Die Sache mit dem Fremdgehen – Worum geht es wirklich? Und wie kannst du dich schützen?

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gefühle: abgründe und urgründe

Die Sache mit dem Fremdgehen…

Worum geht es wirklich?
Und wie kannst du dich schützen?

Das Thema ist heiß. Es ist verrucht. Es berührt Urängste, Sehnsüchte oder Scham. Es ist emotional aufgeladen und dennoch ein Tabu. Der perfekte Stoff, um damit Auflage zu machen. Die Rede ist vom Fremdgehen!

Wenn wir den Umfragen glauben, dann ist jeder zweite erwachsene Mensch in unserem Lande schon mindestens einmal heimlich hinter dem Rücken seines Liebespartners aus der sexuellen Monotonie seiner Beziehung ausgebrochen, ist den Lockrufen der Verführung gefolgt und hat sich an fremder Haut und fremder Lust gelabt und genährt.

Dass es bei dem Thema vor allem um Männer geht, die ihre Triebe nicht unter Kontrolle halten können, ist inzwischen mehr als oft genug widerlegt. In anonymen Umfragen stellen wir keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Geschlechtern fest. Männer wie Frauen folgen dem Reiz des sexuellen Abenteuers. Männer wie Frauen verwickeln sich in Lügen, Täuschungen und Schwüren unter den Damoklesschwertern von Schuld und Scham. Männer wie Frauen verwischen die Spuren ihrer heimlichen Liebschaften in Telefonlisten, Mailboxen und Chatverläufen.

Warum gehen wir fremd?

Warum tut er das? Warum hat sie das getan? Die Gedanken der Betrogenen sind verseucht von emotionalem Gift. Was habe ich nur falsch gemacht? Wie konnte ich ihr nur so blind vertrauen? Warum habe ich die Zeichen nicht erkannt?

Männer- wie Frauenzeitschriften kennen die emotionale Not ihrer Zielgruppe. Und so erklären sie uns unisono die Gründe, warum oder wodurch das andere oder eigene Geschlecht anfällig wird für heimliche Abenteuer oder Romanzen.

Langeweile im Bett, emotionale Vernachlässigung, ein Kick für das eigene Ego – je nach Autorin oder Autor der Artikel rangieren die vermeintlichen „Gründe“ für einen Seitensprung auf unterschiedlichen Platzierungen der jeweilig vorgetragenen Top Ten.

Egal, wie wir die Gründe ranken. Auf den ersten Blick machen sie alle Sinn. Endlich wieder frisches Wasser auf die vertrockneten Mühlen der Lust! Endlich wieder Nähe, Wärme, Tiefe. Mich endlich wieder geliebt und geborgen fühlen oder begehrenswert und schön! All dies sind gute Gründe dafür, mit einem Menschen zu schlafen. Guter Sex erfüllt uns so viele tief liegende Bedürfnisse.

Guter Sex zündet eine wahres Feuerwerk der Glückshormone in uns. Wir fühlen uns wieder lebendig, saftig, kraftvoll und schön. Unsere Augen leuchten, unsere Haut strafft sich, unser ganzer Körper richtet sich auf. Ja, das ist wundervoll. Das ist himmlische Wonne, ein Rausch aus reinem Glück.

All das hat nur Fremdgehen nichts zu tun.

Wissenswertes über das Fremdgehen

Fremdgehen definiert sich nicht über die Quantität oder Qualität der körperlichen Erfahrung. Zugegeben: Die kann ganz großartig, freudig und erfüllend sein. Bei Lichte betrachtet ist sie gerade das meistens jedoch nicht.

Das Fremdgehen ist definiert durch die Heimlichkeit des Tuns. Das, was wir Seitensprung nennen, wird erst dadurch zu einem solchen, dass wir einen anderen Menschen vorsätzlich täuschen. Es existiert eine gegenseitige Verbindlichkeit zwischen uns und einem anderen Menschen. Diese Verbindlichkeit ist wie ein mündlicher Vertrag, den wir durch unser Tun einseitig außer Kraft setzen, ohne jedoch die andere Partei darüber in Kenntnis zu setzen.

Der Makel, der dadurch auf uns fällt, liegt nur zweitrangig in den Augen unseres betrogenen Partners. Er liegt in unseren Augen. Vor uns selbst werden wir makelhaft. Wir sind es, die ein Wort gegeben haben, zu dem wir nicht stehen. Wir sind also nicht vertrauenswürdig. Darüber hinaus sind wir feige. Wir sind feige, weil wir nicht zu uns selbst stehen – zu unseren Gefühlen, unseren Bedürfnissen und Wünschen. Und wir haben Angst. Angst, entdeckt zu werden, aufgedeckt zu werden, erkannt zu werden. Wenn das, was wir tun oder sind, wahrhaftig offenbar wird, dann wenden sich andere von uns ab. Jeder heimliche Seitensprung trägt in sich einen bitteren Kern aus Scham und Selbstverurteilung.

Jeder Mensch, der schon mal einen Partner oder eine Partnerin betrogen hat, kennt diesen kurzen, magischen Moment. Wir stehen vor der Entscheidung. In uns erklingt ein autoritäres „Nein!“ oder ein gütig mildes „Lieber nicht.“ In den Moment der stillen Spannung hinein erhebt sich in uns eine trotzige Energie, legt lächelnd einen Joker auf den Tisch und sagt: „Doch.“

Vielleicht ist das, was wir nach diesem „Doch.“ erleben, ein markerschütterndes Beben der Leidenschaft. Vielleicht ist es ein tiefes ineinander Ruhen und Spüren. Und dennoch ist da dieses Element von Makel.

Oh, ja! Die Leidenschaft oder Tiefe einer heimlichen Affaire mag um Dimensionen übersteigen, was wir in unserer bisherigen Beziehung in diesem Feld erfahren. Sie mag uns jeden offenen Wunsch im Überfluss erfüllen. Und doch kommt sie niemals ganz in ihre Kraft. So lange Scham und Trotz im Spiel sind, – und das sind sie immer, wenn wir unser wahres Ich vor anderen verbergen – können wir uns in unserer Sexualität nicht ganz öffnen und dadurch natürlich auch niemals wirklich tief berühren lassen. Wir empfangen niemals das ganze Geschenk.

Wie entsteht ein Seitensprung?

Im Kern unterscheidet sich das Fremdgehen nicht von jeder anderen Tätigkeit. Wie letztlich all unser Handeln dient auch dieses Tun dem inneren Zweck der Bedürfniserfüllung. Da ein Seitensprung allerdings immer einen hohen emotionalen Preis (Schuld, Scham, Angst) mit sich bringt, muss es sich hierbei um eines oder mehrere sehr starke Bedürfnisse handeln. Bedürfnisse, die in der als verbindlich geltenden Beziehung offensichtlich keinen Raum haben.

Und hier genau liegt des verflixten Pudels Kern: Warum hatten so wichtige Bedürfnisse eines Menschen in seiner Liebesbeziehung keinen Raum?

In einer Umfage des Statistischen Bundesamtes (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/719/umfrage/erfuellung-sexueller-wuensche-in-der-partnerschaft/) gaben 65% der Männer und 56% der Frauen an, dass ihre sexuellen Wünsche in ihrer Partnerschaft unerfüllt blieben. Jeder zweite Nicht-Single in Deutschland bleibt sexuell unerfüllt. Das ist eine ziemlich hohe Zahl. Wie kommt das?

Oder anders gefragt: Wie können wir das verhindern?

Wie bringen wir unsere Sehnsüchte in unsere Beziehung ein? Teil 1

Damit ein Wunsch oder ein Bedürfnis in einer Beziehung Raum findet, braucht es zwei.

Es braucht einen, der die eigenen Wünsche, Vorlieben oder Sehnsüchte so sehr angenommen hat, dass er sie aussprechen kann. Nicht als Forderung oder Erwartung an den anderen, sondern als das, was sie sind. Als Wunsch. Als Vorliebe. Oder als Sehnsucht.

Nicht, um den anderen dafür verantwortlich zu machen. Nicht als etwas, das der andere erfüllen muss. Sondern als etwas von uns, was wir dem anderen zeigen.

Leider haben noch viele von uns ein eher gespaltenes Verhältnis zu unseren sexuellen Wünschen und nicht selten unserer Sexualität an sich. Lieber schweigen wir und erdulden Mittelmaß, als dass wir uns erheben in die ganze Kraft unserer irdischen Lebendigkeit. So wird das natürlich nichts.

Andere von uns haben gelernt, kämpferisch für sich einzutreten. Wir sagen so Sachen wie „Du musst…!“, „Man muss…!“, „Ich verdiene…!“ oder auch „Ich brauche…!“. Wir pochen wann immer es geht auf unser gutes Recht. Wenn das nicht machbar ist, pochen wir auf ja wohl berechtigte Erwartungen. So wird das natürlich auch nichts.

Wir wissen doch alle: Ein anderer Mensch kann uns niemals etwas erlauben oder verbieten. Wir allein verfügen über das Recht der Selbsterlaubnis und Selbstverantwortung für unser Tun. Dennoch hat unser Liebespartner etwas, das wir uns nicht selbst geben können. Etwas, das uns niemand anderes geben kann. Was dieser Mensch allein uns geben kann, ist sein Segen zu unserem Wunsch.

Wer sich dieses Wissen vor Augen hält, wird von seinen Wünschen anders sprechen.

Wie bringen wir unsere Sehnsüchte in unsere Beziehung ein? Teil 2

Selbst wenn es diesen Menschen gibt, der das kann, dann braucht es immer noch den zweiten. Denjenigen, der die Wünsche, Phantasien und Bedürfnisse des anderen als das sehen kann, was sie sind. Es sind Ideen von Freude. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der andere zeigt uns etwas von sich. Etwas, das sowieso da war, nur dass wir es nicht von alleine bemerkt haben. Wir bekommen eine Wahrheit geschenkt. Ob wir diesen Wunsch erfüllen können oder wollen, ist an dieser Stelle nicht wichtig. Im Augenblick des Hörens

Es mag sich für uns schwierig anfühlen, wenn der andere über seine Bedürfnisse und Wünsche spricht. Vielleicht konfrontieren sie uns mit Angst. Oder Scham. Vielleicht machen sie uns ärgerlich oder traurig. Aber vielleicht freuen wir uns ja auch.

Wenn in uns eine Idee unseres Liebespartners allerdings unangenehme Gefühle auslöst, dann reagieren viele von uns leider mit einem eilig verkündeten „Nein!“. Unterstreichend fügen wir hinzu: „Ich möchte das nicht.“ Das mag zwar wahr sein, ja. Es ist nur leider an dieser Stelle weder hilfreich noch relevant. Relevant ist, was dieser Wunsch des anderen in mir auslöst. Das zu zeigen, ist es nun an mir.

Auch dies erfordert also die Fähigkeit starker Selbstannahme. Und die Bereitschaft, diese innere Reaktion ebenfalls liebevoll und ergebnisoffen mitzuteilen.

Daraus entsteht ein Prozess. Eine gemeinsame Suche nach Möglichkeiten für größtmögliche Freude im gesamten Beziehungsfeld. Hierdurch erhalten unserer beider Wünsche und Bedürfnisse zwischen unseren Herzen Raum.

Aber wenn…!

Es mag sein, dass es Wünsche gibt, die ich meinem Liebespartner nicht erfüllen kann oder will. Oder er mir. Vielleicht habe ich den Wunsch nach Abwechslung. Nach Jagen und Erlegen unbekannter Beute. Nach mich verrucht und schamlos fühlen. Und vielleicht habe ich mich auch – ups! – einfach verliebt. Aber wenn all das andere Raum finden konnte, dann doch wohl auch das.

Zwei Menschen, die es schaffen, in dieser Art und Weise über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen, erhalten sich eine über viele Jahre freudige, immer wieder neu lebendige und aufregende Sexualität. Gleichzeitig schenken sie einander Aufrichtigkeit, Intimität, Geborgenheit und Vertrauen.

All das ist keine Garantie auf 100%ige Ehrlichkeit, Transparenz oder Loyalität in einer Beziehung. Kein Mensch ist gefeit vor der unwiderstehlichen Versuchung, die ihn oder sie all dies in Frage stellen lässt.

Und dennoch bleibt unser offener und liebevoller Umgang mit allem, was an Gefühlen, Sehnsüchten oder Wünschen in unserer Beziehung Raum sucht, die beste Versicherung, die wir je kriegen werden gegen die Versuchungen der Täuschung und des Verrats.

Lies hier weiter:

Das Gras auf der anderen Seite des Hügels: Wie du deinem Partner das Fremdgehen austreibst

„Es ist doch nur Eifersucht…!“

Treue 2.0

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