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Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

Lass dich einladen zu einem kleinen Experiment: Du begibst dich an einem sonnigen Tage in die Einkaufspassage einer beliebigen größeren deutschen Stadt. Dort findest du einen Platz in einem gemütlichen Café mit Blick auf das Geschehen, bestellst dir ein Getränk und beobachtest die Menschen.

Du fragst dich: Wer an diesem Ort hatte in der letzten Zeit richtig guten Sex?

Nachdem du das ein paar Minuten lang gemacht hast und vielleicht fündig wurdest, kommt in dir die Frage auf: Woran mache ich das fest?

 

Sex at dawn – Die Welt, aus der wir kommen

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle, britischer Schriftsteller (1859 – 1930)

„Lerne die Situation in der du dich befindest, insgesamt zu betrachten.“
Miyamoto Musashi, japanischer Samurai (1584 – 1645)

 

Es fällt schwer, das aktuelle Buch von Christopher Ryan und Cacilda Jathá („Sex – Die wahre Geschichte“, Klett-Cotta-Verlag, 2016: Original: „Sex at dawn – How we mate, why we stray, and what it means for modern relationships“, Harper Collins, New York, 2010) nicht als Meilenstein anthropologischer Forschung zu bezeichnen. Das Werk ist ein atemberaubender Husarenritt durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Archäologie, Anthropologie, Ethnologie, Ethologie, Psychologie und Biologie. Jedes wissenschaftliche Indiz ist penibel recherchiert und mit Namen und Verweisen belegt. 36 Seiten verwenden Sie auf weiterführende Anmerkungen, weitere 35 für die Auflistung der verwendeten Quellen.

Die Autoren waren gut beraten darin, sich derart gewissenhaft in alle Richtungen abzusichern. Denn das, was sie abliefern, kehrt nicht nur unser Bild des Menschen von innen nach außen. Es nimmt darüber hinaus einige tief verwurzelte Selbstverständlichkeiten unserer („modernen“) Kultur und Lebensart derart fundamental unter Beschuss, dass von ihnen am Ende der knapp 360 Seiten nicht viel mehr übrig ist als Trümmer und Geröll.

Nicht ohne Grund bezeichnet Ulrich Clement, Leiter des Instituts für Sexualforschung an der Universität, Hamburg Ryans und Jethás Werk als „Die Bibel der Polyamoristen“.

Ihr Buch ist ein gnadenloser und vernichtender Angriff auf die verbreitete Annahme, der Mensch wäre von Natur aus zur Monogamie veranlagt. Wer „Sex at dawn“ gelesen hat, dem kommen nachhaltige Zweifel daran, ob das mit der sexuellen Exklusivität in einer Liebespartnerschaft wirklich zuende gedacht ist.

Aber darum geht es hier nicht.

Gleichbedeutend mit der viel diskutierten Frage, welche Auswirkungen ihre Erkenntnisse auf unsere Vorstellung einer glücklichen und erfüllten Partnerschaft haben, steht die Frage: Welche Auswirkungen haben ihre Erkenntnisse auf unser Verständnis von der Bedeutung unser Sexualität?

 

Born to … äh, was?!

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton H. Erickson, amerikanischer Psychologe (1901-1980)

„Die Zeit wird kommen, wo unsere Nachkommen sich wundern, daß wir so offenbare Dinge nicht gewußt haben.“
Lucius Annaeus Seneca, römischer Philosoph (4 v. Chr – 65 n. Chr.)

 

Wir Menschen stammen evolutionär aus der Linie der Hominiden (Menschenaffen), zu denen neben uns noch – in absteigendem Verwandschaftsgrad – die Schimpansen (und Bonobos), die Gorillas und die (letzten noch lebenden) Orang Utans zählen.

Als sogenannter „Kleiner Menschenaffe“ wird manchmal der Gibbon bezeichnet. Der übrigens als fernster in unserer Verwandschaftslinie als einziger das Leben in Monogamie wählt. Orang Utans und Gorillas leben polygyn. Das heißt: Wenige Männchen „betreuen“ jeweils einen Harem mehrerer Weibchen.

Diese drei entfernt verwandten Familien haben trotz ihrer so unterschiedlichen Vorstellungen von Treue eine interessante körperliche Gemeinsamkeit, in der sie sich von Menschen deutlich unterscheiden. Die Männchen dieser Arten verfügen über geradezu winzige Penisse (Plural korrekt: Penes) und Hoden! Winzig bedeutet: Der Penis eines männlichen Silberrückens hat eine beachtliche Kampflänge von 3 cm. Im erigierten Zustand. Auch seine Hoden sind deutlich kleiner als die der Menschen, Bonobos und Schimpansen. Orang Utans kommen auf ein Zepter von immerhin 4 cm. Die Penes der Schimpansen und Bonobos sind doppelt so groß. Und der Mensch? Ganz egal bei wem wir messen: Im Vergleich zum Zepter unserer haarigen Verwandten ist jeder Menschenmann von der Lende an vorwärts ein Hüne.

Was soll das?! Warum stattet die Evolution die Männchen der Gattung Mensch mit derart prachtvollem Kopulationsbesteck aus? Oder war es gar der liebe Gott selbst, der uns ja – gewissen Legenden zu Folge – „nach seinem Ebenbilde“ schuf…?!

Gorillas, Orang Utans und Gibbons paaren sich nur selten. Sämtliche sexuellen Tätigkeiten dieser drei Arten finden ausschließlich zu den Zeiten weiblicher Fruchbarkeit statt. Darum brauchen die Männchen der Gibbons (Monogamie), Orang Utans und Gorillas (Polygynie) keine großen Hoden. Er ist der einzige Mann; seine Vaterschaft ist sicher. Der Penis muss weder besonders groß, noch besonders geformt sein. Seine einzige Aufgabe ist es, seinen Samen dort abzulegen, wo sowieso nur er Zutritt hat. Schimpansen und Bonobos sind da anders. Und wie wir alle wissen ebenso der Mensch.

Ryan und Jethá listen eine Unzahl weiterer körperlicher Phänomene auf: Vom Größenunterschied zwischen den Geschlechtern über mittlere Anzahl der Parungsakte bis zur Zeugung und durchschnittlichen Spermiendichte pro Schlückchen Duweißtschonwas (s.u.) bis hin zum jenem im gesamten Tierreich mit Abstand einzigartigem Facettenreichtum erotischer Spielarten und Vorlieben, mit denen sich der Mensch im Schlafzimmer (oder in der Küche oder im Wald oder auf der Bartoilette oder… oder… oder…) erfreut. Von der Form der männlichen Eichel über die Beschaffenheit des weiblichen Muttermundes bis hin zur chemischen Beschaffenheit des männlichen Ejakulats. Und weitere!

Wer schon immer wissen wollte, warum Menschen-Frauen beim Sex weltweit und in allen Kulturen im Schnitt deutlich lauter sind als das Männchen (und ebenso lauter als die Weibchen der Gibbons, der Orang Utans und der Gorillas), dem lege ich wärmstens das Kapitel über Sinn und Nutzen weiblicher Kopulationsrufe ans Herz. Nur so viel vorab: Es hat mit monogamer Treue nicht besonders viel am Hut.

Wir können von dieser Information nun halten, was wir wollen, aber Ryans und Jethás Indizien wiegen schwer. Ganz offensichtlich haben im Verlauf der 200.000 jährigen Geschichte des modernen Menschen rund 95% unserer Vorfahren ein Leben geführt, das ihnen neben der Erledigung der üblichen Tagespflichten (Früchte Sammeln, Wild jagen, Höhle ausfegen…) genügend Zeit, Gelegenheit und Freiheit ließ, um sich mehrmals am Tag mit verschiedenen Vertretern des anderen oder auch des gleichen Geschlechts zu paaren.

Ob es uns gefällt oder nicht, das ist unser genetisches Erbe. Dafür sind wir gemacht.

 

Strange Days – Die Welt, in der wir heute leben

„Jeder einzelne von uns ist ein Abbild Gottes, aber jeder gleicht einem beschädigten Bild. Wenn wir eine Ikone erhielten, die durch Abnutzung, durch menschlichen Hass oder andere Umstände beschädigt wurde, würden wir sie mit Ehrfurcht, Zärtlichkeit und Trauer betrachten. Wir würden unsere Aufmerksamkeit nicht in erster Linie der Tatsache zuwenden, dass sie beschädigt ist, sondern der Tragödie ihrer Beschädigung. Wir würden uns darauf konzentrieren, was von der Schönheit übrig ist und nicht auf das, was von der Schönheit verloren ging. Und das ist es, was wir bezüglich jedes Menschen noch lernen müssen.“
Andrei Borissowitsch Blum, russisch-orthodoxerer Bischof (1914 – 2003)

„Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.“
Albert Camus, französischer Schriftsteller (1913 – 1960)

 

Die Welt, in der wir heute leben, unterscheidet sich gewaltig von der Welt, in der unsere Vorfahren zu 99% der Zeit unserer Geschichte gelebt haben.

Noch zur Zeit Christi Geburt lebten auf dem gesamten Planeten weniger als 200 Millionen Menschen. Vor 10.000 Jahren waren es voraussichtlich nur 5 Millionen. Und es werden nicht mehr, je weiter wir rückwärts gehen. Bald werden auf der Erde 10 Milliarden (!) Menschen leben. Die Weite und Unberührtheit der Natur, die viele unserer Vorfahren bis vor wenigen Jahrzehnten (!) noch kannten, hat nur noch wenig mit der Welt zu tun, in der sich die meisten Menschen heute bewegen und sich orientieren.

Wir können viel über das Wohl und Wehe unserer modernen „Zivilisation“ diskutieren. Wir genießen mit großer Sicherheit einige Annehmlichkeiten (Wärme, Sicherheit vor Naturgewalten, Information, Bildung, Maschinenkraft und Rechenleistung), die unsere Vorväter und Vormütter nicht besaßen. Unser heutiges Leben würde wahrscheinlich den meisten unserer Ahnen vorkommen wie reine Zauberei. Ich bin kein Naturromantiker. Ich behaupte nicht, dass damals alles besser gewesen ist als heute. Möglicherweise jedoch, gebe ich zu bedenken, war nicht ausnahmslos alles damals schlechter, als es heute ist.

Die meisten Menschen unserer heutigen Zeit leben ihr Leben lang in relativer Sicherheit vor hungrigen Raubtieren oder tödlichen Unwettern. Daran sterben wir nicht mehr. Oder korrekter: Nur sehr wenige von uns. Indes, woran sterben wir stattdessen?

Nach aktuellen Aussagen des Statistischen Bundesamtes sind vor allen Dingen Herz-und Kreislauferkrankungen, die uns Deutsche umbringen. An zweiter Stelle folgen die Krebsleiden.

Größere Sorge als die allgemeine Sterblichkeit bereitet vielen Menschen im Lande allerdings die drastische Zunahme von psychischen Phänomenen wie Depressionen, Süchten oder emotionale Störungen. Die Anzahl psychischer Krankheiten nimmt seit einigen Jahrzehnten dermaßen zu, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Waren 1990 die drei größten Leiden der Menschheit Lungenentzündung, Durchfall und Kindstod, so sind es 2020: Herzinfarkt, Depressionen und Angststörungen.

Was, bitte, hat das mit Sex zu tun?


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