Die vier Hüter der Liebe: König/Königin, Kind, Engel und Tier

Die vier Hüter der Liebe

König/Königin, Kind, Engel und Tier

Einleitung: Die Illusion der Eindeutigkeit

Seit etwa zehn Jahren arbeite ich als Therapeut und Coach. Ich helfe Menschen in schwierigen Lebenssituationen und unterstütze sie darin, sich selbst und ihre Welt mit neuen Augen zu sehen.

Einer der Ansätze, die ich hierbei als besonders fruchtbar und wirksam erlebe, ist die Arbeit mit inneren Anteilen. Dieses Modell nimmt die vielfältigen Widersprüche und Ungereimtheiten unserer Psyche nicht nur zur Kenntnis, sondern es bejaht sie und gibt ihnen eine Stimme und ein Gesicht.

Innere Konflikte erkennen wir aus diesem systemischen Blick heraus als Konflikte zwischen zwei (oder mehr) inneren Persönlichkeitsanteilen, die mit den ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln darum ringen, unser Verhalten in die eine oder in die andere Richtung zu steuern. Je nachdem, welcher unserer Anteile gerade Zugriff auf unser Bewusstsein und unsere Entscheidungen hat, werden wir äußerlich recht vergleichbare Situationen möglicherweise sehr unterschiedlich interpretieren und entsprechend sehr unterschiedlich reagieren.

Diese systemische Sicht auf unsere Gedanken, Gefühle und Impulse gibt uns ein neues und leichteres Verständnis für Phänomene, Situationen oder Interaktionen, die uns aus dem Blick auf den Menschen als „eindeutiges Ganzes“ heraus als unverständlich und verwirrend erscheinen.

Helen ist eine kluge und selbstbewusste Frau. Sie liebt ihren Mann und ist glücklich in ihrer Ehe. Sie haben keine Geheimnisse voreinander. Warum dann empfindet sie eine so starke Anziehung zu dem neuen Kollegen in ihrer Abteilung? Wenn er den Raum betritt, klopft ihr Herz, und sie bekommt Gedanken, von denen sie ihrem Mann nicht erzählen mag. Was ist mit Helen los?
Jens ist ein recht erfolgreicher Geschäftsmann in den Vierzigern. Er ist ist ein liebevoller und verständiger Vater und ein fürsorglicher Ehemann. Doch manchmal bricht aus ihm ein Choleriker hervor, der seiner Frau und seinen Töchtern regelrecht Angst macht. Was bricht da nur aus Jens hervor?
Melanie arbeitet als Büroangestelle im Controlling eines mittelständischen Betriebs. Ihre Kollegen kennen sie als „graue Maus“, die auf Firmenfeiern um punkt halb elf verschwunden ist. Mehrmals im Jahr fährt Melanie auf überregionale BDSM-Treffen. Die Menschen, die sie dort erleben, sagen ganz andere Dinge über sie. Führt Melanie ein Doppelleben?

Ist Helen treu oder untreu?
Ist Jens friedfertig oder gefährlich?
Ist Melanie schüchtern oder frivol?

So lange wir im Blick auf uns selbst oder andere die Vorstellung eines „eindeutigen Ganzen“ im Kopf haben, zerschellt unser Bild der Dinge immer wieder an der Vielschichtigkeit des Lebens. Wenn wir nun jedoch beginnen, den Menschen als System zu betrachten, löst sich der Widerspruch auf. Das zuvor scheinbar zwingende Entweder-Oder wird durchscheinend, und wir erfahren die große, befreiende Gleichzeitigkeit des Sowohl-Als-Auch.


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