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Beziehung oder Partnerschaft? Was verbindet euch?

Beziehung oder Partnerschaft?!

Schön, ihr seid jetzt zusammen! Aber was heißt das?

„Wir sind jetzt fest zusammen!“, jubelt die Stimme am Telefon. „Es ist so schön!“ Diese Freude ist so echt und kommt von so tief drinnen, dass ich gar nicht anders kann, als mich mitzufreuen. „Oh, wie schön!“, stimme ich in den Jubel ein. „Was für eine Art von Beziehung habt ihr miteinander?“ Am anderen Ende des Telefons irritiertes Schweigen. Dann, zögerlich: „Naja, wir sind jetzt zusammen!“ „Cool!“, antworte ich lächelnd. „Was für eine Beziehung habt ihr denn miteinander?“ Wieder Schweigen. Dann: „Häh…?! Wie, was für eine…?!“

Ich darf an dieser Stelle zugeben, dass ich nicht nur bei meinen Klient*innen, sondern auch privat hier und dort den Ruf habe, an seltsamen Stellen unerwartete Fragen zu stellen. Nicht jedes Mal leider zur reinen Freude meiner Gesprächspartner.

Manchmal jedoch bekomme ich die Chance, meine vermeintlich schrägen Fragen zu erklären. Manchmal klingt die Frage danach dann irgendwie gar nicht mehr ganz so dumm…

Die Sehnsucht nach der einen, wahren Liebe…

„Der einzige Unterschied zwischen einer Laune
und der „ewigen Liebe“ besteht darin,
dass die Laune etwas länger dauert.“

Oscar Wilde

Viele von uns tragen in sich eine tiefe Sehnsucht nach Vollständigkeit. Wir spielen nach draußen hin den großen Mann, die starke Frau, aber in Wirklichkeit fühlen wir uns unvollständig und allein gelassen. Wir sehnen uns und suchen nach Halt und dem Gefühl, wirklich geliebt und willkommen zu sein – so, wie wir sind.

Leider haben nur die wenigsten der heute erwachsenen Menschen in unserem Land in ihrer Kindheit jemals die nährende Erfahrung bedingungsloser Liebe und Anerkennung machen dürfen. Nicht ohne Grund sind so viele Beziehungen heute erwachsener Menschen zu ihren Eltern geprägt von Abneigung, Distanz und teils sogar tiefem Groll. Die Journalistin Sabine Bode liefert in ihren Büchern eindrückliche Beispiele für einige typisch deutsche Familiengeschichten und zeigt auf, welches schwere Erbe aus den traumatischen Erfahrungen unserer Vorgenerationen bis heute in vielen von uns nachwirkt.

Darüber hinaus leben wir in Deutschland (oder vielleicht in allen kapitalistisch geformten Regionen) in einer Kultur der beständigen gegenseitigen Täuschung, die uns einbläut, unsere wahren Gedanken und Gefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse, unbedingt zu verbergen; vor allem aber: unsere Grenzen, Ängste, Schmerzen – all jenes halt, was wir für unsere „Fehler“ oder „Schwächen“ halten.

Wir zeigen uns einander nicht so, wie wir sind, sondern spielen uns eine Show vor, weil wir Angst davor haben (bzw. gefühlt einfach zu oft genau die Erfahrung gemacht haben…!), die Achtung oder Liebe wichtiger Menschen zu verlieren, wenn wir uns einander wirklich in unserer ganzen, uns selbst so oft beängstigenden oder beschämenden Unvollkommenheit zeigen. Vor unserem kulturellen Hintergrund betrachtet ist dieses Vorgehen natürlich vollkommen verständlich und plausibel. Es fordert allerdings einen verdammt hohen Preis.

Der Haken an dieser Strategie nämlich liegt darin, dass wir auf diese Weise garantiert (!) niemals (!) erfahren können, ob oder gar dass ein Mensch uns so achtet oder gar liebt, wie wir sind. Wir bekommen lediglich immer wieder eine Rückmeldung zu der Frage, ob wir die Rolle, die wir spielen, gut spielen. Aber ist das wirklich die Frage, die uns im Herzen interessiert? Ich glaube, das ist sie nicht. Ich glaube nur leider, dass diese Strategie die einzige ist, die vielen von uns durch Vorbild und Nachahmung immer wieder eingetrichtert wurde.

Und so stolpern wir durch unser Leben auf der Suche nach dem einen Menschen, der uns bedingungslos achtet und liebt. Allerdings tun wir dies auf eine Weise, die genau diese Erfahrung geradezu zwingend verhindert. Ist das nicht traurig?

Ich persönlich finde das furchtbar traurig.

Die Märchen haben (es) uns verraten!

„Man vergisst leicht wie mysteriös und mächtig Geschichten sind.
Sie arbeiten im Stillen, unsichtbar. Sie arbeiten mit den ‚Stoffen‘
des Geistes und des Selbst. Sie werden ein Teil von dir, während
sie dich verändern. Nimm dich vor den Geschichten, die Du liest
oder erzählst in Acht: auf subtile Weise verändern sie nachts
unter der Oberfläche des Bewusstseins Deine Welt.“

Ben Okri

Na?! Wo glauben wir alle, dieses ersehnte Gefühl der bedingungslosen Annahme finden zu können? Wo erwartet es uns? Wer oder was führt uns nach Haus?

Die Märchen haben es uns verraten! Und das gilt nicht nur für die Märchen, die wir in unserer Kindheit hörten. Es gilt auch für die Märchen, die wir heute als Erwachsene über Leinwand oder Bildschirm verfolgen, und ebenso für die Märchen, die wir täglich von den Menschen um uns herum erzählt bekommen. Sie alle wissen: In der Liebe finden wir das Glück!

Die letzten Worte unzähliger Volksmärchen sind Legende: „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende…“ (Oh, ein Reim! Den lasse ich drin!) Kaum ein Hollywood-Märchen kommt ohne Liebesgeschichte aus. Rundumzu fliegen Raumschiffe, Zauber oder Gags, aber mittendrin sind da diese zwei, die immer wieder umeinander herumtänzeln, bis sie am Ende des Films endlich zusammen sind. Ziel erreicht! Jetzt ein Kuss, romantische Musik und weich ausblenden, bitte!

Was meine ich mit den Märchen unserer Liebsten und Bekannten? Damit meine ich, dass über vielen Beziehungen (oder „Partnerschaften“?) ein Schweigegelübde liegt, das Konflikte, Sorgen oder offene Sehnsüchte nicht nach außen dringen lässt. Klar, man hat auch mal Streit, aber das ist natürlich alles im Rahmen. Nichts, worüber es sich lohnen würde, zu sprechen! So erzählen wir es uns. Über die wahre Tiefe unseres Schmerzes, unserer Sehnsucht oder unseres Grolls wissen oft selbst beste Freundinnen und Freunde nicht Bescheid.

Interessant finde ich, dass sogar Menschen, die schon vielfältige verschiedene Liebeserfahrungen gemacht haben, der Überzeugung sind, all die schmerzhaften Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit mit der Liebe (oder dem, was sie dafür hielten) gemacht haben, bedeuteten lediglich, dass der oder die Richtige bislang irgendwie noch nicht dabei gewesen ist. Als gäbe es so etwas wie „den Richtigen“ oder „die Richtige“, mit dem oder mit der es dann endlich so wäre wie im Märchen: „[…] und sie lebten glücklich und zufrieden bis…!“

Wir sind darauf fixiert, den Richtigen oder die Richtige zu finden und mit ihm oder ihr „zusammen zu kommen“. Wir glauben, die Beziehungsfrage ließe sich mit einem „ja“ oder „nein“ beantworten, und damit wäre es das. Das ist jedoch ein Trugschluss.

Die Liebe (sei sie emotionaler oder erotischer Natur) fragt niemals nach dem „ob?“. Ist dir das noch nie aufgefallen? Wenn die Liebe im Spiel ist, dann ist die „ob?“-Frage längst nicht mehr relevant. Die Antwort der Liebe auf das „ob?“ lautet, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, immer „Ja!“. Die Liebe fragt niemals nach dem „ob?“, sondern immer nur nach dem: „wie?“.

Was ist eine „Beziehung“ überhaupt?

„Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern;
der Widerspruch scheint sein Element zu sein.“

Giacomo Casanova

Ein wichtiger Begriff in Bezug auf die Liebe ist für viele Menschen, die ich kenne, das Wort „Beziehung“. Eine „Liebesbeziehung“ zu haben, das ist in den Augen vieler etwas grundlegend Besonderes. Dadurch, glauben sie, ließe sich unterscheiden zwischen platonischen Freunden und nicht exklusiven sexuellen Begegnungen auf der einen Seite und exklusiv monogam committeten Langzeitpaarungen auf der anderen Seite. So ein Quatsch!

Ich bin bereits an anderer Stelle und ausführlich auch in meinem Buch darauf eingegangen, dass ich die Vorstellung dauerhaften exklusiv monogamen Glücks ohne engagiertes beiderseitiges Zutun für schwer auf Sand gebaut halte. In meinen Augen ist die überwiegende Mehrheit der Ehen und „Liebesbeziehungen“ in unserem Lande mitnichten monogam, sondern in Wirklichkeit heimlich nichtmonogam. Nur wissen darüber halt nicht alle beteiligten Beziehungspartner gleichermaßen Bescheid.

Von meiner Warte her betrachtet ist es so, dass wir zu ausnahmslos jedem Menschen, der uns je emotional berührt hat (auf welche Weise auch immer dies geschehen ist) eine Art von Beziehung haben. Es muss nur der Name fallen oder ein anderer Schlüsselhinweis genannt werden, und schon kommt in uns das Bild dieses Menschen auf und löst etwas aus. Das kann schön oder nicht so schön sein, intensiv oder weniger intensiv (inbesondere, wenn die Erfahrung schon länger zurückliegt). Dennoch zeigt sich mir sehr deutlich: Selbstverständlich haben wir zu diesem Menschen eine Beziehung.

Wir haben eine Beziehung zu unseren Eltern, zu Kolleg*innen und Freund*innen, zu jeder Affaire, zu jedem und zu jeder Ex (ob wir sie „zurückhaben“ wollen oder nicht). Das gilt übrigens ganz unabhängig davon, ob diese Beziehung aktuell durch Kommunikation und Interaktion belebt wird. Wir können sehr intensive Beziehungen haben zu Menschen, denen wir in unserem Leben überhaupt nicht (mehr) begegnen. Der Unterschied ist: Findet Kommunikation und Interaktion statt, dann haben wir nicht nur zu diesen Menschen eine Beziehung, sondern auch mit ihnen.

Aber was soll diese Verwässerung des Beziehungsbegriffs? Wenn wir letztlich mit allen möglichen Menschen Beziehungen führen, und das alles dann doch irgendwie dasselbe ist, wofür bräuchten wir diesen Begriff dann überhaupt?

Wir brauchen ihn, und wir brauchen ihn genau in dieser Form, gerade weil nämlich all die unterschiedlichen Beziehungskonstellationen unseres Lebens alles andere als irgendwie gleich sind. Erst durch die Vogelperspektive erkennen wir die Diversität und Vielgestaltigkeit unserer Beziehungen. Manche unserer Beziehungen beinhalten das Spiel mit sexueller Lust, die meisten nicht. Manche unserer Beziehungen beinhalten ein hohes Maß an Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz, die meisten (leider!) nicht. Manche unserer Beziehungen beinhalten gemeinsame Verantwortung, gemeinsam verbrachte Zeit oder gemeinsame Geheimnisse. Andere nicht.

Wir führen Beziehungen unterschiedlichster Art. Manche davon sind Liebesbeziehungen. Manche davon sind Beziehungen sexueller Natur. Manche sind sogar (zumindest für eine Zeitlang) beides zugleich! Zu sagen: „Wir haben eine Beziehung!“ ist begrifflich also schwer unklar, denn es lässt die aller-aller-wichtigste Frage aus: „Was für eine Beziehung genau habt ihr denn miteinander?“ Das ist das eine.

Zum anderen umschiffen wir damit noch eine zweite Frage. Diese ließe sich, anders als die erste, sogar mit einem klaren „ja“ oder „nein“ beantworten. Diese Frage allerdings ist dann doch so groß und bedeutsam, dass viele von uns in ihrem Angesicht schreckhaft einatmen. Die zweite Frage, vor der wir uns drücken, lautet:

Ist das, was ihr eure „Beziehung“ nennt, auch eine „Partnerschaft“?

„Partnerschaft“ bedeutet Kooperation.

„Wo die Liebe herrscht,
da gibt es keinen Machtwillen.“

Carl Gustav Jung

Ebenso weit wie ich die Definition des Begriffs „Beziehung“ gerade gefasst habe, genauso eng und scharf umgrenzt ist das, was ich unter dem Wort „Partnerschaft“ verstehe. „Partnerschaft“ ist mehr als nur eine Vokabel. „Partnerschaft“ ist eine Entscheidung. „Partnerschaft“ ist die Königsklasse aller (Liebes-) Beziehungen!

Was bedeutet „Partnerschaft“?

„Partner“ zu sein bedeutet zunächst einmal, dass es so etwas gibt wie eine gemeinsame Sache, ein Projekt, ein gemeinsames Ziel. Das kann die Gründung oder Erweiterung einer Familie sein, ein Business-Projekt, ein gemeinsames politisches oder soziales Anliegen oder ein gemeinsamer Entwicklungsweg. Das kann jedoch auch etwas so Einfaches (und gleichzeitig Bedeutendes) sein wie die Entscheidung, die gemeinsame Liebesbeziehung konsequent dazu zu nutzen, uns selbst und einander zu beschenken mit Augenblicken und Erfahrungen des Glücks. Auch das kann unser gemeinsames „Liebesprojekt“ sein: Die Erfahrung unserer Liebe als „Kooperative zur Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“ (KMG³).

Meinen Klienten übrigens empfehle ich wärmstens, selbst bei Vorhandensein weiterer gemeinsamer „Projekte“ genau dieses letztgenannte möglichst fest und tief verankert in den Kanon der gemeinsamen Liebespartnerschaft mit aufzunehmen. Leider nämlich verlieren so gut wie wir alle im Laufe unserer „Beziehungen“ immer wieder genau dies aus den Augen. Welchen Wert aber wird eine „Beziehung“ oder gar „Partnerschaft“ auf Dauer für uns haben, die unser beider und unser gemeinsames Glück nicht beständig nährt und mehrt?

Frage dich: Was ist unser gemeinsames Ziel?

Frage dich: Ist unsere Beziehung eine „Kooperative zur Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“?

100% ehrlich und aufrichtig.

„Zwei Dinge verleihen der Seele am meisten Kraft:
Vertrauen auf die Wahrheit und Vertrauen auf sich selbst.“
Lucius Annaeus Seneca

Drehen wir es so herum: „Partnerschaft“ bedeutet nicht, dass ausnahmslos alles erzählt werden muss. „Partnerschaft“ bedeutet in meinen Augen allerdings glasklar, dass ausnahmslos nichts verschwiegen wird.

Halten wir uns selbst und einander doch bitte nicht länger zum Narren. Wir alle spüren innerlich doch sehr genau, ob der Teil unserer Geschichte, den wir unserem oder unserer Liebsten gerade nicht erzählen, ein emotional unbedeutendes Detail ist – oder ein Geheimnis.

Muss ich darauf wirklich näher eingehen? Ich spreche hier nicht von der Art von Geheimnissen, die nötig ist, um liebevolle Überraschungen zu ermöglichen. Ich spreche von der Art von Geheimnissen, die sich anfühlt wie eine Faust in unserem unteren Bauch. Du weißt genau, welche Art von Geheimnissen ich meine. Diese Art von Geheimnissen ist in einer „Partnerschaft“, so wie ich sie verstehe, schlicht tabu.

Habe ich dich bei dem letzten Satz gerade schlucken gesehen? Ist dir diese Latte zu hoch gelegt? Gehörst du zu denen, die sagen: „Man muss zuhause zwar alles essen, aber man muss nicht alles wissen!“?!

Ich sehe das so: Wenn du wirklich mein/e „Partner*in“ bist, dann gibt es keinen Grund, mich dir gegenüber auch nur in Details anders zu zeigen, als ich es wirklich bin. Wenn ich weiß, dass wir gemeinsam (liebevoll und kooperativ!) an derselben Sache dran sind (die – siehe oben! – bestenfalls die Mehrung unseres jeweiligen und gemeinsamen Glücks umfasst…), warum sollte ich dann meine wahren Gedanken oder Gefühle, Grenzen oder Wünsche, vor dir verbergen?

Da sie alle Einfluss haben auf den Verlauf unseres „Liebesprojekts“, wäre es nicht geradezu fahrlässig, dir derart wichtige Information vorzuenthalten? Wie sollst du klare und gute Entscheidungen in unser beider Sinne treffen, wie sollst du dir meiner Liebe und meines Beistandes gewiss sein, wie sollst du mir vertrauen oder dich in meiner Gegenwart je wirklich fallen lassen können, wenn du nicht weißt, wer ich wirklich bin?

Uns wurde von klein auf beigebracht, zu lügen und zu täuschen wären soziale Fähigkeiten, die man in unserer Welt bräuchte, um ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Da mag durchaus etwas dran sein, wenn wir das Glaubensbekenntnis des Kapitalismus auch zu unserem eigenen machen. Aber haben wir uns je gefragt, ob wir die Menschen, die uns dies beizubringen versuchten, eigentlich selbst für besonders erfolgreich oder glücklich halten?

Sind wir möglicherweise Zeit unseres Lebens den Wegbeschreibungen ganz offensichtlich verirrter Geister gefolgt…?!

In meinen Augen ist es unübersehbar, dass Lügen und Täuschungen langsame, aber hochwirksame Gifte sind, die jeder Beziehung auf Dauer zwangsläufig eine toxische (Neben-) Wirkung verpassen. Je öfter oder gar selbstverständlicher wir selbst andere Menschen über uns täuschen, desto misstrauischer werden wir selbst den Menschen gegenüber, die wir täuschen. Die getäuschte Person mag dabei so naiv oder gutgläubig sein, dass sie die Lüge tatsächlich nicht im Entferntesten ahnt. Im Herzen des Lügenden jedoch zieht im Augenblick des Lügens immer auch das Misstrauen in die Beziehung ein. Fragen wir uns ernsthaft: Wie viel Partnerschaft ist solchen Umständen möglich?

Leider haben bislang nur die wenigsten von uns mit der Art von partnerschaftlicher Aufrichtigkeit und Integrität, für die ich hier werbe, positive Erfahrungen gemacht. Dafür gab es und gibt es bislang schlicht nur wenige Vorbilder bei uns. Wie sollte es anders sein – in einem Land, in dem die gegenseitige Täuschung scheinbar integraler Teil unserer Leitkultur ist…?! Jeder und jede Einzelne von uns hat das Zeug dazu, an diesem furchtbaren Umstand etwas zu ändern.

Du wolltest schon immer mal ein wertvolles Vorbild sein? Wunderbar! Ich lade dich hiermit von Herzen dazu ein!

Ein Hinweis, von dem ich wünschte, dass er überflüssig wäre: Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bedeuten nicht, dem oder der Anderen ungefiltert alles vor den Kopf zu knallen, was uns gerade an Gedanken, Gefühle oder Impulsen durch den eigenen Kopf geht. Es bedeutet, dem oder der Anderen liebevoll die Chance zu geben, uns zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Bevor wir einander unsere Gedanken, Gefühle und Impulse auf diese Weise zeigen können, braucht es ein in Kontakt gehen mit uns selbst. Nicht jeder Gedanke, den wir denken, ist auch „unsere Wahrheit“. Nicht jedes Gefühl, das in uns hochkommt, ist entscheidungsrelevant. Nicht jeder Impuls, den wir verspüren, möchte wirklich ausgelebt werden.

Wie an so vielen anderen Stellen auch, so zeigt sich auch hier, wie sehr die Beziehung (oder „Partnerschaft“), die wir miteinander führen, davon abhängt, welche Beziehung (oder „Partnerschaft“) eigentlich jede/r von uns zu sich selbst hat. Was ich in mir in Liebe angenommen habe, kann ich auch dir frei und offen (und vor allem entspannt!) zeigen. Weil es ein Teil von mir ist, den ich achte und ehre. Was ich jedoch selbst ablehne an mir, das werde ich voraussichtlich auch dir nicht auf eine Weise zeigen können, die dein Herz berührt und seine Tore in Liebe für mich öffnet.

Frage dich: Bin ich bereit zu echter Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit mit mir selbst?

Frage dich: Bin ich mutig genug, mich auch dir ebenso bedingungslos wie liebevoll so zu zeigen, wie ich bin?

Liebevolle Annahme und bedingungsloses Wohlwollen.

„Wer getäuscht werden will,
wird nicht betrogen.“
Kurt Groenewold

Das dritte Feature, das „Partnerschaft“ unterscheidet von allen anderen Arten von „Beziehungsdeals“, ist ein Commitment zu gegenseitiger liebevoller Annahme und bedingungslosem Wohlwollen.

Wir alle haben die Erfahrung gemacht, wie es ist, uns einem Menschen zu öffnen und anschließend für das, was wir von uns gezeigt haben, abgelehnt, ausgelacht oder verachtet zu werden. Wollen wir also wirklich, dass dieser Mensch, von dem wir sagen, dass wir ihn lieben, diese Erfahrung nun auch mit uns wieder und wieder macht? Oder wollen wir nicht viel lieber, dass der Mensch, von dem wir sagen, dass wir ihn lieben, in unserem Beisein ganz andere Erfahrungen macht? Wollen wir, dass der Mensch, von dem wir sagen, dass wir ihn lieben, sich öffnet oder verschließt?

Der Mensch, von dem wir sagen, dass wir ihn lieben, ist in all seiner Andersartigkeit an diesem Punkt genau wie wir. Er oder sie wird sich nur dann öffnen, wenn er oder sie sich darin vollkommen sicher fühlt. Da die Erfahrung der Ablehnung bei den meisten von uns tief sitzt, braucht es Mut auf der einen Seite. Uns zu offenbaren, macht uns Angst. Die Knie werden weich und der Magen wird flau. Es braucht Mut, das auszusprechen, während ein Teil von uns in Panik schreit: „Das reißt uns ins Verderben!“

Genau darum braucht es auch auf der anderen Seite Mut. Den Mut, das anzuschauen und zu erfahren, was wirklich da ist. Das Vertrauen in uns selbst, dass wir in der Lage sein werden, mit dem, was immer uns vom Anderen offenbart werden möge, in einer guten, würde- und liebevollen Art und Weise umzugehen. Den Mut, uns Erfahrungen auszusetzen, die uns möglicherweise irritieren, verunsichern oder ent-täuschen. „Partnerschaft“ verlangt von uns den Mut, an der Wahrheit zu wachsen und in sie hinein.

Liebevolle Annahme und bedingungsloses Wohlwollen sind Entscheidungen, die wir treffen können – oder nicht. Haben wir sie wirklich getroffen, dann werden sie wie Dünger an den Wurzeln unserer Beziehung oder Partnerschaft sein. Zwei Menschen, die diese Entscheidung füreinander täglich neu fällen, werden die Liebe zwischen sich immer wieder zum Blühen und Gedeihen bringen.

Frage dich: Bin ich bereit, meinen Partner / meine Partnerin so zu sehen, anzunehmen und zu lieben, wie er/sie ist?

Frage dich: Fühle ich mich von meinem Partner / meiner Partnerin so gesehen, angenommen und geliebt, wie ich bin?

„Partnerschaft“ kostet Zeit und Lebenskraft.

„Die eigentlichen Geheimnisse auf dem Weg zum Glück
sind Entschlossenheit, Anstrengung und Zeit.“
Tenzin Gyatso (XIV. Dalai Lama)

Wenn ein Mensch für uns emotional so bedeutsam wird, dass wir ihn „unseren Liebsten“ oder „unsere Liebste“ nennen, vielleicht sogar „unseren Partner“ oder „unsere Partnerin“, dann lässt es sich nicht vermeiden, dass uns die schmerzhaften Erfahrungen unserer Vergangenheit einholen. Missverständnisse führen zu emotionalen Wellen. Unterschiedliche Wünsche oder Bedürfnisse prallen aufeinander. Das verursacht Schmerz, Leid, offenen oder unterdrückten Konflikt.

Wir können einander helfen zu heilen. Ja. Aber das braucht Zeit und immer wieder die Bereitschaft, uns auf aufwühlende Gefühle bei uns selbst oder unserem/unserer Liebsten einzulassen.

Jemand bezeichnete Liebesbeziehungen aller Art einmal als „die kleinsten und intensivsten Selbsterfahrungsgruppen der Welt“. Da ist eine Menge dran. Nur wenig im Leben kann uns derart viel Energie und Rückenwind schenken wie eine bedingungslos aufrichtige Liebespartnerschaft. Doch Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis kosten Zeit; sowohl für unsere körperlichen und emotionalen Trainingseinheiten zu zweit ebenso wie für die gedankliche und emotionale Einordnung unserer Erfahrungen mit uns allein.

All das kostet Zeit und Lebenskraft.

Frage dich: Bin ich bereit, in das Projekt „persönliche und partnerschaftliche Entwicklung“ reell Lebenszeit und Lebensenergie zu investieren?

Frage dich: Wie viel Raum und Platz bin ich bereit, der Liebe in meinem Leben zu geben?

Beziehung oder Partnerschaft?

„Wer das Ziel kennt, kann entscheiden;
wer entscheidet, findet Ruhe;
wer Ruhe findet, ist sicher;
wer sicher ist, kann überlegen;
wer überlegt, kann verbessern.“

Konfuzius

Nein, natürlich ist in der Liebe nicht immer von Anfang an klar, wohin die Reise geht. Gerade in der Phase der Verliebtheit scheinen uns noch alle Türen offen zu stehen. Später, im Abgleich mit der Realität, wird klar, dass nicht alle Liebesbeziehungen in unserem Leben die Voraussetzungen dazu gehabt hätten oder haben werden, sich zu echten „Partnerschaften“ weiter zu entwickeln. Manchmal ist da einfach kein so klares Ja. Manchmal ist da zu viel Angst vor der Wahrheit. Manchmal ist da schlicht zu wenig Zeit.

Das macht diese anderen Beziehungen nicht unbedeutend. Aus manchen von ihnen werden wir Entwicklungsimpulse mitnehmen, die uns Türen öffnen oder Weiten erschließen. Und das sicherlich nicht zuletzt zumindest auch im Guten. Dennoch aber unterscheidet sie etwas ganz Zentrales von dem, was in meinen Augen „Partnerschaft“ ist.

Eine „Liebespartnerschaft“ kann monogam (schwierig!) oder sexuell offen (anders schwierig!) sein. In beiden Fällen wird es immer wieder Mut brauchen und Entschlossenheit, Selbstüberwindung und Zeit. Im Gegensatz zur „Beziehung“, die wir so oder so führen können oder geschehen lassen, ist „Partnerschaft“ eine Entscheidung, die uns immer wieder aus unseren Komfortzonen heraus katapultiert.

„Partnerschaft“ bedeutet immer wieder emotionale Arbeit aneinander und an uns selbst. „Partnerschaft“ bedeutet für die meisten von uns ein Umlernen in Dingen, die wir lange für „zwangsläufig“ oder „alternativlos“ gehalten haben. So etwas passiert nicht von allein. Zu sowas muss man nicht nur „ja“ sagen. Das braucht nicht nur Willen, sondern auch kognitive und kommunikative Fähigkeiten und nicht zuletzt: Training.

Anzunehmen, das, was es für ein solches Projekt braucht, hätte jede/r von uns längst intus, weil genetisch verankert oder mit der Muttermilch aufgesaugt, wäre lächerlich. Und es widerspricht darüber hinaus nicht zuletzt himmelschreiend unserer aller Lebenserfahrung.

Werbeblock: Genau dafür hat der liebe Gott meinen Berufsstand erfunden. Ich liebe es, Menschen in ihrem Wachstum zu unterstützen – insbesondere in der Liebe, in ihrer Partnerschaft und Sexualität! Falls du glaubst, meine Kenntnisse könnten für dich von Nutzen sein, schreibe mir gerne über das Kontaktformular. Werbeblock Ende.

Was wäre, wenn…?

„Was immer Du tun kannst, oder träumst tun zu können, beginne es!
Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es jetzt!“

Johann Wolfgang von Goethe

Wie eingangs geschildert, suchen viele von uns in der Liebe und in ihren Liebesbeziehungen die Heilung für eine Wunde oder einen Mangel, die sie bereits seit ihrer Kindheit in sich tragen. Was sie stattdessen finden, ist nicht selten eine Reinszenierung ihrer Kindheitstraumata von Unverständnis, Ablehnung und Wertlosigkeit. Verdammt nochmal, ja! Das finde ich unendlich traurig! Weil es nicht nur tragisch, sondern darüber hinaus unnötig tragisch ist. Verdammt!

Die Schlüssel, die uns dabei helfen können, diesen Dramakreislauf zu durchbrechen (siehe oben!), sind im Grunde nicht schwer zu verstehen. Aber sie sind alles andere als leicht zu beherzigen. Vielleicht, weil sie uns aus unserer als „normal“ erlernten Perspektive heraus schwer kontraintuitiv erscheinen. Vielleicht, weil wir sie eigentlich längst durchblickt haben, aber Gewohnheiten dann doch hin und wieder verschissen mächtig sind. Ist doch egal, warum!

Fakt ist, dass wir immer wieder scheitern werden in unseren Wünschen und Erwartungen an uns selbst. Selbst wenn wir noch so viel Erfahrung haben in Authentizität und Integrität, in Aufrichtigkeit und Würde, werden wir noch immer scheitern. Wir werden lediglich, und das ist dann doch viel, von Jahr zu Jahr, von Liebe zu Liebe, von Konflikt zu Konflikt, weniger scheitern darin. Doch das Scheitern bleibt. Was wäre, wenn das kein Problem wäre?

Was wäre, wenn wir in der Lage wären, uns selbst und einander als Reisende zu sehen auf dem Weg zu uns selbst? Auf diesem Weg dürfen wir einander begleiten. Für eine kurze Weile oder auch für länger. Wir beide haben Erfahrungen gemacht und Geschichten (üb-) erlebt, die uns geprägt haben. Nicht immer haben wir aus unseren Erfahrungen einen weisen Schluss gezogen. Du nicht und ich nicht.

Was wäre, wenn wir über unsere eigenen Denkfallen und Projektionen ebenso lachen könnten wie über die unseres/unserer Liebsten? Nicht im Sinne von Auslachen, sondern im Sinne von gemeinsamer Freude über ein unerwartet aufgedecktes Puzzlestück…

Was wäre, wenn wir einfach keine Angst davor hätten, vom Anderen in unserer Unvollkommenheit überführt zu werden, weil wir längst unseren Frieden damit haben, dass wir unvollkommen sind – genau wie er oder sie?

Was wäre, wenn wir uns einfach nicht mehr ins Höschen machen würden bei dem Gedanken, uns dem Menschen, von dem wir sagen, dass wir ihn lieben, ungeschminkt so zu zeigen, wie wir sind?

Was wäre, wenn wir unsere emotionale und unsere sexuelle Genährtheit wirklich ernst nehmen würden? Wenn wir der Intimität und Intensität in unserem Leben entschlossen und substanziell Raum schaffen würden?

Ich glaube, was dann wäre, wäre Folgendes:

Ich glaube, dann würden wir ein Zeitalter erleben, in dem die Liebe zwischen den Menschen (erstmals oder endlich wieder) zu wahrer Blüte und Pracht gelangen könnte. Und das würde ich gerne sehen.

Eigentlich ging’s in meiner seltsamen Frage vom Anfang nur darum.

Hilft dir diese Unterscheidung zwischen „Beziehung“ und „Partnerschaft“? Oder sind diese Worte für dich weiterhin Synonyme? Hinterlasse mir sehr gerne einen Kommentar!

Lies hier weiter:

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Was bedeutet „Liebe auf Augenhöhe“?

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