Eine Ode an den Neid…

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Eine Ode an den Neid…

   

Manchmal ist das, was wie Groll aussieht,
nur missverstandene Bewunderung.

Kahlil Gibran (1883 – 1931)

 

Mitleid bekommt man geschenkt,
Neid muss man sich verdienen.

Robert Lembke (1913 – 1989)

  

Eines der am häufigsten und wohl auch mit am heftigsten missverstandenen Gefühle ist in meinen Augen der Neid… Ich finde daher, es ist dringend an der Zeit, seinen Ruf wiederherzustellen… Ich glaube auch, es ist gar nicht so schwer, wenn wir den Mut haben, uns dieses emotionale Erleben einmal in Ruhe und von Nahem anzuschauen…

Im Gegensatz zur Hoffnung, die uns, wenn wir wirklich ehrlich sind, jedesmal schwächt, wenn sie auftritt, unberührt davon allerdings landauf landab einen wirklich hervorragenden Ruf besitzt, gehört der Neid zu den unbeliebtesten Gefühlen überhaupt – und dies bei Lichte betrachtet ebenso himmelschreiend unverdient… Der Neid sticht uns, während die Hoffnung uns betäubt, er treibt uns vorwärts, während die Hoffnung uns lähmt…

Im Katholizismus zählt der Neid zu den „sieben Hauptlastern“ des Menschen und wird dort synonym mit den Begriffen „Missgunst“ und „Eifersucht“ genannt… Diese drei Begriffe allerdings sind meiner Auffassung nach alles andere als Synonyme zueinander… Und genau hier beginnt unser Missverständnis mit dem Neid…

Mein Verständnis jenes Phänomens, das wir als „Eifersucht“ bezeichnen, habe ich euch bereits an anderer Stelle eingehend erläutert… Dort erkläre ich auch, warum ich dieses ebenso schwammigen wie abwertende Wort inzwischen gänzlich aus meinem aktiven Wortschatz gestrichen habe und heute stattdessen den meiner Auffassung nach sowohl weitaus griffigeren als auch sachlich korrekten Begriff „Bindungsunsicherheit“ verwende…

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass auch „Neid“ und „Missgunst“ mitnichten dasselbe sind… Und dass eben dieser Unterschied ein bedeutender ist…

„Neid“ und „Missgunst“ basieren auf derselben Art von Erfahrung… In beiden Fällen liegt dem Gefühl ein subjektiver Mangel zu Grunde… In beiden fällen gibt es da jemanden, der irgendetwas tut, erlebt oder besitzt, dass wir selbst gerne tun, erleben oder besitzen würden… Mit dieser Erfahrungsqualität allerdings gehen „Neid“ und „Missgunst“ vollkommen unterschiedlich um…

  

Der Unterschied zwischen „Missgunst“ und „Neid“

Sowohl „Missgunst“ als auch „Neid“ sind meinem Modell unserer Gefühle (https://liebe-auf-augenhoehe.de/klueger-fuehlen-01-warum-wir-fuehlen/) zu Folge „komplexe Formen“ (https://liebe-auf-augenhoehe.de/klueger-fuehlen-05-komplexe-gefuehle/) des Ärgers…

Der Ärger an sich ist die emotionale Kraft, die dafür sorgt, dass wir in Situationen, in denen unsere Bedürfnisse oder Wünsche nicht erfüllt sind, wir dies jedoch ändern können, aktiv werden und Dinge tun, die dazu führen, dass sich unsere Erfahrung verändert… (https://liebe-auf-augenhoehe.de/klueger-fuehlen-03-grundgefuehle-erster-ordnung/) Der Ärger ist also, richtig justiert und kalibriert, ein überaus hilfreiches und nützliches Gefühl…

Komplexe Gefühle enthalten weiterhin den Handlungsauftrag desjenigen Grundgefühls, das ihnen zu Grunde liegt… In diesem Falle lautet dieser Auftrag: „Der hier vorliegende Mangel muss dringend behoben werden..:!“ Wie genau wir allerdings diesen emotionalen Auftrag umsetzen, hängt ganz zentral davon ab, welche Gedanken, Überzeugungen oder Haltungen in unseren komplexen Gefühlen zum Ausdruck kommen…

Der inherente Gedanke des Neides lautet:

„Das, was sie/er tut, besitzt oder erfährt, will ich auch tun, besitzen oder erfahren…! Wie komme ich da am Besten ran…?!“

Der inherente Gedanke der Missgunst dagegen sieht die Sache im Kern ein kleines bisschen anders… Er lautet:

„Das, was sie/er tut, besitzt oder erfährt, verdient sie/er nicht, sondern ich…! Wie kann ich ihr/ihm das am Besten wegnehmen…?!“

Die Missgunst ist, dem stimme ich vollkommen zu, ein überaus giftiges Gefühl, das uns über andere Menschen erhebt, das Anklagen und Ansprüche erhebt… Die Missgunst führt uns dazu, auf andere Menschen herabzublicken, sie zu manipulieren und zu entmenschlichen…

Der Neid dagegen sagt im Grunde nur: „Das will ich auch…!“

In meinen Augen ist die Missgunst daher so etwas wie eine degenerierte Form des Neides… Tatsächlich halte ich dieses Gefühl für eine Form von emotionaler Störung, die allerdings selten ihren Weg in eine therapeutische Praxis findet…

    

Was ich an mir selbst über den Neid herausgefunden habe…

Ich habe in meinem Leben sehr viel Zeit damit zugebracht, meine eigenen Gedanken, Gefühle und Impulse zu beobachten und zu reflektieren… Schließlich ist es nicht besonders leicht, als hochsensibler Mensch in einer Kultur zu leben, die ihren Menschen das Unterdrücken von Gefühlen gebetsmühlenhaft und darüber hinaus zumindest bei vielen anderen Menschen scheinbar überaus erfolgreich als eine Art von Tugend zu vermitteln versucht… Genau dazu nämlich war ich, wie ich früh feststellen durfte, nicht besonders gut in der Lage; und wenn doch, dann litt ich darunter…

In diesen Beobachtungen und Reflexionen meines Innenlebens entdeckte ich, dass sich der Neid in meinem eigenen Leben rückblickend betrachtet immer wieder als eine wirklich mächtige Antriebskraft herausgestellt hatte… Einige der tollsten und mir persönlich wertvollsten Verhaltensweisen, Besitztümer oder Erfahrungen meines heutigen Lebens waren irgendwann in meiner Vergangenheit einmal Verhaltensweisen, Besitztümer oder Erfahrungen, die ich an anderen Menschen beobachtete (oder zugegebenermaßen manchmal auch nur phantasierte oder projizierte…), und auf die ich damals von ganzem Herzen neidisch war…

Der Neid ist kein besonders schönes oder bequemes Gefühl… Er ist auch in meinem Leben immer begleitet von einem stechenden Eindruck des Mangels, der Unvollkommenheit oder Minderwertigkeit… Nein, das ist nicht schön… Das stimmt…

Im Blick zurück auf mein Leben allerdings sehe ich deutlich, wie das unangenehm stechende Gefühl des Neides immer wieder dafür gesorgt hat, dass ich neue Dinge angegangen, ausprobiert oder für möglich gehalten habe… Nicht selten haben sich genau dadurch erst Türen für mich geöffnet, deren Existenz ich zuvor nicht einmal für möglich gehalten hatte…

In meinem eigenen Leben achte ich den Neid daher als einen zwar unbequemen, aber überaus wertvollen Gast… Ich lade ihn seither ein zum Tee und plaudere mit ihm über Fragen wie:

->  Worauf genau ist welcher Teil in mir genau gerade neidisch…?

->  An welche Erfahrungen meiner Vergangenheit erinnert mich das…?

->  Was glaubt dieser Teil in mir, was genau in meinem Leben besser wäre, wenn auch ich dies tun, besitzen oder erfahren würde…?

->  Was denken andere Teile in mir darüber…?

Oder:

->  Was genau könnte oder müsste ich verändern, um auch eine Chance darauf zu haben, das zu tun, zu besitzen oder zu erfahren, was er oder sie tut, besitzt oder erfährt…?

    

Neid willkommen heißen…

Seit ich damit aufgehört habe, unangenehme Gefühl in mir auszublenden oder zu unterdrücken, stelle ich fest, dass es mir in Situationen, in denen ich beispielsweise Neid empfinde, immer leichter möglich ist, auf Fragen wie die obigen aus meinem Inneren heraus überaus wertvolle und hilfreiche Antworten zu bekommen…

Seit ich den inneren Anteilen in mir, die akuten (oder auch chronischen…) Mangel erleben, nicht mehr mit Abwehr, sondern mit immer bedingungsloser werdendem Mitgefühl und Wohlwollen begegne, hält interessanterweise auch das unangenehme Zwicken zu Beginn einer Neid-Erfahrung immer weniger lang an… Immer schneller switcht mein System vom „Das will ich auch..:!“ in ein „Was wäre nötig, um…?“ oder sogar in ein „Das probiere ich auch mal aus…!“

Außerdem gelingt es mir seither immer öfter und immer leichter, Neid, wenn ich ihn empfinde, der Person, die ihn in mir ausgelöst hat, gegenüber mit einem Lächeln und aufrechter Anerkennung zum Ausdruck zu bringen… Die Gespräche, die sich hieraus entwickelten, waren übrigens nicht selten von erstaunlicher Tiefe und beeindruckender Menschlichkeit…!

Vielleicht klingt es daher, nach dem ich all dies vorausgeschickt habe, gar nicht mehr so seltsam oder irritierend, wenn ich euch einlade:

Gebt dem Neid einen goldenen Platz in eurem Leben…!

Nehmt jene Teilen in euch, die euch ihren Neid oder Mangel spüren lassen, immer wieder fest und liebevoll in den Arm… Sie haben sich diese Gefühle schließlich nicht ausgesucht… Sie erleiden sie nur…

Und gebt den Menschen, die euch neidisch machen oder auf andere Weise beeindrucken, ein Zeichen eurer Anerkennung für das, was sie in euch auslösen…! Lasst euch überraschen, in welche Richtung sich solche Begegnungen oftmals ganz von selbst enntwickeln…!

    

💜💙💚💛🧡❤️

    

Was denkt ihr jetzt über den Neid – und über meine scharfe Unterscheidung zur Missgunst…? Leuchtet es euch ein, warum ich diesen Schnitt so scharf ziehe…? Warum ich bei aller vermeintlichen Ähnlichkeit das eine als zutiefst verseucht und das andere für unbequem, aber überaus nützlich ansehe…?

Hinterlasst mir gerne einen Kommentar…!

   

Ihr habt Lust auf mehr Input…?
Lest
sehr gerne hier weiter:

klüger fühlen

Es ist doch nur Eifersucht…!

6 Schritte zur Selbstliebe

Die Sache mit der Scham…

   

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Eine Antwort

  1. Ja, ich bin ganz bei dir. Ich habe es vorher „positiven Neid“ genannt. Der Antrieb etwas zu bekommen, was jemand anders schon hat. Trotzdem mit dem Gefühl des gönnens dabei.
    Doch der „negative Neid“ ist auch, nach dem Lesen deiner Gedanken, die Missgunst. Danke dir

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