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Ja zu allem, was ich bin!

wer ist ‚ich‘?
(Der Fliegende Holländer)

„Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.“
Joanne Kathleen Rowling (* 1965)

 

‚ich’… Jeden Tag verwenden wir dieses Wort hunderte Male. Ich selbst bringe seit Jahren all meinen Klienten, die es hören wollen oder nicht, bei, öfter ‚ich‘ zu sagen anstatt „du“ oder das grässliche „man“.

Aber… wer genau ist dieses ‚ich‘ eigentlich, von dem wir sprechen und als das wir uns selbst erfahren?

Die Frage ist kniffelig. Sie ist, wenn man es genau nimmt, seit Jahrtausenden die existenzielle Kernfrage aller Philosophie. Bis heute gibt es keine Übereinstimmung darin, wer oder was genau dieses ‚ich‘ eigentlich ist, von dem wir sprechen, wenn wir ‚ich‘ sagen.

Auch ich werde in diesem Artikel keine unumstößliche naturwissenschaftliche Antwort geben. Was ich lediglich anbiete, ist eine Perspektive, die wir nutzen können, um uns selbst und einander ein wenig umfassender zu erkennen und zu verstehen als es uns bislang gelingt.

Was ich hier darlege, ist nicht mehr als ein Modell. Ich glaube jedoch, dass genau dieses Modell dessen, was wir im Kern sind, uns in die Lage versetzen kann, eine Vielzahl vermeintlicher Widersprüche in uns selbst und anderen aufzulösen, bessere Entscheidungen zu treffen und Konflikte zielführender und menschlicher miteinander zu verhandeln.

 

‚ich‘ bin ‚ich‘. Was soll die Frage?

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
Milton Hyland Erickson (1901-1980)

Die Frage nach dem ‚ich‘ ist nicht nur für Philosophen und große Denker von Bedeutung. Bei Lichte betrachtet beeinflusst sie (bzw. unsere individuelle Antwort darauf) unser Leben auf vielfache Weise. Je nachdem, welche Vorstellung ich von dem habe, wer oder was ‚ich‘ eigentlich ist, hat dies Auswirkungen auf unzählige kleine und große Situationen jedes einzelnen Tages.

Wenn ich beispielweise mein ‚ich‘ als eine Art Wesen ansehe, das in einer Welt aus anderen ‚ich‘-Wesen um seinen Platz, um Nahrung und um sein Überleben kämpft, als etwas, das verletzt, geschwächt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet werden kann, dann werde ich natürlich immer wieder alles in meiner Macht stehende tun, um dieses ‚ich‘ zu verteidigen, zu beschützen und seine potenziellen Widersacher zu bekämpfen. Da mein ‚ich‘ alles ist, was ich bin, kann ich gar nicht anders, als dieses ‚ich‘ mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen sehr, sehr wichtig zu nehmen.

So lange in meinem eigenen Leben das meiste nach meinen Wünschen und vorstellungen verläuft, bringt dieses Verständnis vom ‚ich‘ viel Freude und Selbstzfriedenheit mit sich. In schwierigeren Lebensphasen allerdings, in Krisen und Konflikten, macht die starke Identifikation mit unseren Gedanken, Gefühlen und Impulsen vieles nur noch schlimmer.

Wenn ich stattdessen, was ebenso möglich und in manchen Kreisen durchaus verbreitet ist, mein ‚ich‘ als ein reines Flackern elektrochemischer Signale betrachte, als ein zufälliges Nebenprodukt meiner biologischen Existenz oder, wie es der Buddhismus vorschlägt, als reine „Illusion“, dann gewinne ich naturgemäß einen größeren inneren Abstand zu meinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das kann Vorteile haben.

Zum Beispiel gerate ich durch ein solches Verständnis von meinem ‚ich‘ bedeutend seltener in starke Formen von Ärger, Angst oder Traurigkeit. Dies kann im Alltag durchaus nützlich sein. Der Preis hierfür allerdings ist leider, dass auch Freude und Lust aus dieser Perspektive nichts als „Illusionen“ sind und dadurch nur gebremst empfunden werden.

Meine Beobachtung der Menschen zeigt mir folgendes:

Je stärker die Identifikation eines Menschen mit seinem ‚ich‘ ist, desto stärker sind tendenziell auch seine emotionalen Reaktionen auf die Erfahrungen, die dieses ‚ich‘ in seinem Lebensalltag macht.

Solche Menschen erleben häufig ein beständiges Auf und Ab ihrer Gefühle. Je nachdem, was diese Menschen erleben, verfallen sie quasi-automatisch in Freude, Ärger, Traurigkeit, Angst, Lust, Euphorie, Frustration, Sehnsucht, Schwermut und und und.

Je mehr innere Distanz allerdings ein Mensch zu seinem ‚ich‘, seinen Gedanken, Impulsen und Gefühlen, hat, desto weniger Macht haben diese Gedanken, Impulse und Gefühle über ihn. Solche Menschen erlangen oft ein beeindruckendes Maß an Kontrolle über ihre emotionalen Reaktionen. Wir erleben sie auch in schwierigen sozialen Interaktionen als gefasst, stabil und unaufgeregt.

Solche Menschen gehören in meinem Umfald zu den inspirierendsten Gesprächspartnern, allerdings sind die meisten von ihnen meiner Erfahrung nach leider nur bedingt partytauglich. Um feiern (wirklich feiern!) zu können nämlich, braucht es die emotionalen Kräfte von Freude und Lust in einem Maße, zu dem viele dieser Menschen schlicht nicht mehr in der Lage sind.

Es scheint, als hätten wir (überspitzt) nur die Wahl, ob wir uns zum Spielball unserer Emotionen machen oder diese diese allesamt in ihrer Lebenskraft zu dimmen.
Diese Wahlmöglichkeit gefällt mir nicht.

Ich möchte die emotionale Tiefe ebenso wie die Souveränität und Integrität im Entscheiden, Sprechen und Tun.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Welt, in der wir heute leben, eine Menge großer Herausforderungen mit sich bringt. Ich glaube, wir täten gut daran, all unsere Lebensenergie in die Mehrung des Wahren, Guten und Schönen zu legen anstatt in beständig neue (und so oft unnötige!) Konflikte miteinander und mit uns selbst.

Ich glaube, dass angesichts der großen Fragen in Sachen lokaler und planetarer Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit und Lebensfreude ein Menschenbild hilfreich und nützlich ist, das uns eine Perspektive anbietet, die unsere Einheit und Widersprüchlichkeit miteinander vereint.

Ich glaube, es gibt eine solche Sicht.
Ich nenne sie: Den Fliegenden Holländer.


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