wie viel ehrlichkeit verträgt die liebe?

Wie viel Ehrlichkeit verträgt die Liebe?

Die Geschichte von Swantje und Daniel

Swantje ist eine Frau mit einem großen Herzen. Sie ist ein wirklich liebenswerter Mensch. Sie und Daniel leben seit vielen Jahren zusammen. Swantje und Daniel führen ein schönes Leben. Sie haben zwei Kinder, die sie lieben, einen großen, gemeinsamen Freundeskreis und ein Haus, das von Jahr zu Jahr ein kleines bisschen weniger der Bank gehört. Alles war gut, oder so schien es. Bis zu jenem Urlaub in Madrid.

Swantje sitzt neben mir. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Sie schaut mich nicht an, während sie mir ihre Geschichte erzählt. Ihr Gesicht wirkt wie eine gefrorene Maske. Die Zähne sind zusammen gebissen. Ihre Lippen bewegen sich kaum. Ihre Stimme klingt tonlos und fahl. Ihre feuchten Augen sind geflutet von Wellen aus Verzweiflung und Schuld. Swantjes Inneres ist ein Gerichtssaal. Und es sieht nicht gut für sie aus.

Von all dem weiß Daniel bislang noch nichts. Daniel weiß nichts von der Geschichte, die in Madrid geschah. Er weiß nichts von der Scham, die das Selbstbild seiner Frau zernagt. Nichts von der panischen Angst, die sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt und mit leeren Augen in die Dunkelheit starren lässt, während sie neben sich seinen Körper spürt und seinen Atem hört. Er ahnt nichts davon, dass sie seit ihrer Rückkehr aus Madrid den Blick in den Spiegel vermeidet, so oft es geht. Sie erträgt den anklagenden Blick ihres Spiegelbilds nicht. Er ahnt nicht, dass die Familienfotos im Esszimmer in Swantje keine Freude mehr auslösen, sondern immer nur neuen Schmerz.

Und wenn es nach den beiden Freundinnen geht, mit denen Swantje diesen Urlaub verbracht hatte, dann wird ihr Mann, den sie unvermindert und von ganzem Herzen liebt, von all dem am Besten niemals etwas erfahren.

die stimmen der anderen

Marie ist eine dieser Freundinnen. Sie ist eine gute Freundin. Swantje weiß, sie kann sich auf Marie in jeder Situation zu 100% verlassen. Marie hat eine klare Meinung zu Swantjes Geschichte. Sie sagt: „Warum willst du es ihm erzählen? Es war eine einmalige Geschichte! Das hat nichts mit ihm und eurer Ehe zu tun! Das war keine große Sache. Es würde ihm nur weh tun. Behalte es für dich und gut!“ In der Tat. Da ist etwas dran.

Die andere Freundin heißt Magda. Magda hat evangelische Theologie studiert. Swantje und Marie nennen sie manchmal „Unsere heimliche Beichtschwester“. Magda wirkt auf den ersten Blick ein wenig schüchtern, aber das ist sie nicht. Ihre Stimme ist leise und ruhig. Sie verliert nicht viele Worte, aber die Worte, die sie wählt, treffen erstaunlich oft genau ins Ziel. Oder dahin, wo’s weh tut. „Ich würde es ihm erzählen.“, sagt Magda. Als die anderen Frauen sie fragend anschauen, zuckt Magda mit den Schultern. „Ich finde, das hat er verdient. Und ich finde, du hast das verdient. Ich finde, du hast eine Ehe verdient, die ehrlich ist.“

Als Swantje nach diesem Abend mit dem Fahrrad zurück nach Hause fährt, brummt ihr Kopf von zu viel Wein und zu vielen Worten. Sie ist froh, dass Daniel schon schläft.

Swantjes Mutter hat einmal gesagt: „Das Geheimnis einer guten Ehe besteht darin, nicht immer alles ganz genau wissen zu wollen!“ Swantjes Mutter ist seit mehr als fünf Jahren tot. Und dennoch kommt es Swantje vor, als stünde sie in diesen Tagen und Wochen ständig neben ihr und flüsterte gebetsmühlenhaft immer und immer wieder genau diesen einen Satz.

das geheimnis einer guten ehe

„Was für eine Beziehung haben deine Eltern geführt?“, frage ich Swantje.

Swantje atmet tief durch. Dann berichtet sie in nüchternen Worten von der Ehe ihrer Eltern. Es ist keine aufwühlende Geschichte, sondern vielmehr das, was man damals wohl als eine ganz normale Familie bezeichnet hätte. Eine Familie aus Mutter, Vater, zwei Töchtern und einem Fernseher. Geredet miteinander wurde eigentlich nur am Esstisch. Die Mutter über Ereignisse in Nachbarschaft und Familie, der Vater über seine Arbeit, Politik und „die Partei“. Eine Geschichte ohne Glamour, aber eben auch ohne große Dramen. Eine Ehe, die vielleicht nicht glücklich war, aber sie hat funktioniert.

„Sie haben sich nie vor unseren Augen gestritten. Aber sie haben sich auch nie vor unseren Augen geküsst.“
„Glaubst du, sie haben sich geliebt?“
„Ich weiß nicht… Am Anfang bestimmt. Gefühle spielten halt nicht so die große Rolle bei uns.“
„Erzähle mir von deinen Freundinnen! Was für Beziehungen leben die?“

Marie und ihr Mann sind auf den ersten Blick das klassische Gegenteil von Swantjes Eltern. In ihrer Beziehung geht es ständig hoch her. Es vergeht kaum eine Woche, in der Marie nicht mindestens einmal bei ihren Freundinnen anruft, um sich über ihren Mann auszulassen. Oder von ihm zu schwärmen. Maries Beziehung ist großes Kino. In jeder Hinsicht. Wo andere Konflikte haben, herrscht bei den beiden tagelanger Krieg. Wo andere Sex haben, verschmelzen sie in multiorgasmischer Extase. Marie ist intensiv. Und so ist ihre Beziehung.

Magda ist auf dem Land aufgewachsen. Es hat fast 35 Jahre gedauert, bis sie sich selbst und ihrer Familie gegenüber ihr sogenanntes „Coming Out“ hatte. „Es war nicht leicht“, sagt sie. „Meine Eltern sind einfache Leute. Ich bin ihre einzige Tochter, und sie hatten sich so sehr Enkel gewünscht.“ Magda hat mehrere Freundinnen, mit denen sie emotional und körperlich intim ist.

„Ehrlichkeit“, sagt sie, „Ist für mich in meinen Beziehungen das absolute Fundament. Das habe ich damals gelernt.“ Das weiß Swantje. Und sie bewundert und beneidet Magda manchmal für ihre Größe. Magda sagt aber auch: „Manchmal ist es schwer, ehrlich zu sein. Ich bin es trotzdem, weil ich mich dazu entschieden habe. Aber jede muss für sich selbst entscheiden, was ihr wichtig ist.“

„Was ist für dich das Fundament deiner guten Beziehung?“

reden oder schweigen?

Marie hat Recht. Wenn Swantje Daniel von ihrer Affaire erzählt, dann wird das höchstwahrscheinlich kein besonders angenehmes Gespräch. Er hat ihr vertraut und wird nun damit konfrontiert werden, dass seine Frau die gemeinsame Vereinbarung zu sexueller Exklusivität einseitig außer Kraft gesetzt hat. Das wird ihm weh tun. Und ihr.

Vertrauen ist die Basis der Liebe. Wenn wir nicht vertrauen, dann verschließt sich unser Herz. Wir lassen den Anderen nur noch an unserer Oberfläche teilhaben. Unser Innerstes halten wir zurück, um uns zu schützen. Das ist nur natürlich. Das ist gesund.

Ein gebrochenes Vertrauen wieder herzustellen, ist harte Arbeit. Das ist nicht mit einem Gespräch getan, auch nicht mit zweien oder fünf. Wenn Swantje sich für die Ehrlichkeit entscheidet, dann bedeutet das den Eintritt in einen anstrengenden und immer wieder neu herausfordernden Prozess. Ohne zu wissen, wohin dieser Weg sie und ihre Ehe führen wird. Swantje hat panische Angst. Kein Wunder.

Was ist die Alternative?

Die Möglichkeit, die Marie vorschlägt, ist das Schweigen. Kurzfristig betrachtet ist das vermeintlich der sicherere Weg. Alles kann einfach weiter gehen wie bisher. Allerdings gibt es einen kleinen Unterschied, den Marie nicht bedenkt.

Auch wenn Daniel nichts von Swantjes Geschichte weiß, so weiß doch Swantje, was passiert ist, und was sie getan hat. Sie weiß, dass sie sein Vertrauen und ihr gemeinsames Commitment gebrochen hat. Und das muss sie verstecken vor ihm.

Ein Sprichwort sagt: Die Wahrheit findet immer ihren Weg ans Licht. Dieses Sprichwort hat sich oft bestätigt, und so manches Mal sind es ganz erstaunliche Wege, die die Wahrheit nimmt, um dieses Ziel zu erreichen. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Manche Geheimnisse bleiben über Jahre im Dunkeln, bis sie sich zeigen. Manche sogar für immer. Und vielleicht könnte Swantjes Geheimnis tatsächlich eine dieser Ausnahmen sein. Das wäre doch möglich.

Was Marie nicht bedenkt: Wenn Swantje sich entscheidet zu schweigen, dann wird von da an die Lüge integraler Bestandteil ihrer Beziehung zu Daniel sein. Sein Vertrauen, die Basis seiner Liebe zu ihr, beruht auf einer Täuschung. Unabhängig davon, ob er es weiß: Sie weiß es. Und dieses Wissen wird Auswirkungen haben auf ihr Verhalten, auf ihre Gedanken und ihre Gefühle.

Wie tief können wir uns wohl einem Menschen öffnen, von dem wir wissen, dass sein Bild von uns auf einer Lüge beruht?

Wie tief können wir uns einem Menschen hingeben, emotional wie körperlich, vor dem wir einen Teil von uns verstecken müssen?

Wie tief geliebt, geborgen und verbunden können wir uns fühlen, wenn wir wissen, glauben oder ahnen, dass ein Teil von uns es nicht Wert ist, von ganzem Herzen geliebt und angenommen zu sein?

das märchen von „es hatte nichts mit uns zu tun!“

Jedes Verhalten, alles, was wir tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen, beruht auf unseren Bedürfnissen. Das gilt auch für Swantje und den Mann, mit dem sie in ihrem Urlaub geschlafen hat.

Irgendetwas an diesem Mann hat ein Bedürfnis in Swantje berührt, das in in ihrer Ehe mit Daniel unerfüllt war. Irgendeine offene Sehnsucht in ihr wurde durch diesen Mann angerührt. Eine Sehnsucht, die so stark war, dass sie in Swantje in jener ersten Nacht unüberwindbar und kompromisslos die Regie übernahm.

Als Swantje wieder zu Sinnen kam, ging vor den Fenstern des Hotelzimmers die spanische Sonne auf. Es war diese erste Nacht, die den Widerstand ihrer Verantwortung brach. Die Nächte, die folgten, waren nur eine logische Konsequenz. Da hatte ihr Verantwortungsgefühl längst kapituliert.

Der Mann in Madrid hatte Dinge in Swantje berührt, die lange Zeit im Schatten lagen. Wünsche, die Swantje sich nie getraut hatte, Daniel gegenüber auszusprechen. Die sie verdrängt hatte aus Angst vor einem „Nein“. Sie hatte Angst vor Ablehnung, Angst vor einem Konflikt und Angst davor, was wohl passierern würde, wenn Daniel sie ebenso mit seinen Wünschen an ihre Sexualität konfrontieren würde.

Darum hatte sie lieber geschwiegen. So wie ihre Mutter geschwiegen hatte. Sie hatte sich arrangiert, denn vieles war wirklich gut zwischen ihnen. Sie war zufrieden und manchmal sogar glücklich gewesen. Und das wollte, konnte, durfte sie nicht in Gefahr bringen. So hatte sie es von ihrer Mutter gelernt. Nur war ihre Mutter halt auch niemals in Madrid.

das fegefeuer der ehrlichkeit

Einige Wochen später kamen Swantje und Daniel gemeinsam zu mir. Eine schwere Zeit lag hinter ihnen. Das war nicht zu übersehen. Zwischen ihnen schwebte eine unsichtbare Wolke aus ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfen und Selbstvorwürden. Sie standen ratlos in den Trümmern ihrer Ehe, die Herzen voller Liebe und verzweifelt auf der Suche nach einem gemeinsamen Weg.

Gemeinsam machten wir uns daran, die Trümmer zu sortieren.

Unsere ersten gemeinsamen Gespräche waren voll von Tränen aus Traurigkeit und Zorn. Aber da war auch noch etwas anderes. Von Anfang an gab es zwischen all den tosenden Gefühlen Augenblicke reinster Integrität und Ehrlichkeit. In diesen Momenten fernab der Stürme begann zwischen Daniel und Swantje etwas Neues zu keimen.

Die Stürme ließen nach. Die Abstände zwischen unseren Treffen wurden größer. Das, was als Augenblicke der Ehrlichkeit begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer neuen Kultur der Ehrlichkeit.

Swantje: „Das Vertrauen zwischen uns war kaputt. Ich habe es kaputt gemacht, und ich schäme mich bis heute dafür. Wir haben es nie wieder hergestellt. Stattdessen haben wir uns aber ein völlig neues Vertrauen erschaffen.“ Ihre Augen füllen nich mit Tränen, als sie zu Daniel schaut. Ihre Stimme zittert: „Ich bin dir so dankbar dafür!“

Daniel: „Ich habe dich gehasst, du blöde Kuh! Das weißt du!“ Swantje schaut zu Boden. „Aber verdammt nochmal, du hast den beschissenen Anfang gemacht mit deinem Scheiß! Und weißt du was? Vielleicht bin ich es, der dir danken sollte dafür. Du hast unsere Ehe kaputt gemacht. Aber ohne das wäre die Ehe, die wir jetzt haben, nie möglich gewesen. Und nein, verdammt! Ich will um keinen Preis der Welt zurück!“ Jetzt weint auch er: „Ich liebe dich, Swantje!“

Heute sehe ich Swantje und Daniel etwa alle zwei Monate. Sechsmal im Jahr kommen sie zu mir. Sie nennen das „Lektionen in Ehrlichkeit“. Ich gebe zu: Mir gefällt das Wort.

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