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Wie entsteht

Die Sache mit der „Bindung“…

oder: Die 6 Bausteine eines wirklich sturmfesten Beziehungsfundaments

 

„Bindungssicherheit entsteht durch die Qualität unserer Erfahrungen mit unserem Partner und nicht allein aus der Tatsache heraus, miteinander verheiratet zu sein, oder daraus, füreinander jeweils der oder die primäre Liebespartner:in zu sein.“

Jessica Fern („polysecure“, S. 122)

 

Wir Menschen sind soziale Tiere. Von Geburt an sind wir darauf angewiesen, dass es da um uns herum Artgenossen gibt, die auf uns achten, sich um uns kümmern, uns Schutz, Nahrung und Geborgenheit schenken. Was passiert, wenn ein Kleinstkind ohne diese Art von Aufmerksamkeit, Zuwendung und Fürsorge aufwächst, zeigen ebenso eindrücklich wie herzzerreißend die Kaspar-Hauser-Versuche an Rhesusäffchen des 20. Jahrhunderts.

Inzwischen können wir es ebenfalls als gut belegt ansehen, dass die sozialen und emotioanlen Erfahrungen, die wir als Kinder und Jugendliche in unserem familiären Umfeld sammeln, massive Auswirkungen darauf haben, wie wir als erwachsene Menschen aufeinander reagieren und miteinander umgehen. Insbesondere gilt dies in dem emotional oft hochaufgeladenen Feld der Liebe, der Partnerschaft und Sexualität.

Am 10. November 2022 sprach ich in meinem Sex-Education-Talk im JOYclub über das Thema „Bindungsstile, Bindungsspiele, Bindungsdramen“ (Untertitel: „Wie genau uns die Erfahrungen unserer Kindheit und Jugend in unser Liebesleben hinein pfuschen…“). Sobald dieser Talk in der dortigen Mediathek angekommen ist, werde ich auch hier in meinem Blog einige Auszüge daraus veröffentlichen und an dieser Stelle für euch verlinken.

Wie man „Bindung“ erzeugt und vertieft:
„The HEARTS (of being polysecure)“

Vieles ist inzwischen bekannt darüber, was Liebes-Partnerschaften leiden, verkümmern und über kurz oder lang zerbrechen lässt. Der Psychologe und Beziehungsforscher John Gottman beispielsweise, bekannt für die nach ihm benannte „Gottman-Konstante“ (auch bekannt unter dem Namen: „5:1-Regel“), definiert „vier apokalyptische Reiter“ in Paarbeziehungen. Sie heißen:

01 – Kritik, Schuldzuweisungen und Anklagen

02 – Abwehr, Rechtfertigung und Verleugnung

03 – Verachtung, Abwertung und Geringschätzung

sowie

04 – Mauern, Rückzug und Kontaktabbruch.

 

Was aber können wir tun, um ganz bewusst das Bindungsfundament in unserer Beziehung zu einem anderen Menschen zu stärken…? Wie können wir gemeinsam dafür sorgen, dass unsere Liebes-Beziehung (oder auch Freundschaft mit oder ohne Plus…) zu einem sicheren Hafen und einer nährenden Oase für uns beide wird…? Was können wir aktiv und bewusst dafür tun, um unsere Bindung zueinander zu vertiefen, zu festigen und auszubauen…?

Dies ist nicht zuletzt eine der Kernfragen, denen die Therapeutin Jessica Fern in ihrem 2020 erschienenen Buch „Polysecure: Attachment, Trauma and Consensual Nonmonogamy“ nachspürt und in meinen Augen bemerkenswert substanziell auf den Grund geht…

Wie der Titel es bereits unumwunden verrät, wendet sich „polysecure“ in erster Linie an Menschen, die sich bewusst dazu entschieden haben, emotionale wie erotische Beziehungen mit mehreren Menschen zur gleichen Zeit zu führen. In meinen Augen jedoch ist das, was Jessica Fern uns über unsere Bindungsmuster, ihre Entstehung und Auswirkungen zu berichten weiß, mitnichten allein im Kontext offener Nichtmonogamie bedeutsam, sondern beleuchtet unser erwachsenes Bindungsverhalten derart tief, dass ich es auch überzeugt monogamen Paaren nur allzu gerne als Pflichtlektüre verordnen würde…

Als deutschsprachige Literatur zur Vertiefung dieses Themas lege ich meinen Klient:innen bislang stattdessen wahlweise „Auch alte Wunden können heilen“ von Dami Charf oder aber „Bin ich traumatisiert?“ von Verena König wärmstens ans Herz. Vielleicht ist eines dieser beiden Bücher ja auch was für dich oder euch….

Leider ist „polysecure“ bislang nämlich noch nicht auf Deutsch erschienen. Daher habe ich mich daran gemacht, das, was in meinen Augen das Herz dieses Buches darstellt (mehr als passenderweise trägt dieses Kapitel den Titel: „The HEARTS (of being polysecure)“…) in meinen eigenen Worten für euch auf Deutsch zugänglich zu machen, mit ein paar weiteren Erläuterungen zu versehen und (hoffentlich) aktiv nutzbar auf den Punkt zu bringen…

Mögen die folgenden sechs Empfehlungen euch als Routenskizze und als Kompass dienen:

 

01 Seid da…! Seid ganz und wirklich da…!
(Jessica Fern: „Here (being here and present with me)“)

Bindung braucht Präsenz. Es braucht, dass wir einander physisch, psychisch und emotional spüren. Das bedeutet weitaus mehr, als zur gleichen Zeit am selben Ort zu sein. Es bedeutet, dass wir einander immer wieder echte und substanzielle Aufmerksamkeit schenken, dass wir einander wirklich zuhören und uns zeigen mit dem, was bei uns gerade los ist, wie es uns geht und was uns emotional beschäftigt oder berührt.

Das ist nicht immer leicht… Manchmal sind wir in unseren Gedanken oder Gefühlen eben nicht im Hier und Jetzt… Vielleicht beschäftigt uns etwas, das auf der Arbeit vor oder hinter uns liegt. Vielleicht sind wir mit unserem Herzen gerade bei einem anderen Menschen. Vielleicht ist da etwas aus der Vergangenheit, das noch an unseren Nerven zerrt. Oder ein Ereignis in der Zukunft hält unsere Gedanken fest im Griff. Wie dem auch sei: Hin und wieder sind wir einfach nicht im Hier und Jetzt.

Das muss kein Problem sein. Es wird allerdings mit großer Sicherheit zu einem Problem, wenn wir versuchen, uns selbst oder einander gegenüber vorzumachen, wir wären voll und ganz präsent bei ihm oder ihr, während unsere Gedanken und/oder Gefühle in Wirklichkeit immer wieder ganz woanders sind. Unser Gegenüber nämlich spürt unsere Präsenz oder Abwesenheit intuitiv.

Wenn wir bemerken, dass es uns schwer fällt oder tatsächlich nicht gelingt, im Hier und Jetzt mit unserem Gegenüber präsent und wirklich da zu sein, dann ist das zwar nicht schön (und zwar für keine/n von beiden), aber es lässt sich eben halt auch nicht mit einem Fingerschnipsen ändern. Das Beste, was wir in solchen Situationen tun können, ist einander eben genau damit so offen und aufrichtig gegenüber zu sein wie möglich.

Wenn es uns schwer fällt oder nicht gelingt, im Hier und Jetzt präsent und da zu sein, dann ist es sehr hilfreich für unser Miteinander, wenn wir einander möglichst transparent und offen darüber in Kenntnis setzen, was genau uns jeweils davon abhält, es zu sein.

Wenn ich weiß, dass du in Gedanken bei den Sorgen deiner Mutter bist oder bei deiner Präsentation morgen Abend, wenn ich weiß, dass du mir noch grollst wegen einer Auseinandersetzung vor ein paar Tagen oder daran zweifelst, ob ein für dich emotional bedeutsamer Mensch dir gegenüber gerade wirklich aufrichtig ist… dann fällt es mir höchstwahrscheinlich viel leichter, anzunehmen, was ist. Und vielleicht ist es mir sogar möglich, das, was ich mir von dir wünschte, nun zunächst einmal dir zu schenken: meine ganze Aufmerksamkeit und Präsenz. Damit du die Chance hast, rauszuerzählen, was dich gerade innerlich beschäftigt oder vielleicht sogar belastet.

Selbst wenn du mir gerade nicht deine Präsenz und dein Dasein in der Weise schenken kannst, in der ich sie mir just gerade wünschen würde, so kannst du aber doch mit dem, was gerade bei dir ist, präsent und da sein. Auch dann kann und werde ich dich spüren. Auch dies wird unsere Bindung und unser Vertrauen zueinander vertiefen.

Da sein und präsent sein bedeutet nicht, groß und stark sein zu müssen, hilfreich oder nützlich. Es bedeutet, da zu sein mit dem, was gerade ist. Es bedeutet, dass wir unsere Masken und Rollen ablegen und uns einander schlicht und einfach transparent, offen und aufrichtig so zu zeigen, wie wir wirklich sind.

Man könnte meinen, es könnte im Grunde nichts einfacher sein als dies… Wenn es für viele von uns nur nicht so verdammt ungewohnt wäre…

 

02 Zeigt einander immer wieder eure Anerkennung und Verehrung…!
(Jessica Fern: „Expressed Delight“)

Eine gesunde und stabile emotionale Bindung entsteht nicht durch gemeinsame Verpflichtungen, Besitztümer oder gemeinsame Erfahrungen aus der Vergangenheit. Sie entsteht daraus, dass wir uns im Hier und Jetzt von der anderen Person gesehen, geschätzt und überdies wirklich gewollt fühlen…

Je häufiger wir unserem Gegenüber hören, was dieser gerade gut findet an uns, desto sicherer werden wir uns darin, dass dieser Mensch uns aus vielen, vielen verschiedenen Gründen so richtig gerne mag und toll findet…

Diese Sicherheit und Selbstverständlichkeit in unserer Überzeugung, für diesen anderen Menschen wirklich wichtig und wertvoll zu sein, macht einen entscheidenden Unterschied, wenn es zwischen uns und diesem Menschen zu einem Konflikt kommt. Wer Zweifel daran hat, ob das Gegenüber ihn oder sie grundsätzlich eher annimmt oder ablehnt, wird viel eher dazu tendieren, eine Aussage der/des Anderen als Angriff, als Verurteilung oder als Kränkung zu empfinden als jemand, der/die sich ohne jeden Zweifel absolut sicher darin ist, dass sein oder ihr Gegenüber sie oder ihn zutiefst liebenswert, interessant und wichtig findet…

Inbesondere in Beziehungen, in denen es neben einer/einem Haupt-Partner:in noch weitere Liebes- oder Sexualpartner:innen geben darf, schreibt Jessica Fern, ist das aktive und bewusste Zumausdruckbringen der gegenseitigen Anerkennung und Verehrung geradezu ein unverzichtbares Muss. Sie sagt es deutlich kürzer:

In nonmonogamy, expressed delight is imperative.

Es gibt verschiedene Wege, einem anderen Menschen Anerkennung und Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Der einfachste von ihnen besteht wohl darin, dass wir das, was uns im Hier und Jetzt an unserem Gegenüber positiv auffällt, in genau diesem Moment einfach zur Sprache bringen:

→ „Ich liebe es, wenn du mich so anschaust…!“
→ „Die Farbe steht dir richtig gut…!“
→ „Was für eine coole Frage…!“
→ „Du hast einfach den geilsten Arsch der ganzen Stadt…!“
→ „Ich wünschte, ich könnte auch nur halb so gut … wie du…!“
→ „Diese Sauce ist ein Gedicht…!“
→ „Was für ein küssenswerter Mund…!“
→ „Ich finde es total toll, wie tief die Gespräche mit dir gehen…!“
→ „Danke, dass du dich mir damit zeigst…! Das bedeutet mir was…!“
→ „Das fand‘ ich gerade sowas von mutig von dir…!“
→ „…“

Ein schönes und in seiner bindungsverstärkenden Wirksamkeit nicht zu unterschätzendes Ritual, das manche Liebespaare miteinander pflegen, sind kleine Zettelchen, auf denen sie liebevolle Botschaften füreinander hinterlassen. Manchmal liegen diese vielleicht ganz offen auf dem Küchentisch, manchmal sind sie versteckt zwischen den Seiten des Buches, das die Andere gerade liest, im Kärtchenfach des Portemonnaies oder ganz oben in der Wäschebox, die er irgendwann später am Tage ausräumen wird. Derartige Zettelchen, insbesondere wenn sie eine Überraschung darstellen, wirken überaus festigend auf das Bindungsfundament zweier Menschen und ihre Zufriedenheit mit ihrem Beziehungsmiteinander.

Wir können unserem Gegenüber unsere Annahme und Verehrung durch unsere Worte zeigen, durch Handlungen, Berührungen oder sogar durch unsere Blicke…

Wer frisch „verliebte“ Menschen beobachtet, wird entdecken, dass diese sich mit einer ganz besonderen Art von Blick anschauen. Im Englischen wird dieser Blick als „beam gleam“ oder „attachment gaze“ bezeichnet. Es ist, als würden die Augen unüberhörbar zum Ausdruck bringen: „Wow, jetzt gerade find‘ ich dich einfach toll…!“

Manche Paare erhalten und pflegen diesen strahlenden Blick über viele Jahre hinweg. Weil sie bewusst entschieden haben, einander immer wieder mit genau diesem Blick anzuschauen, der all das Gute groß und leuchtend macht und alles, was anstrengend oder schwierig ist, pastellweich in den Hintergrund legt. Weil es nicht nur unfassbar schön und verbindend ist, mit dieser Art von Blick angeschaut zu werden, sondern auch, unseren Liebsten oder unsere Liebste mit diesem Blick zu betrachten…

All diesen Möglichkeiten, uns unsere gegenseitige Annahme und Verehrung zum Ausdruck zu bringen, liegen zwei bewusste und entschlossene Entscheidungen zugrunde.

Die erste dieser Entscheidugen besteht darin, das eigene Augenmerk immer wieder ganz bewusst darauf zu lenken, was uns am Anderen gefällt, was wir achtens-, liebens- und begehrenswert finden an ihm oder ihr. Und die zweite Entscheidung besteht darin, diese Dinge auch aktiv und bewusst zum Ausdruck zu bringen und dem/der Anderen immer wieder bewusst zu zeigen, dass wir ihn oder sie wirklich toll finden – und warum…

 

03 Schwingt euch immer wieder neu ganz bewusst aufeinander ein
(Jessica Fern: „Attunement“)

Bindung ist ein höchst emotionales Phänomen. Wir alle sehnen uns danach, uns gesehen und verstanden, willkommen und geborgen zu fühlen. Je stärker wir dieses Empfinden in Bezug auf einen bestimmten Menschen spüren, desto stärker ist unser Gefühl der Verbundenheit mit ihm oder ihr.

Sich aufeinander einschwingen bedeutet nicht, die Meinungen, Sichtweisen oder Herangehensweisen der anderen Person zu übernehmen oder ihr unreflektiert nach dem Mund zu reden. Es bedeutet nicht, das, was sie oder er erzählt, für „die eine Wahrheit“ zu halten oder sich jegliche Kritik am Verhalten dieses Menschen zu verkneifen…

Sich aufeinander einschwingen bedeutet, sich in die Erfahrungswelt und in das Empfinden dieses Menschen hineinzuversetzen. Es bedeutet, wirklich neugierig zu sein auf das, was im Leben und im Inneren dieser Person gerade los ist. Es bedeutet, die Erfahrungen, Gefühle, Sehnsüchte oder Wünsche der/des Anderen als das anzunehmen, was sie sind: als Erfahrungen, als Gefühle oder als offene Sehnsüchte oder Wünsche. Es bedeutet, wirklich wissen zu wollen, wie es dem oder der Anderen gerade geht…

Diese Art von tiefer Neugier aufeinander lässt sich nur sehr schwer vortäuschen. Nicht nur unser Gegenüber spürt, ob wir uns in sie oder ihn einspüren können; auch Unbeteiligte können dies relativ eindeutig beobachten…

Wenn zwei Menschen aufeinander eingeschwungen sind, schauen sie einander immer wieder ganz natürlich in die Augen. Ihre Gesichter und ihre Körper spannen sich an oder entspannen sich, je nachdem, wie ihre Interaktion miteinander verläuft. Außenstehende würden entdecken, dass ihre Körperhaltungen, ihre Gestik und Mimik sich aneinander angleichen und immer wieder spiegeln. So ist es, und so fühlt es sich an, wenn zwei Menschen wirklich da, wirklich präsent und aufeinander eingeschwungen sind.

Wenn wir die Erfahrung machen, dass da ein Mensch ist, der uns wirklich und wahrhaftig sehen will, der uns annimmt in unseren Erfahrungen, Gefühlen, Sehnsüchten oder Wünschen, dann werden unsere schützenden Mauern und Membranen weich und durchlässig. Wir beginnen damit, uns uns unserem Gegenüber zu öffnen und zu offenbaren, wie es wirklich aussieht in uns.

Wenn wir uns bei einem Menschen wirklich sicher darin fühlen, unser Inneres zu offenbaren, dann beginnen wir damit, diesem Menschen gegenüber immer echter und wahrhaftiger zu werden. Wenn wir damit beginnen zu spüren, dass wir uns unserem Gegenüber wirklich zeigen können, werden wir nach und nach immer selbstverständlicher unsere Masken und Membranen ablegen und uns einander wirklich so zeigen, wie wir sind. Je öfter wir genau dies tun und erfahren, desto stabiler und zugleich geschmeidiger wird das Band der Bindung zwischen uns werden…

Sich aufeinander einzuschwingen ist in manchen Fällen leichter als in anderen. Und es wird immer wieder Situationen geben, in denen uns dies schwer fällt – oder gar unmöglich ist. Weil das, was dieser andere Mensch erlebt, erlebt hat oder gerne erleben möchte, uns selbst mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert…

Sich einzufühlen in ein Gegenüber, das gerade von Zorn oder Groll auf uns erfüllt ist, ist für die meisten Menschen, die ich kenne, eine schwierige Herausforderung. Wenn uns ein Liebespartner davon erzählt, was dieser in einer anderen intensiven emotional bedeutsamen Beziehung seines Lebens gerade erlebt, kann sehr leicht Unsicherheiten oder Eifersuchtsgefühle wecken. Dasselbe kann passieren, wenn er oder sie uns gegenüber davon spricht, was ihr oder ihm in der Beziehung zu uns gerade (oder vielleicht sogar grundsätzlich) fehlt.

In derartigen Fällen gilt, was unter Punkt 01 „Seid da…! Seid ganz und wirklich da…!“ bereits beschrieben wurde:

Die eigenen Gefühle zu unterdrücken, um der oder dem Anderen zu suggerieren, gerade wirklich bei ihm oder bei ihr zu sein, ist keine gute Idee. Er oder sie wird spüren, dass wir gerade nicht Mitgefühl oder Wohlwollen empfinden, sondern innerlich mit ganz anderen Gefühlen zu tun haben. Unsere Körperhaltung, unser Atem, unsere Gestik und Mimik und auch der Klang unserer Stimme – all das wird uns verraten…

Wenn du also feststellst, dass das, was dir dein Gegenüber von seinen oder ihren Erfahrungen, Gefühlen, Sehnsüchten oder Wünschen berichtet, dich selbst triggert und aus deinem emotionalen Gleichgewicht bringt, dann ist der beste Weg, damit umzugehen, indem du genau dies so offen und transparent wie möglich zur Sprache bringst.

Möglicherweise wird es ein wenig leichter für dich, ihm zuzuhören, wenn er das eine oder andere seiner Worte austauscht gegen ein anderes, das für dich weniger emotional besetzt ist, aber für ihn gleichermaßen wahr. Vielleicht hilft es dir, wenn an dieser Stelle zunächst sie dir ein wenig Raum gibt, damit du dich mit deinen momentanen Erfahrungen oder Gefühlen zeigen kannst und gesehen fühlst. Möglicherweise hilft dir eine kleine Pause, in der du für sich sein und in dich selbst hinein lauscht und spürst. Oder vielleicht gibt es da einen Wunsch in dir, von ihr oder ihm eine Botschaft der Liebe, der Annahme oder Verbundenheit zu hören.

Uns aufeinander einzuschwingen, ist eine stetig wiederkehrende Aufgabe und Herausforderung für uns beide. Nicht immer werden wir in dieser brillieren. Manchmal werden wir darin gar mit Pauken und Trompeten scheitern. Schließlich haben wohl nur die wenigsten von uns bislang besonders viel Übung in dieser Art des Miteinanders. Vergessen wir nicht: Wir alle sind Kinder einer Konkurrenz- und Leistungskultur…

Je weniger wir uns selbst und einander vorwerfen, dass es uns, ihm oder ihr gerade mal wieder nicht gelungen ist, emotional verbunden, präsent und da zu sein, desto leichter wird es uns übrigens fallen, im Falle solcher Fälle schon kurze Zeit nach einem Konflikt wieder aufeinander zuzugehen, uns neu ineinander einzufühlen und die gemeinsame Basis unter unseren Füßen zu spüren.

Wie wichtig immer wieder dieser zueltzt genannte Aspekt ist, verdeutlicht Punkt 05: „Wendet euch einander nach Konflikten liebevoll zu…!“

Zunächst aber:

 

04 Initiiert und pflegt gemeinsame Rituale und Routinen…!
(Jessica Fern: „Rituals and Routines“)

Das Empfinden von Verbundenheit zu einem anderen Menschen aktiviert unseren Parasympathikus. Wenn wir uns verbunden fühlen, entspannt sich unser ganzer Körper. In uns wird es offen, weit und warm…

Sicherheit, Verlässlichkeit und Orientierung sind wichtige Aspekte dieses Verbundenheitsgefühls. Je tiefer und unanzweifelbarer in uns die Gewissheit verankert ist, für diesen Menschen unersetzbar und unaustauschbar wichtig und wertvoll zu sein, einen festen und unanfechtbaren Platz in seinem oder ihren Leben zu haben, desto entspannter und flexibler ist unser Nervensystem in seiner oder ihrer Gegenwart. Je tiefer wir wissen, wirklich wissen, dass er oder sie nicht nur ein Teil unseres jetzigen Lebens ist, sondern auch von ganzem Herzen ein Teil unseres Lebens in der Zukunft sein möchte, desto leichter fällt es uns, unsere Gefühle und Gedanken im Zaum zu halten, wenn ein innerer Anteil von uns möglicherweise gerade angetriggert wurde – und desto schneller finden wir nach einer konflikthaften Begegnung wieder zurück in die Liebe.

Eine wichtige Bedeutung für dieses Empfinden von Sicherheit, Verlässlichkeit und Orientierung beieinander haben gemeinsame Routinen und Rituale.

Dies kann der sich unregelmäßig regelmäßig wiederholende Cocktailabend oder Mittagstisch unter Freund:innen sein, die gemeinsame Elternarbeit an der Schule oder das monatliche Vereinstreffen. All diese Rituale und Routinen erzeugen und verstärken das Empfinden von Verbundenheit…

Eine besondere Bedeutung haben Routinen und Rituale allerdings in unseren Liebesbeziehungen, unabhängig davon, ob es von diesen immer nur genau eine oder auch mehrere zugleich geben darf…

Es kann die Art und Weise sein, wie wir gemeinsam in den Tag starten oder wie wir unser Essen zubereiten und zu uns nehmen… Es können feste, sich wiederholende Beschäftigungen sein, denen wir immer (mal) wieder gemeinsam nachgehen… Manche Rituale und Routinen betreffen bestimmte emotional aufgeladene Tage im Kalender wie Geburtstage, Weihnachten oder Sylvester… All dies kann, wenn wir es wirklich mit Saft und Leben füllen, unser Gefühl der Bindung und Verbundenheit miteinander vertiefen.

Insbesondere die Art und Weise, wie wir eine gemeinsame Begegnung oder Erfahrung beginnen und beenden, hat große Auswirkungen darauf, wie gesehen, gewollt und willkommen wir uns bei dem oder der jeweils anderen fühlen…

Die Art und Weise, wie wir uns begegnen, nachdem wir uns (vielleicht sogar für eine längere Zeit) nicht gesehen haben… Die Art und Weise, in der wir uns verabschieden, wenn wir uns (vielleicht sogar für eine längere Zeit) nicht sehen werden… Die Art und Weise, in der wir aus einer gemeinsamen Nacht in den Tag starten… Die Art und Weise, in der wir einen gemeinsamen Tag beenden… Oder ein Telefonat… Die Art und Weise, in der wir gemeinsam in Sinnlichkeit und Wollust eintauchen – und wieder aus ihr auftauchen… Die Art und Weise, in der wir im Streit auf Distanz gehen… Und die Art und Weise, in der wir aus unserem Groll wieder zurückkehren in die Liebe…

All dies sind emotionale Phasenübergänge, deren innerpsychische Bedeutung wir nur allzu leicht übersehen. In all diesen Augenblicken sind wir besonders empfindsam und berührbar. Die Art und Weise, wie wir diese gemeinsam begehen, hat daher große Auswirkungen darauf, wie sehr wir uns miteinander verbunden und füreinander bedeutsam fühlen…

Meine Empfehlung: Sprecht mit euren Liebespartner:innen darüber, welche Arten von Routinen und Ritualen für euch persönlich eine besondere Bedeutung haben, und wie ihr diese gerne miteinander gestalten würdet…! Werft insbesondere gemeinsam einen Blick auf das, was ich im vorherigen Absatz als „Phasenübergänge“ bezeichnet habe. Auch hier habt ihr die Möglichkeit, gemeinsam und partnerschaftlich darüber zu entscheiden, wie ihr diese miteinander auf eine Weise begehen könnt, die euch beiden möglichst gut tut und gefällt.

Vergessen wir an dieser Stelle allerdings nicht, dass auch in Sachen Rituale und Routinen die Dosierung das Gift macht… Werden diese beispielsweise zu Dogmen, verlieren sie schlagartig ihre verbindende Kraft und entfalten stattdessen eine auszehrende und belastendende Wirkung. Wir sollten daher nie vergessen, mit unseren eigenen oder gemeinsamen Routinen und Ritualen einen spielerischen und geschmeidigen Umgang zu pflegen, der immer wieder Raum gibt für Ausnahmen, Alternativen, Varianten und Experimente…

 

05 Geht nach Konflikten bewusst wieder aufeinander zu…!
(Jessica Fern: „Turning Towards After Conflict“)

Sobald wir damit beginnen, einander unter die Haut zu gehen, wird es unvermeidlich, dass wir irgendwann, über kurz oder lang, etwas tun oder sagen, das in unserer/m Partner:in eine alte Wunde antriggert. Und umgekehrt. Und das wird jedesmal irgendwie mindestens ein bisschen weh tun…

Je tiefer ein Mensch uns emotional unter die Haut geht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir miteinander irgendwann in einen irrationalen und potenziell auch durchaus heftigen Konflikt geraten… Das ist nicht schön, aber ich finde es auch nicht wirklich unverständlich…

Im übrigen finde ich, dass die Tatsache, dass die meisten unserer heftigen (insbesondere: Liebes-) Konflikte auf angetriggerten Schlüsselreizen oder anderen Missverständnissen beruhen, bei Lichte betrachtet eine ziemlich gute Nachricht darstellt…!

Wenn es uns gelingt, zu bemerken, dass eine aktuell angespannte Situation (oder auch ein hochexplosiver Konflikt) auf einem Missverständnis, einer Missinterpretation oder schlicht fehlenden Informationen beruht, ändert sich unser Fokus auf das, was in uns und um uns herum passiert. Wir werden ruhiger, zugewandter, weil wir nun zunächst einmal klären wollen, ob wir hier eigentlich gerade über dieselbe Sache reden, oder ob einer von uns die andere (oder umgekehrt) grad vollkommen missversteht…

Das Erkennen, Aufspüren und Ansprechen von Missverständnissen und angestoßenen Triggerpunkten ist daher ein wirklich hilfreiches Set an Fähigkeiten und Haltungen, wenn es darum geht, die Anzahl, die Heftigkeit und auch die Dauer unnötiger Konflikte zwischen uns und unseren Liebespartner:innen immer weiter zu verringern. Dennoch aber werden wir uns immer mal wieder emotional antriggern. Und außerdem gibt es da ja auch noch die notwendigen und unvermeidlichen Konflikte, zu denen es immer mal wieder kommen wird, wenn unsere jeweiligen Vorstellungen, Wünsche, Herangehensweisen oder Werte sich nur schwer oder gar gar nicht miteinander verbinden lassen…

Ebenso wichtig wie unsere Fähigkeit dazu, (unnötige!) Konflikte zu vermeiden ist daher unsere Fähigkeit, nach dem Aufflammen eines Konfliktes möglichst zeitnah und möglichst entschieden wieder zurückzukehren in die Liebe und von dort aus einen gemeinsamen Weg für das bestehende Problem oder die aktuelle Herausforderung zu finden…

Wobei es sich auch hier im Kern weniger um unsere Fähigkeiten dreht als um um unsere innere Haltung der Sache, unserem Gegenüber und uns selbst gegenüber.

Jessica Fern schreibt hier sehr pointiert: „Die Meister:innen in Beziehungsdingen sind in der Lage, aus vergangenen Fehlern oder Irrwegen zu lernen. Das Reparieren der Beziehungsebene hat für sie eine höhere Priorität als die Betrachtung oder Lösung des Problems.

(„The masters of relationships are able to learn from what went wrong and see that repairing the relationship is more important than the problem itself“.)

Und weiter: „Du kannst alle Kommunikationstechniken und Konfliktlösungsfähigkeiten der Welt draufhaben – nichts davon wird dir etwas bringen, wenn du immer noch die Einstellung hast, wahlweise Recht bekommen zu wollen oder aber zu beweisen, dass dein Partner falsch liegt.

(„[…] you can have all the communication techniques and conflict resolution skills in the world, but they do nothing if you still have an attitude of wanting to either be right or prove your partner wrong.“ (beides: „polysecure“ S. 193) )

So wertvoll Gesprächs- und Konfliktlösungstechniken wie „Gewaltfreie Kommunikation“, „Talk Down“, Selbstberuhigungsstrategien und Co. also auch sein mögen (und sie sind es ohne Zweifel…!) – es ist auch hier wieder unsere innere Haltung, die den Ausschlag gibt…

Frage dich daher ernsthaft:

→ Will ich gewinnen…? Oder will ich, dass wir beide gewinnen…?

→ Will ich ihn oder sie für meinen Schmerz bestrafen…? Oder erkenne ich, dass wir beide gerade leiden unter dem, wie es zwischen uns ist…?

→ Will ich wissen, wie es in ihm oder ihr wirklich aussieht…? Oder glaube ich, das längst sicher zu wissen…?

→ Will ich mich vor ihm/ihr schützen…? Oder will ich mich ihr/ihm öffnen…?

Jessica Fern führt in diesem Kapitel übrigens Studien des Gottman-Insititutes an, die belegen, was im Grunde uns allen klar ist: Je liebevoller, aufmerksamer und wertschätzender zwei Menschen miteinander in ihrem Alltag umgehen, desto seltener, desto milder und desto kürzer werden die emotionalen Stürme zwischen diesen. Dies unterstreicht auch hier noch einmal die unüberschätzbare Bedeutung von Punkt 02: „Zeigt euch immer wieder eure Anerkennung und Verehrung füreinander…!“ Ich empfehle euch hier daher ebenfalls erneut: Tut euch selbst, einander und der Welt einen Gefallen und nehmt diesen Tipp so bald wie möglich wirklich ernst…!

 

06 Festigt und vertieft eure Bindung und Beziehung zu euch selbst…!
(Jessica Fern: „Secure Attachment with Self“)

Diesem letzten Punkt widmet Jessoca Fern in „polysecure“ ein ganzes Kapitel. Hier geht es um unsere Bindung und Beziehung zu jenem Menschen, der uns durch unser gesamtes Leben begleitet, ganz egal, ob wir gerade eine/n Liebespartner:in haben oder nicht… Es geht um unsere Bindung und Verbundenheit mit uns selbst…

So lange wir nicht wirklich bereit sind, uns selbst wirklich anzuschauen und wirklich anzunehmen mit allem, was wir sind, so lange werden wir versuchen, uns selbst und die Welt (mindestens ein kleines bisschen) darüber zu täuschen, wer wir wirklich sind. Wir werden versuchen, unsere unverarbeiteten Wunden und unintegrierten Erfahrungen vor uns selbst und der Welt zu verbergen… Und so lange wir dies tun, laufen wir täglich Gefahr, dass urplötzlich irgendetwas passiert, das uns mit unserem unterdrückten und verdrängten Schmerz ebenso unvermittelt wie heftig konfrontiert…

So lange ich mich selbst (wahlweise mir bewusst oder hinter meinem eigenen Rücken) ablehne für das, was ich bin oder wie ich bin, werde ich eben diese Selbstablehnung immer wieder aus den Worten oder Taten meiner Mitmenschen heraus bestätigt finden… Je mehr ich nach und nach von dem anzunehmen und zu integrieren lerne, was und wie ich (unter anderem auch) bin, desto seltener werde ich mich auch von anderen in diesen Dingen angegriffen oder abgewertet fühlen.

Ein therapeutisches Sprichwort, das an dieser Stelle gut passt, lautet: „Was du an dir selbst wirklich angenommen hast, kann fortan kein Mensch der Welt mehr gegen dich verwenden.“

Die Basis und das Fundament all unserer sozialen Beziehungen in unserem Leben ist also unsere Beziehung zu uns selbst. Wir können uns selbst als Kritikerin begegnen, als Antreiber, als Richter, sogar als Despotin – oder halt eben auch als eine liebevolle Freundin oder ein liebevoller Freund… Welche Wahl wir an dieser Stelle treffen hat nicht nur Auswirkungen darauf, was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, sondern auch auf ausnahmslos jede emotional relevante Beziehung in unserem Leben…

All das, was in den zuvor geschriebenen Kapiteln an Hinweisen für unseren Umgang mit den emotional bedeutsamen Personen „da draußen in unserem Leben“ gegeben wurde, lässt sich 1:1 auch auf unseren Umgang mit uns selbst übertragen…

Wann und wie bin ich wirklich mit mir selbst präsent und richte meine Aufmerksamkeit ganz auf mich…?

Wann und wie zeige ich mir selbst, dass ich mir selbst wertvoll und wichtig bin…?

Wann und wie nehme ich mir die Zeit und Muße, wirklich in mich selbst hineinzulauschen und zu spüren…?

Welche Rituale und Routinen bereichern und vertiefen mein Leben…?

Wie gehe ich mit mir selbst um, wenn mir ein Missgeschick oder Fehler unterlaufen ist, oder ich mich in einer Art und Weise verhalten habe, die mir im Nachhinein unangenehm ist…?

Auch Jessica Fern spricht in diesem Kapitel mehrfach an, wie hilfreich es ist, die inneren Stimmen oder Anteile in uns als solche zu identifizieren und mit ihnen bewusst und auf Augenhöhe in Kontakt zu treten. Auf die Bedeutung unserer „inneren Anteile“, ihre Interaktionen miteinander und unsere Möglichkeiten, mit ihnen bewusst in Kontakt zu treten, gehe ich in meinem Blog immer wieder ein. Insbesondere widmen sich diese drei Essays vertieft diesem Aspekt unseres Menschseins:

wer ist ‚ich‘? (Der Fliegende Holländer)

Die vier Hüter:innen der Liebe

Der Tanz von Yang und Yin

Wer in die eigene Tiefe geht, wird altem, lange verdrängtem Schmerz begegnen. Das stimmt. Und das wird weh tun. Das stimmt auch. Der Weg in die Selbstliebe beginnt mit der Bereitschaft zur Selbstkonfrontation. Wer in die eigene Tiefe geht, wird dort Aspekten und Facetten seiner selbst begegnen, die ganz anders sind, als er oder sie sie gerne hätte. Auch das wird weh tun – und zwar ebenso uns selbst wie jenen abgelehnten oder gar verbannten Teilen in uns auch. Wer in die eigene Tiefe geht, wird Träume entdecken, die, einst leuchtend, irgendwie aus dem Blick gerieten und nun in einer dunklen, unaufgeräumten Ecke unserer Psyche vor sich hinverstauben… Und auch das wird wieder weh tun… Ich habe daher größtes Verständnis für all jene, die sich dafür entscheiden, diesen Weg nach innen lieber gar nicht erst anzutreten…

Wer jedoch den Weg in die Tiefe und durch den Schmerz hindurch nicht scheut, wird nach und nach mehr und mehr an sich und in sich entdecken, das ohne jeden Zweifel und zutiefst achtes-, mögens- und liebenswert ist. Ich spreche in diesen Prozessen aus guten Gründen heraus vom Heben versunkener Schätze…

Selbst hinter jenen Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Angewohnheiten, die wir an uns selbst ablehnen, stehen allzuoft innere Anteile, die selbst von der aktuellen Situation vollkommen überfordert sind und sich nichts lieber wünschen würden, als dass hier jemand anderes entschieden das Ruder übernimmt… Sobald wir lernen, mit diesen verirrten und emotional überforderten Anteilen in uns in einen liebevollen und wohlwollenden Kontakt zu treten, können wir damit beginnen, in unserem alltäglichen Umgang mit uns selbst ganz bewusst eine Kultur des Selbstmitgefühls, der Selbstannahme und der Selbstbewusstheit zu erschaffen und zu kultivieren.

Unsere Beziehung zu uns selbst und all dem, womit wir in unserem Inneren konfrontiert sind, beeinflusst massiv all unsere Begegnungen und Beziehungen mit anderen Menschen in unserem Leben. Wer sich selbst und all das, was sie oder er in sich wahrnimmt, liebevoll annehmen kann, wird auch anderen Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit und Leichtigkeit auf ganz natürliche Weise aufrichtig, mitfühlend und wohlwollend begegnen…

Unsere besonderen und nährenden Beziehungen zu den emotional bedeutsamen und wertvollen Menschen in unserem Leben mögen unsere innere Heilung durchaus immer wieder anstoßen – dies hier jedoch ist die Ebene, auf der die Heilung geschieht: In unser Beziehung zu und in unserem bewussten und liebevollen Umgang mit uns selbst…

Jeder Konflikt in unserem Inneren, den wir behutsam beginnen aufzulösen, wirkt sich aus auf unsere Haltung dem Leben, der Welt und unseren Mitmenschen gegenüber. Jede Selbstanklage, die sich im Lichte der Selbsteinsicht nach und nach in Dunst auflöst, macht uns offener, empathischer, wohlwollender und nicht zuletzt auch geschmeidiger im Umgang mit all dem, was uns in unserem Leben begegnet. Jedes innere Kind in uns, das zögerlich damit beginnt, für möglich zu halten, dass es da in uns einen festen Platz für es gibt, dass es dazugehört und da sein darf, so wie es ist, öffnet unser Herz auch für die größeren oder kleineren inneren Kinder in den Menschen um uns herum. Wir werden mitfühlender und einfühlsamer mit uns selbst und anderen. Was dazu führt, dass auch unsere Bindungen zu diesen mit der Zeit immer tiefer, stabiler und nährender werden…

 

How to Bindung – in a nutshell

Der Dreh- und Angelpunkt all unserer Erfahrungen in Sachen Bindung und Beziehung ist und bleibt unsere Beziehung zu uns selbst. Je tiefer, je wohlwollender und mutiger wir in die Tiefen unseres Inneren einzutauchen bereit sind, und je mehr wahre Schätze wir dort bereits hoben, desto weniger Furcht wird uns der Gedanke machen, uns auch Anderen gegenüber als der Mensch zu zeigen, der wir wirklich sind.

Diese Bereitschaft aber, uns wirklich selbst und ganz zu zeigen, ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass wir uns von unserem Gegenüber überhaupt als das, was wir sind, gesehen, angenommen und gewollt fühlen… Erwachsene Bindung setzt voraus, dass wir den Mut dazu haben, uns zuzumuten. So, wie wir sind.

Meine persönliche Erfahrung nach weit über einem Jahrzehnt als Coach und Therapeut ist immer wieder diese:

Je mutiger ein Mensch darin wird, wirklich aufrichtig mit sich selbst zu sein, desto liebevoller, freundschaftlicher und solider wird im ersten Schritt seine Beziehung zu sich selbst und in vielen darauf folgenden Schritten ebenso seine Beziehungen zu allen weiteren Menschen in seinem Leben.

Wer dies beherzigt, dem oder der wird es höchstwahrscheinlich nicht schwer fallen, in seinen Liebesbeziehungen oder emotional bedeutsamen Freundschaften immer wieder dafür zu sorgen, dass dieser andere Mensch sich gesehen, geachtet und wirklich gemeint fühlt.

Wer verstanden hat, dass Beziehungen (aller Art) nicht von alleine gedeihen, sondern im Gegenteil bei fehlender Aufmerksamkeit oder schlechter Pflege erkranken oder eingehen, wird aus sich selbst heraus dazu motiviert sein, emotional bedeutsamen Menschen ganz bewusst Zeit, Energie und Aufmerksamkeit zu schenken oder ihnen bei Bedarf und Möglichkeit freudig Unterstützung, Beistand oder Komplimente zukommen zu lassen.

Wer um die Bedeutung emotionaler Phasenübergänge weiß und diese verstanden hat, wird ganz von allein Aufmerksamkeit auf diese Augenblicke legen und diese gemeinsam und bewusst gemeinsame gestalten…

Wem das gemeinsame Glück wichtiger ist als der eigene, nicht selten aus ferner Vergangenheit hervorgeholte Schmerz, wird in Konflikten ganz aus eigenem Antrieb heraus bewusst und aktiv auf den oder die Andere/n zugehen und nach einer Lösung Ausschau halten, die für sich alle Beteiligten so stimmig wie möglich anfühlt…

Es geht hier daher bei allen Empfehlungen in diesem Artikel nicht um ein Toolset, das ich euch mitgebe, sondern um eine Perspektive und Haltung, zu der ich euch einladen möchte…

Wir alle sehnen uns nach Bindung. „Bindung“ ist etwas anderes als „Beziehung“. Sie ist geradezu das emotionale Fundament unter unseren Beziehungen.

Wie sturmfest oder wie fragil dieses emotionale Fundament zwischen zwei Menschen ist, ist kein Zufallsprodukt, sondern hängt davon ab, welche ganz spezifischen emotionalen Erfahrungen diese beiden miteinander gemacht haben, und wie diese beiden ganz konkret in ihren Begegnungen miteinander interagieren…

Wie sicher, wie wohl und geborgen wir uns in unserer Liebesbeziehung, in einer Freundschaft oder einer sexuellen Spielbeziehung fühlen, hängt von unserem konkreten Tun ab. Die hier beschriebenen “6 Bausteine eines wirklich sturmfesten Beziehungsfundaments“ können dir (oder, da es immer zwei braucht, besser: euch!) sehr dabei behilflich sein, eurer Beziehung oder Partnerschaft ein Fundament zu verpassen, das euch auch durch emotionale Stürme oder Krisen hindurch zu tragen im Stande ist…

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