Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

#metoo – Reden wir über Sex!

Die Kampagne ist stark. Sie berührt einen neuralgischen Punkt. In den sozialen Netzwerken hat sie bereits nach wenigen Tagen den Status „viral“ erreicht. Zehntausende von Frauen (und Männern!) posten weltweit unter dem Hashtag #metoo über ihre Erfahrungen mit sexueller Übergriffigkeit, Entwürdigung und Gewalt.

Ich arbeite als Coach und Therapeut in Fragen der Liebe, der Partnerschaft und der Sexualität. Ja, in der Tat: #metoo. Auch ich kenne Frauen, die sexuell belästigt, gedemütigt und missbraucht wurden. Ich weiß, welche Spuren diese Erfahrungen in der Psyche dieser Frauen hinterlassen haben. Ich weiß, wie lange manche von ihnen gebraucht hat, um sich von dem, was ihnen widerfahren ist, zu berichten.

Das Thema ist groß. Und es ist ernst. Kaum etwas in unserem Leben berührt uns so tief, konfrontiert uns so sehr mit unseren Bedürfnissen, unserer Verletzlichkeit und Unsicherheit, wie unsere Erfahrungen im Feld der Sexualität.

Unsere Sexualität hat das Zeug dazu, uns mit uns selbst und unseren Liebespartnern auf einer Ebene in einen Kontakt zu bringen, die unseren innersten Kern berührt. Sex geht uns im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Die Erfüllung, die wir zu erleben im Stande sind, wenn wir uns einem Partner ohne Scham, ohne Hemmungen oder Ängste öffnen und offenbaren, entfaltet eine nährende, erhebende, nicht selten sogar eine (physisch wie psychisch) heilend wirksame Kraft.

Menschen, die eine glückliche, freudige und erfüllende Sexualität leben, erkennen wir auf der Straße an ihren leuchtenden Augen, an ihrer aufrechten Körperhaltung und dem lustvollen Schwung in ihrem Schritt.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch jeder Akt der Grenzüberschreitung, der Demütigung und der Gewalt in diesem Feld in der Seele Wunden schlägt.

Und so stimme ich den Initiatoren, den Unterstützern und sogar den Mitläufern dieser Kampagne zu: Ja, es ist dringend und wichtig, dass wir uns dieses Themas annehmen. Ja, es ist wichtig, dass die Opfer sexueller Übergriffe und Gewalttaten aus dem Schatten hervor treten, sich zeigen und ihre Erfahrungen teilen. Es ist wichtig, dass die Täter und ihre Taten benannt werden und zur Rechenschaft gezogen.

Und so wäre die #metoo-Kampagne im Grunde hervorragend geeignet, meine vollste, feurigste Unterstützung zu erhalten. Doch leider enthält ihre Botschaft einen geflüsterten Subtext, dessen sich die meisten wohlmeinenden Poster auf Facebook oder Twitter wahrscheinlich nicht bewusst sind. Dieser Subtext allerdings ist bedeutsam.

Wer sich mit Information und ihrer Macht intensiv beschäftigt hat, der weiß, dass nicht nur das, was wir ausdrücklich sagen, eine Botschaft transportiert. Auch durch das, was wir nicht sagen, was wir ausblenden oder unter den Tisch fallen lassen, erzeugen wir eine Wirkung in uns selbst und unseren Gesprächspartnern.

Ich halte es für mehr als an der Zeit, dass wir den Umgang mit unserer Sexualität zu einer gesamtkulturellen Frage erheben und ihr politisches Gewicht verleihen. Ich halte es für dringend und wichtig, dass wir den Mut finden, über unsere Erfahrungen, unsere Sehnsüchte und Wünsche miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich halte es für eine Frage der Selbstliebe und Würde, dass wir darüber zu sprechen beginnen, wofür wir uns schämen, wovor wir uns fürchten und wonach wir uns sehnen. Damit mehr und mehr von uns begreifen, welches Potenzial der Freude, des Glücks und der Heilung unsere Sexualität mit sich bringen kann.

#metoorichtet ihren Fokus allein darauf, wie viele Frauen auf der Welt und in unserer Kultur bereits sexuelle Übergriffe oder Gewalttaten durch Männer erlebt haben und noch erleben.

So traurig und bedrückend diese Erkenntnis auch ist: Mich persönlich macht es viel trauriger und bedrückter, dass diese so gut gemeinte Kampagne in ihrem Kern die Frau zum reinen Opfer und den Mann zum reinen Täter stilisiert.

Schlimmer: Es macht mich ärgerlich. Nicht nur stellt sie damit, wie Legionen verbitterter Feministinnen zuvor, die gesamte männliche Sexualität unter einen trotzigen Generalverdacht. Auch das Bild, das #meetoo von der weiblichen Sexualität zeichnet, ist alles andere als respektvoll oder lebensbejahend. Es ist die alte Geschichte vom tumben, triebgesteuerten Männchen und dem spröden, aufwändig zu erobernden Weibchen. Mit Verlaub: Dies mag das passende Niveau für Stammtische und Prosecco-Runden sein. Für einen aufrechten, wahrhaftigen und bestenfalls liebevollen Dialog auf Augenhöhe braucht es meiner Auffassung nach etwas anderes.

In meiner Praxis sprechen die meisten Menschen (nach anfänglicher Unsicherheit) sehr offen über ihre Sexualität. Auch Übergriffe, Gewalttaten und andere schmerzhafte Erfahrungen kommen dort zur Sprache und finden einen achtsamen Raum, in dem diese Erlebnisse reflektiert und schließlich, nach und nach, als Teil der eigenen Lebensgeschichte, angenommen und auf gute Weise integriert werden können.

Doch nicht nur die Frauen (und Männer!), die derartige Erfahrungen gemacht haben, berichten von Unsicherheit und Ängsten in ihrer Sexualität. Das Thema ist größer. Und darum, gerade weil es so tief geht, weil es uns in unserem Innersten berührt, habe ich den Wunsch, dass das Thema des Umgangs mit unseren sexuellen Erfahrungen, Verletzungen, Ängsten, Wünschen, Sehnsüchten und Bedürfnissen ein Forum erhält, das seiner Bedeutung und Tiefe gerecht wird.

Und so lade ich mit diesem Artikel ein: Geben wir diesem Thema den Raum und die Weite, die es verdient, und die es braucht, damit wir einander darin in unserer ganzen Größe und Würde, in unserer ganzen Unsicherheit und Unvollkommenheit begegnen. Damit unsere Sexualität in unserem eigenen Leben und in unserer Kultur wieder zu der freudigen, nährenden und heilenden Kraft wird, als die sie uns von der Evolution (oder wahlweise auch vom lieben Gott) anvertraut wurde.

Mit diesem Wunsch im Herzen ergänze ich die gut gemeinte Kampagne um mein eigenes #metoo:

#metoo! Ja, auch ich…!

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die sexualisierte Gewalt erlebt haben.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die unter Androhung von physischer oder emotionaler Gewalt zu Dingen gezwungen wurden (und werden), die als falsch, demütigend und entwürdigend erleben.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die niemals erfahren haben, welche erhebende Glückseligkeit eine bewusst erlebte Sexualität in ihrem Leben entfalten kann.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die niemanden haben, mit dem sie über ihre Sexualität, ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Phantasien sprechen können!

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die ihre Wünsche nicht einmal ihrem „Liebespartner“ gegenüber offenbaren, weil sie Angst davor haben, für diese abgelehnt oder kritisiert zu werden.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), denen beigebracht wurde, dass ihre Sexualität „schmutzig“, „störend“ oder „minderwertig“ sei.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die die sexuellen Wünsche und Bedürfnisse ihrer Partner als ein Werkzeug nutzen, um sich diese nach dem Prinzip von Belohnung und Bestrafung gefügig zu machen.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), denen auf die Frage, was sie unter einer „erfüllten Sexualität“ verstehen, keine Antwort einfällt.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die keinen anderen Weg kennen, sich ihre sexuellen (oder emotionalen) Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, als diese in heimlichen Affairen hinter dem Rücken ihrer „Liebespartner“ auszuleben.

#metoo! Ja, auch ich kenne Frauen (und Männer!), die glauben, ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse unterdrücken oder maskieren zu müssen, um in ihren Beziehungen oder unserer Kultur Achtung und Respekt zu erlangen.

Und weil es, um einen Kurs zu bestimmen, nicht nur wichtig ist, zu wissen, wo wir her kommen, sondern umso mehr, wohin wir segeln wollen, ergänze ich diese Liste um einige weitere #metoo’s:

#metoo! Auch ich kenne Frauen (und Männer!), die ja sagen, wenn sie ja meinen, und nein sagen, wenn sie nein meinen, und die sich darüber im Klaren sind, was sie sich wünschen und warum.

#metoo! Auch ich kenne Frauen (und Männer!), die den Mut haben, sich selbst und ihre Sexualität zu entdecken, sich damit zu zeigen und sich selbst und ihren Liebespartnern darin auf neue, wahrhaftige Weise zu begegnen.

#metoo! Auch ich kenne Frauen (und Männer!), sich entschieden haben, für sich selbst, ihre Wünsche und Bedürfnisse, einzutreten, auch wenn dies ihr Gegenüber möglicherweise am Anfang irritieren mag.

#metoo! Auch ich kenne Frauen (und Männer!), die ihre eigene Sexualität und die ihrer Liebespartner willkommen heißen und ehren als lebendige, transformierende und heilende Kraft in uns selbst und unseren Mitmenschen.

Dies ist das #metoo, über das in meinen Augen dringend nach einem öffentlichen Diskurs verlangt.

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