Was ist „Liebe auf Augenhöhe“?

 

 

 

 

 

 

Was ist „Liebe auf Augenhöhe“?

7 Entscheidungen für eine neue Dimension von Partnerschaft

In dieser Woche titelte die ZEIT (Nr 24 vom 08. Juni 2017) mit einer erstaunlich emotionalen Fragestellung. „Was ist Liebe auf Augenhöhe?“, fragte sie bedeutungsschwer. Wow; dachte ich. Ich halte diese Frage in der Tat nicht nur für intellektuell interessant und herausfordernd, sondern darüber hinaus für hochgradig richtungsweisend und bedeutsam.

Die Welt hat zwar bedeutend größere und dringendere Probleme als unser partnerschaftliches oder erotisches Miteinander, aber wenn wir es wirklich schaffen wollen, miteinander eine Weltkultur des Friedens, des Mitgefühls und der Kooperation zu manifestieren, dann begnnt dieser Weg in unseren kleinsten Einheiten des Miteinanders:

In unseren Freundschaften und Liebesbeziehungen, in unseren Ehen und Familien, in unseren Küchen und Schlafzimmern legen wir die Basis für all das Große, das wir aus unseren direkten, engsten Umfeld hinaus tragen in die Welt um uns herum.

Die Frage: „Was ist Liebe auf Augenhöhe?“ verändert nicht nur unseren Umgang mit unseren Liebsten. Sie ist eine Schlüsselfrage. Sie verändert unser gesamtes Sein und Wirkens in der Welt.

Die große Dekonstruktion, Teil 1.

Das vergangene halbe Jahrhundert hat die ehemals alternativlosen Rollenbilder von Mann und Frau strategisch dekonstruiert. Die traditionellen Rollenzuschreibungen waren starr und lebensfeindlich. Sie haben die Frau zum Heimchem und Hausmütterchen degradiert und den Mann zur Arbeitsdrohne und zu politischem Kanonenfutter.

Die Mutter hatte sich um die Kinder zu kümmern, ob sie wollte oder nicht. Der Beitrag des Vaters zur Entwicklung seiner Kinder beschränkte sich darauf, die Haushaltskasse stetig aufzufüllen. Ob Papa gerne auch mit den Kleinen gespielt, geredet oder gekuschelt hätte, anstatt sie nach getaner Werksarbeit im Auftrag der ehrenwerten Frau Mutter mit dem Gürtel zu misshandeln, hat damals niemanden interessiert.

Halten wir uns vor Augen: All das ist noch nicht besonders lange her.

Viele der heute erwachsenen Kinder jener Zeit wurden erzogen in und geprägt von einem Partnerschafts- und Familiensystem, das den einen Elternteil himmelschreiend überforderte und den anderen auf das Erbärmlichste marginalisierte. Ich persönlich fühle mich den Feministinnen und Feministen des vergangenen Jahrhunderts von ganzem Herzen zu Dank verpflichtet. Dafür, dass sie dieses menschenfeindliche System so beharrlich und konsequent bekämpft und schließlich zerbrochen haben.

Der Käfig traditioneller Rollenbilder ist gesprengt. Endlich sind wir frei, zu wählen, wie wir als Mann der Frau unser Leben führen. Nur hatte uns leider niemand beigebracht, in der Wildnis dieser neuen Feiheit zu überleben oder gar heimisch zu werden. Was bedeutet es, Mann zu sein, Frau zu sein, in einer Welt oder Kultur, in der wir über unsere eigene Identität zu großen Teilen selbst bestimmen können? Das hat uns niemand erklärt.

Und so stehen bis heute unzählige von uns wie frisch befreite Zootiere verwirrt und ahnungslos in den Trümmern ihrer ehemaligen Gefängnisse und wissen nicht, wer sie sind, wer sie sein möchten oder könnten als Mann oder als Frau.

Die große Dekonstruktion, Teil 2

Doch das Auflösen der alten Rollenmuster war nur der Anfang jener Beziehungs-Revolution, deren Auswirkungen wir inzwischen, wenn wir mit offenen Augen schauen, in allen Richtungen unseres Blickfeldes sehen können.

Die Freuden der Sexualität sind seit Jahrzehnten nicht mehr das Hoheitsgebiet exklusiver Liebesbeziehungen. Unsere Sprache kennt inzwischen eine Vielzahl an Ausdrücken für Menschen, mit denen wir sexuell aktiv sind, ohne dass daraus langfristige gemeinsame Zukunftspläne erwachsen würden.

Und auch innerhalb von Ehe oder Partnerschaft ist die sexuelle Exklusivität schon lange nicht mehr das eherne Gesetz, das es früher – zumindest nach außen hin – war. Polyamore Beziehungen, offene, zum Teil langjährige Liebschaften neben dem oder der Liebsten und Paare, die sich als „Swinger“ mit Gleichgesinnten in entsprechenden Clubs vergnügen, sind längst keine Ausnahmephänomene mehr.

In der Liebe sind wir frei wie nie. Wir sind heute in der Lage, nicht nur unseren Beziehungspartner frei zu wählen (natürlich immer in Anbetracht von Angebot und Verfügbarkeit), sondern auch die Verteilung unserer Aufgaben und nicht zuletzt die Rahmenbedingungen unserer Beziehung selbst. Diese neue Freiheit allerdings verlangt eine neue Qualität des partnerschaftlichen Verhandelns („auf Augenhöhe“) in der Liebe. Nur hatte uns leider niemand beigebracht, wie das eigentlich so richtig geht.

Und so erleben wir heute in den Liebesbeziehungen und Ehen unserer Kultur ein Durcheinander von geradezu epischem Ausmaß. Da sind diejenigen, die ahnen, dass ein Mehr (an was auch immer) möglich ist, aber im Angesicht der damit verbundenen Unsicherheit und Verantwortung (nämlich: für sich, den Partner und (!) die gemeinsame Beziehung) in Schockstarre verfallen. Wünschend,… ahnend… und sich doch nie trauend,… innerlich zerrissen zwischen Sehnsucht und Selbstverbot.

Da sind jene Anderen, die im Brustton der Überzeugung schon zu Beginn einer möglichen Beziehung unmissverständlich klar stellen: „Ich bin übrigens polyamor!“ Und glauben, damit wäre alles geklärt. Als sprächen sie von einer eindeutigen, quasi-genetischen Disposition, mit der ein potenzieller Beziehungspartner nun klarzukommen habe. Und das soll Liebe sein?

Und da sind jene, die von den Möglichkeiten und damit verbundenen Verantwortungen so überfordert sind, dass sie gar keine committeten Beziehungen mehr eingehen, sondern wahlweise als „Beziehungsanarchisten“ sich hier nehmen und dort nehmen, was ihnen gerade gefällt, oder aber sich ganz aus dem Beziehungsspiel ganz zurückziehen in ein Lebensmodell äußerer Souveränität („Ich brauche keinen Mann!“) und innerer Einsamkeit.

Die Frage: „Was ist Liebe auf Augenhöhe?“ ist in meinen Augen wichtiger denn je.

Leider gibt die ZEIT keine Antwort darauf. Sondern nutzt es, schlimmer noch, als hohle Überschrift für eine boulewardpressewürdige Marginalie über das Privatleben eines Politikers aus der zweiten Reihe, gewürzt mit Platitüden über böse Männer und arme, treusorgende Frauen. Schäm‘ dich, liebe ZEIT!

Ich werde auf diesen Artikel und ein paar in meinen Augen interessante und wichtige Aspekte jenseits seines Blickwinkels an anderer Stelle näher eingehen.

Hier möchte ich die Antwort geben, die die ZEIT dir und mir nach ihrer großen Ankündigung schuldig blieb:

Was ist denn nun Liebe auf Augenhöhe?


Also published on Medium.