Märchen vom Verfall der sittlichen Werte plötzlich auf sehr dünnem Eis. Denn wenn es uns gelingt, Liebesbeziehungen zu führen, die aufrecht und ehrlich sind, die einen erwachsenen, authentischen Umgang mit Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen kultivieren, die ernst nehmen, was schon die Bibel von uns fordert: liebe deinen nächsten wie dich selbst! Dann, ja dann erleben Sittlichkeit und Moral durch diese neuen Formen des Miteinanders nicht ihren Niedergang, sondern, ganz im Gegenteil: ihre lebendige Renaissance.

Eine Renaissance der Werte, die es uns erlaubt, das zu erschaffen, worum es uns allen im Herzen und miteinander im Grunde seit Anbeginn der Zeiten geht. Um:

Liebe auf Augenhöhe

Um ein Miteinander der Liebe und Freude, in der alles da sein darf, was ist: unsere ganze Schönheit und Einzigartigkeit, unsere Unvollkommenheit und Verletzlichkeit. All unsere Ängste und unsere ganze, ungeliebte Scham.

Dafür braucht es Entschlossenheit. Dafür braucht es Mut. Dafür braucht es immer wieder neu die Bereitschaft, uns selbst und einander liebevoll in die Augen zu schauen. Das ist nicht nur manchmal anstrengend, sondern immer wieder. Das kostet nicht nur ab und zu ein bisschen Kraft, sondern manchmal mehr, als wir grad geben können oder wollen. Das tut auch immer wieder weh. Aber ich sage: das Ergebnis lohnt. Es heißt: Liebe auf Augenhöhe.

Was gibt dir den Mut, deine Liebe auf Augenhöhe zu führen?

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