Liebe auf Augenhöhe „funktioniert“ nicht.

In unserer Kultur herrscht bis heute ein technokratisches Welt- und Menschenbild vor. Wir sprechen davon, dass Menschen oder Beziehungen: „funktionieren“. Und wenn sie nicht mehr „funktionieren“, dann nennen wir sie: „kaputt“. Wir streben ständig nach „Kontrolle“ über unser Leben.

Doch unser Wahrnehmen, Fühlen und Entscheiden ist kein auf eine spezifische Funktion hin entwickeltes technisches Gerät. Ob uns das gefällt oder nicht: Alles, was wir sind, ist Biologie.

Biologie lässt sich nicht kontrollieren. Biologie funktioniert nicht. Biologie geht auch nicht kaputt. Biologie lebt. Biologie entwickelt und verändert sich. Selbst das Sterben ist auf biologischer Ebene kein Ende, sondern nur der Beginn einer radikalen Neustrukturierung. Ein biologisches System, das stirbt und zerfällt, dient doch in seinen Einzelteilen als Nahrung für andere Systeme weiterhin und unvermindert dem ewigen Prozess des Lebens.

Das, was du heute in deine Beziehungen einbringst, deine Wünsche, deine Annahmen, deine Haltung zu deinem Partner und zu Partnerschaft an sich, zu Treue, Verantwortung, zu Nehmen und Geben besteht zu großen Teilen aus Bruchstücken jener Beziehungen, die du vor dieser gelebt und erfahren hast.

Um die Perspektive dessen zu verstehen, was ich „Liebe auf Augenhöhe“ nenne, ist es überaus hilfreich, dass wir uns selbst, unsere Gefühle und Gedanken, unsere Beziehungen und Bedürfnisse als lebendige Systeme betrachten, die mit anderen lebendigen Systemen in Wechselwirkung und Austausch stehen.

Stabilität und Wandel

Ebenso wie die biologischen Systeme unserer Umwelt mäandrieren auch die Beziehungen, in denen wir leben, beständig zwischen Phasen der Stabilität und der Entwicklung hin und her. Die Zeiten der Stabilität vermitteln uns Sicherheit, Verbundenheit und Harmonie. Das finden wir gut.

Anders die Zeiten des Wandels, in denen etwas Neues entsteht. Damit dieses Neue entstehen kann, muss zuvor etwas Anderes weichen. Je nachdem, was dem Neuen Platz macht, kann diese Phase durchaus folgenschwer auf die gesamte Stabilität unserer Liebesbeziehung oder unseres Selbstbildes wirken.

Krisen laden uns ein, uns und unsere Beziehungen weiter zu entwickeln, neue Sichtweisen, Fähigkeiten oder Möglichkeiten auszuprobieren und vielleicht sogar als neue Kompetenz hinzu zu gewinnen. Da Krisen uns mit Ungewohntem konfrontieren, sind sie immer auch anstrengend und unbequem. Das ist kein Zeichen dafür, dass die Welt untergeht, sondern nur dafür, dass wir mit einer großen inneren Herausforderung konfrontiert sind.

Statt diesen Phasen allerdings mit wenn schon nicht Abenteuerlust, aber doch vielleicht immerhin ein bisschen Neugier zu begegnen, bezeichnen wir sie als „Katastrophe“, als „Problem“ und als „Störungen“ der Harmonie.

Wir haben nie gelernt, Disharmonie als kreativen Impuls zu begreifen: Daher glauben wir, unsere Beziehung wäre „kaputt“, wenn die Harmonie für einen Zeitraum auf wackeligen Füßen steht. Und derjenige Partner, der die Entwicklung angestoßen oder auch nur sichtbar gemacht hat, der ist an dieser Misere „Schuld“.

Diese Sicht ist natürlich verständlich, weil im Regelfall eben nicht beide Partner zur gleichen Zeit den Impuls zur Entwicklung verspüren, und wenn doch, dann nur selten noch dazu in dieselbe Richtung. Hierbei ist es unerheblich, um welche Art von partnerschaftlicher Entwicklung es geht.

Einer der beiden Partner sieht in der Veränderung direkte Vorteile für sich und bringt von daher naturgemäß eine große Bereitschaft mit ins Spiel. Der andere Partner hingegen sieht möglicherweise durch die Veränderung eigene Bedürfnisse oder Interessen in Gefahr. Oder er kann den Nutzen zwar durchaus sehen, aber der dazu erforderliche Aufwand erscheint ihm als zu hoch.

Lilith möchte die Welt bereisen. Adam aber fühlt sich wohl in dem heimischen Paradies. „Was willst du denn?!“, fragt Adam. „Wie haben hier doch alles!“
Julia hat Interesse an einem Job in einer anderen Stadt. Romeo aber möchte seine Freunde um sich haben. „Was verlangst du da von mir?“, fragt Romeo Julia.
Ben möchte gerne ein Kind. Hikaru aber würde gerne noch ein paar Jahre in der Sternenflotte Karriere machen. „Es ist doch nur für fünf Jahre“, versucht Hikaru Ben zu beruhigen.
Cleopatra möchte die Beziehung zu ihrem Geliebten vertiefen und ihn häufiger sehen. Cäsar fühlt dadurch in seinem Wert als Mann verletzt. Cleopatra ist frustriert: „Aber das hat doch mit dir und mir nichts zu tun!“

Die Rollenverteilung findet sich in der Regel leicht. Einer der Partner wird zum Zerstörer der Harmonie und der andere zum Verhinderer des Notwendigen oder Guten. Je nachdem, mit wessen Augen wir die Situation beleuchten.

Hierbei übersehen wir jedoch oft, dass: Wir uns zwar uneins darüber sind, wer Recht hat und wer Schuld ist. Aber offensichtlich sind wir uns einig darüber, dass es in dieser Sache durchaus um Recht und Schuld geht, und damit um einen Kampf zwischen GUT (Recht, richtig, ich!) und BÖSE (Schuld, falsch, du!).

Natürlich ist auch diese Sichtweise verständlich. Allerdings ist sie weder notwendig, noch besonders hilfreich. Genau genommen ist sie noch nicht einmal zwingend logisch.


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