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gefühle: abgründe und urgründe

Warum du dich nicht
„trennen“ kannst…

Beziehungen enden nicht.
Sie verändern sich.

 

Das Thema „Trennung“ ist ein heißes Eisen. Sind wir selbst davon (ungewollt) betroffen, stürzt uns dies nicht selten in emotionale Abgründe. Sind wir es (gerade) nicht, verdrängen wir nur allzu gern, dass dieses Thema uns eines Tages jemals selbst berühren könnte.

Es heißt, die Liebe ist immer auf die Unendlichkeit angelegt. Wenn eine Liebesbeziehung zerbricht, dann zerbricht nicht selten das, was wir – so anstrengend es vielleicht oft war – unser „Zuhause“ nannten. Wenn wir aber unser „Zuhause“ verlieren, dann verlieren wir damit auch unseren sicheren Platz in dieser Welt.

Wenn eine Liebesbeziehung zerbricht, dann zerbrechen Ideen, Träume oder Pläne. Wenn eine Liebe zerbricht, dann zerbricht in uns die Vorstellung einer Zukunft, die für uns mit Glück und/oder sogar Sinn verbunden war. Haben wir jedoch einmal jede Vorstellung von einer Zukunft, die Glück oder Sinn verheißt, verloren, welchen Sinn macht dann überhaupt noch die Gegenwart..?!

Viele der heute erwachsenen Menschen tragen in sich seit ihrer Kindheit niemals verarbeitete emotionale Wunden in sich. Viele von uns wuchsen in einer Kultur auf, in der Gefühle oder Bedürfnisse nur wenig Raum bekamen oder in der das Zeigen dieser sogar regelmäßig mit Spott oder Abwertung beantwortet wurde.

Die meisten von uns haben im Laufe ihres Lebens höchstwahrscheinlich recht gut gelernt, unsere alten emotionalen Wunden in unserem Alltag vor unserem Bewusstsein zu verbergen. Geraten wir in unserem Leben jedoch in emotionale Krisen, kann es leicht passieren, dass die sorgsam angelegte Schutzhaut reißt und wir schlagartig wieder mit den unverarbeiteten Wunden unserer Vergangenheit konfrontiert sind.

Das Durchleben einer „Trennung“ von einem emotional bedeutsamen Beziehungspartner ist daher für viele Menschen mit großem seelischen Leid verbunden. Meistens zwar für einen der beiden etwas mehr als für den anderen. Nicht ohne Grund allerdings flüchten nicht wenige derjenigen Menschen, die von sich aus mit ihrem Partner „Schluss machen“, aus ihrer bisherigen Liebesbeziehung nahtlos in die nächste. Mit einem neuen und aufregenden Liebespartner nämlich ist es viel leichter, sich von emotionalem Schmerz, den man nicht fühlen möchte, abzulenken.

Wir unterschätzen leider noch immer viel zu leichtfertig die emotionalen und psychischen Dimensionen unserer Lebenserfahrungen. Eine (ungewollte) „Trennung“ hat psychologisch nicht selten den Effekt einer (Re)-Traumatisierung. Wer in einer solchen Phase seines oder ihres Lebens ohne emotionale Begleitung und Unterstützung dasteht, entwickelt recht häufig wahlweise depressive Symptome und/oder suchthafte Verhaltensmuster.

Wir müssen uns neu organisieren. Neu orientieren. Und nicht selten von Grund auf völlig neu erfinden. Das ist ein anstrengender und oft ebenso emotional wie zeitlich intensiver Prozess der Begegnung mit uns selbst und unserer Vergangenheit.

Manchmal wünschen wir uns vielleicht, wir könnten den Anderen einfach vergessen. Aber wir vergessen ihn nicht… Immer wieder taucht sein oder ihr Gesicht in uns vor uns auf. Wir verfluchen uns selbst und unsere Sehnsucht nach diesem Menschen. Wir wollen die Gedanken an ihn oder sie loslassen, auslöschen, fortjagen aus uns. Jedoch, es ist wie verhext: Es will uns einfach nicht gelingen…

Was ist da eigentlich mit uns oder in uns los? Warum können wir nicht einfach abschließen mit der Vergangenheit…? Wer hat sich dieses miese Spiel nur ausgedacht…?!

Beziehungen enden nicht…

Du magst ihn verfluchen. Und das ist sicher absolut plausibel. Vielleicht ist es sogar mehr als berechtigt… Du magst ihr aus dem Wege gehen, sie in all deinen sozialen Medien blockieren und obendrauf noch ihre Mailadresse in den Spamfilter geben. Du magst den Kontakt mit ihm oder ihr für den Rest deines Lebens radikal auf Null setzen. Ja, das alles kannst du tun…

Und hey, möglicherweise vielleicht ist das in der Tat sogar das Beste, was du in diesem Fall im Umgang mit diesem Mann oder dieser Frau überhaupt tun kannst. Möglicherweise vielleicht ist er oder sie schlicht und einfach eine (für dich) toxische Person, und du solltest dein Bestes dafür tun, möglichst jeden Kontakt mit ihr oder ihm kategorisch zu vermeiden. Möglicherweise vielleicht… Aber dennoch, selbst wenn du all dies tust und darin so konsequent bist wie der leibhaftige Teufel höchstselbst:

Ich behaupte: Falls dieser Mensch dir jemals wirklich tief unter die Haut ging, dann wird es in dir, in deiner Psyche, für den Rest deines Lebens eine Art von Verbindung zu ihm oder zu ihr geben. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gibt es von diesem Menschen in dir, in deiner Psyche, sogar ein Introjekt, ein inneres Abbild, das sein oder ihr Gesicht trägt und dich immer wieder innerlich in die unterschiedlichsten Arten fiktiver Dialoge verstrickt…

Deine Beziehung zu ihm existiert nicht, weil ihr in der Welt da draußen miteinander interagiert. Deine Beziehung zu ihr existiert, weil du auf psychischer Ebene mit ihr verbunden bist. Die Erfahrungen, die du mit diesem Menschen gesammelt hast, haben dich und dein Sein berührt und höchstwahrscheinlich sogar verändert. Sie hatten Einfluss auf deinen Weg und auf die Geschichte deines Lebens. Ob dir das gefällt oder nicht: All dies ist in deinem Gehirn und in deiner Psyche auf Dauer abgespeichert…

Du hast geliebt. Du hast ihn geliebt. Sie geliebt. Du hast diesen Menschen eingelassen in dein Herz. Du hast mit ihm geschlafen. Du hast ihm eine emotionale Bedeutung gegeben. Du hast dich körperlich wie seelisch weit geöffnet für ihn oder sie. Du hast mit ihm oder ihr, vor ihm oder ihr, durch ihn oder sie gelacht, gejubelt und geweint. Du warst wütend, dankbar, schamvoll oder glücklich. Körperlich, geistig und emotional ist dir dieser Jemand immer wieder auf die eine oder andere Weise sehr, sehr nahe gekommen.

Ebenso jedoch bist du dir in deinen Erfahrungen mit ihm oder ihr nicht zuletzt immer wieder selbst begegnet. Durch ihn und mit ihm und an ihm. Oder ihr.

Ich beschreibe die Erfahrungen der Liebe und Partnerschaft gerne metaphorisch als eine tiefe und verzweigte Höhle in unserem Herzen, in die wir nur zu zweit Einlass finden. Mit jedem Menschen, den wir lieben, den wir wirklich lieben, gelangen wir ein kleines oder großes Stück tiefer hinein in die Tiefen unseres eigenes Herzens. Das ist eines der großem Geheimnisse der Liebe: Indem wir lieben, dringen wir tiefer in uns selbst und in unser eigenes, vielfältiges und zutiefst lebendiges Wesen ein. In der Liebe entdecken und erkennen wir also nicht nur einander, sondern immer wieder nicht zuletzt auch uns selbst. Wenn oder falls wir den Mut haben dazu…

So etwas lässt sich nicht einfach vergessen. Das lässt sich auch nicht verdrängen, wegtrinken oder in bedeutungslosen One-Night-Stands aus dem Kopf vögeln. Dafür sitzt diese Art emotionaler Erfahrungen einfach viel zu tief…

Sehnsüchte oder Wünsche in uns wurden im Angesicht dieses Menschen genährt. Alte Ängste oder Wunden wurden aktiviert. Die Begegnung mit diesem Mann oder dieser Frau hat unser ganzes Wesen tief berührt und das eine oder andere Mal vielleicht sogar schwer erschüttert. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen… Die bittere Wahrheit lautet: Sowas geht nicht einfach wieder weg. Schlimmer noch: So etwas geht niemals wieder weg.

Wann immer wir ihn oder sie sehen, wann immer jemand den gleichen Namen hat, den gleichen Haarschnitt oder den gleichen Kleidungsstil, erwacht die Erinnerung in uns. Wann immer wir an Orte gehen, an denen wir mit ihm oder ihr emotional berührende oder gar aufwühlende Erfahrungen gemacht haben – es löst etwas in uns aus. Und wird es höchstwahrscheinlich noch eine ganze Weile tun…

Je mehr Zeit vergeht, je intensiver und nährender unsere neuen Erfahrungen seither waren, desto dünner wird das emotionale Band zu diesem ehemals ganz außergewöhnlich besonderen Jemand in uns. Das stimmt wohl. Aber: Es reißt nicht. Es wird möglicherweise so dünn, dass es ein Mikroskop bräuchte, um es überhaupt noch zu erahnen, aber es reißt niemals ganz.

Wenn ich einen Menschen tief einlasse in mein Herz, dann gibt es von diesem Moment an für den Rest meines Lebens in mir, tief in den Erkern und Winkeln meiner Psyche, eine Art von Beziehung zu diesem Menschen. Vollkommen unabhängig davon, ob ich mit ihm oder ihr im realen Leben Umgang pflege oder nicht…

Es geht daher nur zweitrangig darum, wie ich in der Welt da draußen mit ihm oder mit ihr interagiere. Erstrangig geht es darum, wie ich in meinem Inneren mit dem Platz dieses Menschen in und seinem Einfluss auf meine eigene Lebensgeschichte umgehe. Habe ich mit diesem beiden meinen Frieden gefunden, dann kann ich unbeschwert mit einem Lächeln auf den Lippen an diesen Menschen und unsere gemeinsamen Erfahrungen zurückdenken. Habe ich mit einem davon bislang keinen Frieden, wird mein Mund beim Gedanken an ihn oder sie voraussichtlich mindestens einen Zug von Bitterkeit oder Kälte zeigen.

 

Beziehungen verändern sich.
Beziehungen verändern sich ständig.

Ihr wart ein Liebespaar bislang. Vielleicht nicht immer so ganz das Traumpaar, das manche von außen bei euch vermuteten, aber doch: Ihr wart ein Paar. Ihr hattet Pläne miteinander. Wünsche. Träume. Ihr hattet Konflikte und habt einander weh getan. Durch die Erfahrungen, die ihr miteinander teiltet, wart und seid ihr miteinander verbunden. Und ihr werdet es in gewisser Form für den Rest eures Lebens sein. Ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist, hängt davon ab, was ihr miteinander oder jede/r für sich selbst aus dieser Tatsache macht.

Liebespartner seid ihr nun nicht mehr. Das ist soweit klar. Aber was seid ihr nun stattdessen…?!

Freunde bleiben…“ Jedes Mal ist diese Formulierung in all seiner Hilflosigkeit irgendwie gut gemeint. Und doch ist sie realistisch betrachtet in den meisten Fällen schlicht und einfach Blödsinn. Möglicherweise wart ihr nämlich niemals Freunde. Möglicherweise wart ihr es doch einmal gewesen. Das, was ihr gerade wart jedoch, war etwas anderes als das, was man „Freunde“ nennt. Darum könnt ihr nicht „Freunde bleiben“. Möglicherweise vielleicht könntet ihr in eurer Zukunft Freunde werden… Das allerdings ist ein vollkommen anderer Ansatz.

Wenn ihr gemeinsam Kinder in diese Welt gebracht habt, dann werdet ihr ohne jeden Zweifel für den Rest eures Lebens Eltern dieser Kinder bleiben. Die Frage ist nicht, ob ihr gemeinsam weiter Eltern sein werdet. Die Frage ist, wie ihr von nun an ganz konkret als Eltern miteinander interagieren werdet.

Haltet euch vor Augen: All das, was zwischen euch beiden geschah, geschieht und geschehen wird, wird in den Lebensgeschichten eurer Kinder eines Tages als „die Beziehung meiner Eltern“ seinen bleibenden Platz finden. Haltet euch vor Augen, dass das, was eure Kinder an euch beobachten und erfahren, potenziell einen bleibenden Einfluss darauf hinterlassen wird, mit welchen grundlegenden Annahmen eure Kinder in ihrem erwachsenen Leben in die Themen Liebe, Partnerschaft und/oder Elternschaft hineingehen werden. Und welche Erfahrungen sie auf Basis dieser Annahmen in diesen Feldern voraussichtlich machen werden.

Es ist übrigens keine Schande, einen Menschen noch immer irgendwie zu mögen, den man früher einmal vielleicht geliebt hat, und mit dem man (auf hoffentlich wonnige Weise) hoffentlich wundervollen Nachwuchs gezeugt hat. Und dennoch zu entscheiden, das es für das eigene Wohlergehen besser ist, mit diesem Menschen in Zukunft nicht mehr das Bett, den Haushalt und/oder die Freizeit zu teilen.

Ich habe mit vielen heute erwachsenen Menschen gesprochen, die der Auffassung waren, ihre eigene Kindheit wäre harmonischer oder liebevoller verlaufen, wenn ihre eigenen Eltern aus ihren beständigen Spannungen oder Konflikten den Schluss gezogen hätten, dass es für alle Beteiligten möglicherweise besser wäre, als Eltern nicht gemeinsam unter einem Dach zu wohnen.

Manche Menschen finden nach der Trauerzeit und Auferstehung in ihren Ex-Liebespartnern langjährig enge Vertraute. Manche verharren innerlich gegenseitig in ewiger Verachtung und Anklage. Manche verbindet eine berufliche Leidenschaft, in der sie weiterhin als Partner agieren. In manchen Fällen gelingt das Miteinander zweier Eltern nach der Trennung ihrer Haushalte respektvoller und kooperativer als in all den Jahren zuvor.

Vieles ist möglich…

Die Art und Weise, wie ihr zwei jetzt miteinander umgeht, hat großen Einfluss darauf, was in eurem ganz konkreten Fall eines Tages voraussichtlich Realität sein wird.

Und wir verändern uns mit ihnen.

Die meisten Menschen in (ungewollter) „Trennung“ durchleben zu Beginn eine kräftezehrende und leidvolle Phase der Trauer und des Widerstands. Das ist nicht schön, aber das ist normal. Das ist psychohygienisch sogar gesund.

Allein der Zustand der Traurigkeit versetzt uns in die Lage, all das anzunehmen, was wir leider nicht (oder nicht mehr) ändern können. Darum ist es gut und wichtig, dass wir lernen unsere Traurigkeit wieder zuzulassen. Viele von uns haben in ihrer Kindheit und Jugend gelernt, ihre Traurigkeit immer wieder herunterzuschlucken und zu unterdrücken. All diese ungeweinten Tränen füllen in den Herzen vieler von uns einen Stausee aus niemals verarbeitetem emotionalem Schmerz.

Die Tränen, die wir heute weinen, rühren wohl in den meisten Fällen auch altes Leid und alten Wundschmerz in uns an. Können wir es uns selbst erlauben, im Zustand der Traurigkeit unsere Tränen frei fließen zu lassen, dann finden wir nicht nur im Hier und Jetzt leichter in ein neues Gleichgewicht hinein. Auch unsere alten Wunden heilen jedesmal ein kleines Stück durch die Erfahrung jener bedingungslosen Selbstannahme, die uns in Augenblicken tiefer, reiner Traurigkeit durchfährt.

Da der Verlust einer wichtigen Bindungsperson für viele Menschen einen (re)-traumatisierenden Einschnitt in ihrem Leben darstellt, ist es wichtig, dass wir uns in dieser Phase der Transformation in unserem Leben nicht alleine fühlen, dass wir Menschen um uns haben, bei denen wir die Geborgenheit, den Halt und den Beistand finden, die wir alle in derartigen Lebensphasen so dringend brauchen.

In Zeiten des Umbruchs kann es sehr hilfreich sein, wenn wir den Gedanken im Herzen tragen: „Das hier ist kein Ende. Es ist nur eine Veränderung, wenngleich leider eine ungewollte und beunruhigenderweise potenziell sogar eine radikale.“ Dadurch wird die Sache leider weder schöner noch leichter, aber sie wird doch zumindest ein kleines bisschen handhabbarer dadurch… Auf ein Ende nämlich können wir bestenfalls auf die eine oder andere Weise reagieren. Eine Veränderung aber können wir bereits während ihres Verlaufs mindestens zu einem Teil bewusst mitgestalten.

Beziehungen existieren nicht digital – nicht als „an“ oder „aus“. Beziehungen sind etwas Lebendiges. Sie sind, wie alles Leben, einmal entstanden, in stetiger Veränderung begriffen. Sie brauchen Nahrung, um zu gedeihen. Sie können hungern oder auch verkümmern. Sie können sogar erkranken oder zerbrechen. All das ist möglich. Nur sterben kann eine Beziehung nicht. Zumindest nicht, solange die Psyche, innerhalb derer sie existiert, noch intakt und am Leben ist.

Eine „Beziehung“ besteht nicht aus Handlungen oder Interaktionen. Diese sind zwar maßgeblich dafür, ob eine Beziehung zwischen zwei Menschen eher darbt oder gedeiht, sie stellen jedoch nicht den Kern dieser Beziehung dar. „Beziehungen“ sind ein immaterielles Phänomen. Sie bestehen aus Erfahrungen und Erwartungen, aus Haltungen und Annahmen, aus Gefühlen und Gewohnheiten. All diese Dinge sind immateriell. Das bedeutet nicht, dass sie dadurch weniger wirklich oder wirksam wären. Das bedeutet lediglich, dass es uns bei all unserer Willenskraft und Entschlossenheit dazu niemals möglich sein wird, sie zu packen, in eine Kiste zu sperren und zum Mond zu schießen.

Das derzeit vielen bekannte Phänomen der On-Off-Beziehung, bei der zwei Menschen in Abständen von Wochen, Tagen oder Stunden immer wieder neu proklamieren, dass sie jetzt „auseinander“ oder eben „zusammen“ sind, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass das „an“ oder „aus“ einer Beziehung nicht viel mehr ist als vordergründige Fassade. Selbstverständlich haben diese Menschen durchgehend eine emotional hochintensive Beziehung zueinander, ganz egal, welchen Beziehungszustand sie gerade mal wieder nach außen hin verkünden.

So lange aber das „ob…?!“ immer wieder in Frage gestellt wird, gibt es keinen Raum für die Frage nach einem gemeinsamen „wie…?!“ Genau dieses „wie…?!“ wäre nun zwar ohne jeden Zweifel in vielen Fällen der Schlüssel zu mehr Glück, mehr Geborgenheit und mehr Genuss in einer Beziehung. Wer allerdings in seinen oder ihren prägenden Jahren wiederholt gelernt hat, dass emotionale Verbundenheit grundsätzlich etwas wahlweise Fragiles oder gar Gefährliches ist, kommt als erwachsener Mensch manchmal schlicht und einfach gar nicht darauf, dass Beziehungen etwas sein könnten, was sich gemeinsam oder gar partnerschaftlich gestalten oder entwickeln ließe.

Bewusst oder unbewusst.

Wenn ich es bin, der in dieser Beziehung einen radikalen Schnitt will, dann habe ich natürlich die Wahl, meinem oder meiner Ex-Liebsten-in-spe zu sagen, dass ich mich „trenne“ und die Beziehung zu ihm oder ihr hiermit „beende“. Ich habe jedoch auch die Wahl, gegenüber diesem Menschen von Herzen davon zu sprechen, was genau ich mir an Veränderung in der Beziehung zu ihm wünsche.

Wünsche ich mir eine Veränderung der Wohnsituation und damit ein Ende des gemeinsamen Schlafzimmers oder Hausstands? Wünsche ich mir ein Ende unserer sexuellen Begegnungen miteinander? Oder wünsche ich mir zumindest ein Ende diesbezüglich bislang noch herrschender Exklusivitätsansprüche? Wünsche ich mir ein Ende unserer finanziellen Verflechtungen? Wünsche ich mir, endlich wieder uneingeschränkt frei über meine eigene Zeit zu verfügen, über mein Geld oder über meinen Körper? Vielleicht aber wünsche ich mir auch eine Zukunft, in der ich jeden Gedanken an ihn oder sie wann immer es geht verdränge, in der ich zur Seite schaue, wenn er oder sie mir zufällig auf der Straße begegnet, und in der ich mich über Jahre noch still und leise selbst dafür verurteile oder bedauere, dass ich jemals so dumm sein konnte…?!

Je klarer ich mir darüber bin, welche Art von Veränderung genau ich mir durch die sogenannte „Trennung“ in meinem Leben eigentlich erhoffe (und welche nicht), desto bewusster und offener kann ich, anstatt katagorisch von „Schluss machen“, „Beziehungs-Aus“ oder „Trennung“ zu sprechen, mit meinem Beziehungspartner genau über diese erwünschten Veränderungen sprechen.

Hierdurch wird das Gespräch darüber zwar leider nicht zu einer leichten oder gar angenehmen Sache. Die höhere Klarheit jedoch macht es zumindest möglich, sich trotz unterschiedlicher Vorstellungen weiterhin als Partner in gemeinsamer Sache zu sehen. Wenn das gelingt, entsteht mindestens eine kleine Chance dafür, gemeinsam ebenso mitfühlend wie wohlwollend über die erwünschten Veränderungen und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Zukunft der gemeinsamen Beziehung zu sprechen. Darüber, was sich ändern soll, ebenso wie darüber, was, wenn dies möglich wäre, am allerliebsten genauso bleiben soll, wie es gerade ist.

Einer „Trennung“ geht, wie viele von uns inzwischen aus eigener Erfahrung wissen, in der großen Mehrheit aller Fälle eine (zumeist lange) Zeit des Mangels und der Unzufriedenheit auf Seiten mindestens eines der beiden Beziehungspartner voraus.

Nicht selten ist das, was wir „Trennung“ nennen, bei Lichte betrachtet nur die zwangsläufige Folge einer Beziehung zwischen zwei Menschen, in der wahlweise der eine Partner seine eigenen Bedürfnisse aus inneren Ängsten oder Schamgefühlen heraus über Monate oder gar Jahre nicht zur Sprache brachte, oder aber der andere Partner von diesen konsequent nichts wissen wollte, allzumeist übrigens ebenfalls aus inneren Ängsten oder Scham heraus…

Vielleicht wäre es daher eine gute Idee, wenn wir öfter bereits früher die Initiative ergriffen, bevor die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit ihr oder mit ihm für uns ihren letzten Reiz verloren hat.

Anstatt darüber nachzusinnen, ob oder wie ich diese Beziehung am besten „beende“, könnte ich mir auch die Frage stellen, ob oder wie ich diese Beziehung gerne verändern würde… Was es bräuchte, damit ich mich sicher, geborgen und genährt fühle. Ich könnte damit beginnen, mir selbst zu erlauben, meine Bedürfnisse offen zu zeigen und frei meine Wünsche zu äußern. Wenn ich dies bislang nicht oder nur durch Andeutungen getan habe, verändert bereits dies unser Miteinander möglicherweise immens.

Wenn ich mich wirklich zeige und Position beziehe für meine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche, dann kann bereits das vertraute Muster und Gewohnheiten ins Wanken bringen. Mit ein wenig Glück, Bewusstheit und Kooperationsbereitschaft von Seiten beider an dieser Beziehung Beteiligten kann selbst eine radikale Beziehungsveränderung ein gemeinsam getragener und gestalteter Prozess sein, an dessen Ende wir beide mit einem Lächeln an einander und an den Platz des jeweils anderen in unserer Geschichte oder in unserem Leben (zurück)denken.

Wenn die Veränderung, die in meiner Beziehung zu diesem Menschen ansteht, nicht mein Wunsch und nicht meine Entscheidung ist, dann nimmt der Gedanke daran, das dies ja „kein Ende, sondern nur eine Veränderung“ sei, mir nicht meine Trauer. Leider tut er das nicht. Andererseits ist dies, wie ich oben beschrieb, meiner Auffassung nach gar nicht wirklich schlecht, sondern psychohygienisch betrachtet sogar überaus hilfreich und wertvoll.

Ein Lichtblick: In der Rückschau erscheint vielen Menschen das, was sie in solchen Phasen der Traurigkeit erfahren haben, als eine ebenso natürliche wie wertvolle Zeit der Verpuppung, der Neuorganisation und Selbsterkundung. Manche beschreiben diese Zeit sogar mit der Metapher von psychischer Schwangerschaft und Neugeburt. Der Schmerz, den wir durchleben, ist psychologisch betrachtet nicht weniger und nicht mehr als ein ganz natürlicher posttraumatischer Wachstumsschmerz.

Selbstverständlich tut er deswegen nur leider kein bisschen weniger weh.

 

Schritt für Schritt.

Lass uns an dieser Stelle, zum Ende unseres gemeinsamen Ausflugs in die psychologischen Dimensionen von Bindung und Beziehung, für einen kurzen Augenblick gemeinsam so tun, als könnten wir zusammen an einen näheren oder ferneren Punkt in deiner Zukunft reisen, um dir selbst, deinem zukünftigen Ich, zu begegnen…

Ein bis fünf Jahre sind seit heute vergangen bis hier hin. Du hast getrauert. Reflektiert. Verarbeitet. Wieder getrauert. Noch mehr reflektiert und dich selbst auf diesen inneren Wegen nach und nach immer besser kennengelernt. Vielleicht hast du neue, intensive Begegnungen erlebt. Vielleicht hast du dir einen Wunsch oder Traum erfüllt. Oder sogar zwei. Du hast neue Entscheidungen getroffen. Dein Leben hat sich verändert. Vielleicht hast du dich neu verliebt. Vielleicht findet auch er oder sie, den du früher einmal deinen Liebsten oder deine Liebste nanntest, in der Zwischenzeit einen neuen Liebespartner mit Langfristperspektive.

Was würdest du dir wünschen für diesen Punkt deiner Geschichte…?! Für dich allein und in Bezug auf diesen Menschen, den du in einer gewissen Phase deines Lebens deinen Liebespartner genannt hast…?

Mit welchem Gefühl würdest du gerne in einem bis fünf Jahren an diesen Menschen und eure Zeit als Liebespaar denken…?

Mit Groll, verletztem Stolz und bitterer Schmallippigkeit?

Oder mit Mitgefühl, mit Wohlwollen und vielleicht sogar einer Spur von Dankbarkeit?

Wir haben die Optionen unserer Zukunft nicht allein in der Hand. Was wir jedoch in der Hand haben, ist unser eigener, vielfach unvollkommener, Beitrag dazu.

Wir haben nicht in der Hand, ob wir an ihn oder sie denken. Aber wir haben in der Hand, ob oder wie wir über ihn oder sie zu uns selbst oder Anderen sprechen.

Wir haben nicht in der Hand, ob die Gedanken an ihn oder sie in uns Gefühle wecken. Das werden sie höchstwahrscheinlich noch eine ganze Weile lang tun. Wir haben jedoch in der Hand, ob wir Frieden schließen mit uns selbst und den Entscheidungen unserer Vergangenheit.

Wir haben unsere inneren Impulse nicht in der Hand. Und doch sind es wir allein, die entscheiden, welche von ihnen wir ausleben.

Wir haben das Verhalten des Anderen nicht in der Hand. Aber doch zumindest einen Teil unserer Reaktionen darauf.

Selbst wenn wir erleben, dass der oder die Andere den Kontakt auf Brutto-wie-Netto-Null reduziert und dadurch keine Klärung, keine gemeinsame Lösung, keine aktiv gelebte Beziehung mehr möglich ist, selbst dann sind wir dieser Situation nicht vollkommen ausgeliefert, sondern können wählen…

Wir können wählen, die Umstände oder Fakten anzunehmen, die wir nicht ändern können, so gerne wir sie auch ändern wollten.

Wir können wählen, in diesem Menschen, den wir einmal unseren Liebespartner nannten, auch in Zukunft das Gute und Liebenswerte zu sehen, das er oder sie selbstverständlich weiterhin und unvermindert in sich trägt. Vielleicht nicht nur, aber zumindest doch auch.

Wir können wählen, die aus unserer gemeinsamen Geschichte heraus entstandene Verbindung zu ihm oder zu ihr in Ehren zu halten.

Wir können wählen, ihm oder ihr einen Platz in unserer eigenen Geschichte zu geben, der sich für uns würdevoll, stimmig und harmonisch anfühlt.

Wir können wählen, in Wahrheit und Würde über diesen Menschen und unsere Beziehung zu ihm zu sprechen. Über seine Rolle oder Funktion in unserer Geschichte ebenso wie über unsere Rolle oder Funktion in seiner.

Außerdem können wir wählen, uns selbst voll Mitgefühl und Wohlwollen mit all dem anzunehmen, was uns gerade oder bislang nicht oder noch nicht gelingen mag.

Nicht zuletzt, das sei hier noch einmal unterstrichen, können wir wählen, uns selbst in Phasen der Trauer und des Umbruchs nicht hängen und allein zu lassen, so wie wir dies möglicherweise vielleicht in den Krisen unserer Kindheit oder Jugend wieder und wieder leidvoll erfahren mussten, sondern uns heute ganz bewusst und aktiv Geborgenheit, Halt und Beistand zu suchen bei den Menschen, die uns nah und wichtig sind. Aus Mitgefühl und aus Fürsorge für uns selbst.

Das alles können wir tun. Das alles macht all das, was wir jetzt gerade, im Prozess von Trauer und Neubeginn, erfahren, zwar leider weder schön noch angenehm oder leicht. Der Wachstums- und Geburtsschmerz bleibt…

Aber es macht die Sache doch an manchen Stellen vielleicht ein ganz kleines bisschen handhabbarer.

Beziehungen enden nicht.

Beziehungen verändern sich. Ständig.

Und wir uns mit ihnen.

Bewusst oder unbewusst.

Schritt für Schritt.

 

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Das Kabinett der Grausamkeiten – Wenn Liebe zum Machtkampf wird

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