Was genau ist eigentlich „guter“ Sex?

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„The sexy 6“

Was genau ist eigentlich „guter“ Sex?

„Ein Kuß, der das Herz nicht berührt, langweilt den Mund.“
Blaise de Montluc

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Fassung des Kapitels „Was genau ist eigentlich „guter“ Sex?“ aus meinem Buch „untervögelt – Macht zu wenig (guter) Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?“. Es erscheint im März 2019 im Verlag Fischer & Gann.

Sex kann uns auslaugen oder erfüllen, verbinden oder trennen, verletzen oder heilen. Wer mehr Sex von der Art hat, die die eigenen Ressourcen eher auszehrt als nährt, wird nicht dieselbe pulsierende Lebendigkeit ausstrahlen wie jemand, der oder die das Schlafzimmer immer wieder erfüllt und satt verlässt.

„Gut gemachter“ Sex ist Nahrung für Körper und Psyche. „Guter Sex“ nährt unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Wohlbefinden, Wirksamkeit, Freiheit, Intensität, Zugehörigkeit, Anerkennung, Verbundenheit – und manchmal sogar Selbsterkenntnis, Augenhöhe und/oder Entwicklung.

Was genau aber macht den Unterschied aus?

Zärtlichkeit und Lust sind besondere Formen der Kommunikation. Sich einem Menschen körperlich zu öffnen, auf äußeren Druck oder aus innerem Verantwortungsgefühl heraus, fühlt sich immer irgendwie falsch an. Das beginnt bei »Gib Oma doch ein Küsschen!« und ist bei »Du willst es doch auch, Baby!« noch nicht am bitteren Ende.

In manchen Augenblicken dagegen strebt alles in uns danach, einen Menschen, mit dem wir eine Erfahrung teilen, zärtlich oder lustvoll zu berühren. Es fühlt sich geradezu falsch an, es nicht zu tun. Dies sind Situationen, in denen wir uns mit einem Menschen besonders verbunden fühlen. In diesen Situationen fließen Vertrauen und Wohlwollen in Strömen. Nicht, weil wir uns streicheln und küssen. Wir streicheln und küssen uns, weil jede unserer Zellen überläuft vor Fülle und Freude.

Es geht also nicht allein darum, uns in unserem Leben mehr Raum für Sex zu reservieren. Das sollten wir durchaus tun. Allerdings sollten wir uns hierbei immer wieder vor Augen führen, dass die Auswahl unserer Sexualpartner*innen und somit die körperliche und emotionale Qualität unserer sexuellen Erfahrungen ein aussagefähiger Indikator für das Maß an Liebe und Selbstfürsorge ist, mit der wir uns durch unser Leben bewegen. Unser schlechter Sex sagt nicht nur etwas über unseren Partner oder unsere Partnerin aus. Vor allem sagt es etwas über uns und unsere Entscheidungen.

Die Qualität unseres Sexuallebens ist die Antwort auf die Frage, wie offen wir dafür sind, uns selbst zu begegnen: unseren Wünschen, Gefühlen und Impulsen. Relevant ist selbstverständlich, was unsere Körper miteinander machen. Um Dimensionen relevanter jedoch ist es, wie offen und bereitwillig wir sind, uns unserem/unseren Partner*innen gegenüber voll und ganz zu offenbaren, mit allem, was wir sind. Ebenso, wie bereitwillig wir auch ihm oder ihr in die Augen schauen in dem Wunsch, ihn oder sie ganz zu sehen, mit allem, was er ist, oder allem, was sie wünscht.

Im Grunde ist richtig guter Sex überhaupt keine Hexerei. Ich glaube, es braucht lediglich sechs Zutaten:

Zutat 1:
Freiheit und Selbstbestimmtheit

„Nichts ist trauriger als eine Frau,
die sich aus anderen Gründen auszieht
als für die Liebe.“
Juliette Gréco ( Schauspielerin )

Beginnen wir mit einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit:

Guter Sex ist immer und ohne Ausnahme freier, freiwilliger und selbstbestimmter Sex. Das bedeutet an erster Stelle natürlich: Jeder Sex, den wir gegen unseren Willen oder gegen den Willen einer anderen Person haben, kann niemals guter Sex sein.

Das betrifft nicht nur das grässliche Thema »Vergewaltigung und Nötigung«. Es gibt bereits subtilere Formen von unfreiem Sex, bei denen sich keine der Parteien in unserem Rechtssystem strafbar macht.

Weitere verbreitete Formen von unfreiem Sex sind:

Sex aus Pflichtgefühl: Wenn wir mit unserem Partner schlafen, weil »es halt dazugehört«.

Sex aus Mitleid: Wenn wir mit unserem Partner schlafen, weil »er/sie es halt braucht« – und damit er/sie Ruhe gibt.

Sex aus Berechnung: Wenn wir mit einem Menschen schlafen, um diesen »uns gewogen« zu stimmen, um ihn oder sie von einem Thema oder einer Tätigkeit abzulenken oder in eine psychologische Bringschuld zu versetzen. Ebenso: Sex als Handelswährung für den Erwerb kultureller, finanzieller oder sozialer Vorteile.

Sex als Ego-Booster: Wenn wir mit einem Menschen Sex haben, der uns eigentlich nicht interessiert, es aber dennoch tun, weil wir uns davon eine Stärkung des Selbstwertempfindens versprechen. Z.B. Sex mit dem Ex, mit der besten Freundin der Ex oder mit einem Menschen, mit dem wir nur deswegen Sex haben, weil er oder sie besonders hübsch, wohlhabend, angesehen, einflussreich oder exotisch ist.

Sex als »besser als nichts«: Wenn wir unsere Sexualität auf eine Weise oder mit einem Menschen leben, die bzw. der uns nicht nährt und befriedigt, es aber »halt das Einzige ist, was wir uns erlauben können oder dürfen«.

„Selbstbestimmtheit“ geht noch einen großen Schritt weiter als „Freiheit“. Selbstbestimmtheit heißt: Nicht nur, dass wir miteinander schlafen oder spielen, ist meine wie deine freie und eigene Entscheidung, auch das, was wir miteinander machen und erleben, bestimmen und gestalten du und ich aktiv und bewusst mit. Selbstbestimmtheit verlangt von uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten 100% Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben und für die eigenen Erfahrungen. Das kann nicht jede/r. Aber jede/r kann es lernen.

Wer schlechten Sex hat, weil seine/ihr Partner/in offensichtlich keine Gedanken lesen kann, übernimmt nicht nur keine Verantwortung für die eigene Lust und Freude, sondern sabotiert dadurch auch subtil oder direkt die Freude und Lust des anderen. Wer nicht gut für sich selbst sorgt, versaut nicht nur seinen eigenen Sex, sondern auch den seines Partners oder seiner Partner.

Wenn es dir also schwerfällt, die ganze Verantwortung für dich und deine Erfahrungen zu übernehmen, dann musst du dich nicht wundern, wenn deine Sexualpartner nicht gerade gierig danach sind, dich ins Schlafzimmer zu zerren.

Falls du andererseits ein Faible dafür hast, dir Sexualpartner zu suchen, die nicht gut darin sind, für sich selbst einzutreten, dann musst auch du dich nicht wundern, wenn das Maß deiner sexuellen Erfüllung sich auf Dauer eher im unteren Drittel einpendelt.

Zutat 2:
Aufrichtigkeit und Vertrauen

Sex ist sehr unkompliziert, wenn man von keinem Komplex,
sondern von einem Bedürfnis geleitet wird.“
Georges Simenon ( Schriftsteller )

Sex berührt uns tief. Unsere Sexualität ist integral mit unserem Selbstempfinden als Mann oder als Frau (oder als *) verbunden. Viele Menschen in unserer heutigen Kultur haben Schwierigkeiten mit den sexuellen Dimensionen ihrer Identifikation als Mann, als Frau oder *.

Je tiefer wir uns unserem Gegenüber öffnen, desto intensiver und nährender wird unsere sexuelle Erfahrung miteinander sein. Uns wirklich zu öffnen bedeutet jedoch, uns wirklich zu zeigen. Ganz. All das, was wir sind.

Mit allem, was wir sind. Unsere Gefühle, unsere Wünsche und Sehnsüchte, unsere Gedanken und Ideen, unsere Ängste, unsere (bisherigen) Grenzen, unser Unvermögen, unsere Unvollkommenheit und Unsicherheit, unsere persönliche Geschichte und die Vision, die wir von unserer Zukunft haben. Wenn wir uns wirklich öffnen, dann zeigen wir damit auch, wo und wie wir verletzbar sind. Uns zu öffnen bedeutet, uns verletzlich zu machen. Darum braucht es Vertrauen. Dies scheint so offensichtlich, und doch erkennen nur wenige von uns die Bedeutung dieser Erkenntnis.

Das Vertrauen, aus dem heraus Aufrichtigkeit entsteht, ist das Vertrauen in uns selbst. Ich vertraue mir selbst, dass ich dich gut und klug gewählt habe. Und selbst wenn nicht, sollte mir dies bewusst werden, werde ich schon einen Weg finden, damit auf gute und selbstbestimmte Weise umzugehen. Wenn ich dies mit jeder Zelle meines Körpers weiß, dann gibt es nichts, was ich in der kommenden Erfahrung mit dir zu befürchten hätte.

So kann ich mich dir frei und ganz zeigen: meinen Körper, meine Wünsche, meine Ideen, meine Gefühle, meine Grenzen, meine Wahrheit …

Sollte ich erkennen, dass du mit meinem Körper, meinen Wünschen, Ideen, Gefühlen und Grenzen oder meiner Wahrheit nicht gut umgehst, dann werde ich meine Schlüsse daraus ziehen. Ich bin in der Lage, sowohl mein Leben als auch meine sexuelle Kraft auch ohne dich in vollen Zügen zu genießen.

Sollte ich jedoch erkennen, dass auch du all dies, die Schönheit und den Schatten, in mir und in dir, annimmst und ehrst, so kann ich dir furchtlos alle Türen öffnen. Wenn ich dich und mich als aufrecht, wahrhaftig und ganz erlebe, was sollte mich davon abhalten, mich in diese Erfahrung mit dir von ganzem Herzen, mit fliegenden Fahnen, blind und frei hineinzustürzen?

Zutat 3:
Spiel- und Entdeckungsfreude

„Mit Humor kann man Frauen am leichtesten verführen,
denn die meisten Frauen lachen gerne ein bisschen,
bevor sie anfangen zu küssen.“
Jerry Lewis ( Komiker )

Es gibt viele verkopfte, verkrampfte und anstrengende Arten und Weisen, miteinander Sex zu haben. Allerdings ist keine davon geeignet, uns besondere Genüsse zu bescheren.

Guter Sex ist ein Spiel, ein Tanz oder eine Reise. Sein erster und oberster Zweck ist die Mehrung des gemeinsamen Glücks. Darüber hinaus kann guter Sex dazu führen, dass wir miteinander Erfahrungen machen, die alte Wunden oder Ängste heilen. Wir können einander und uns selbst auf völlig neue Weise erleben. Ganz genauso wie ein Spiel, ein Tanz oder eine Reise, es zu tun vermag.

Wer mit Spiel- und Entdeckungsfreude im Herzen in eine sexuelle Begegnung geht, der hat keine verdeckten Ziele, keine Erwartungen oder Forderungen im Hinterkopf. Weil es um nichts anderes geht als um die gemeinsame Freude und Lust, ist alles willkommen, was diese Freude und Lust nährt. Bei meinem Spiel-, Tanz- und Reisepartner ebenso wie bei mir selbst. Weil es um nichts geht, gibt es aber auch keine Agenda, wann was wie zu geschehen hat. Weil das Spiel, der Tanz, die Reise seinen oder ihren eigenen Regeln folgt.

Wenn das Spiel, das wir spielen, wirklich Spaß macht – und auch der Partner, mit dem wir dieses Spiel spielen, es auf eine Weise spielt, die uns gut gefällt – dann ist es überhaupt nicht schlimm, wenn zwischendurch mal ein komischer Gedanke oder ein blödes Gefühl auftaucht, wenn irgendetwas kurz wehtut, nicht so funktioniert wie gedacht oder wenn der/die andere sich etwas wünscht,
womit ich nicht gerechnet hätte.

All das ist dann einfach nur ein Teil unseres gemeinsamen Spiels, unseres Tanzes oder unserer Reise durch unser gemeinsames Abenteuer- und Zauberland.

Je offener und klarer wir unserem Partner kommunizieren, was wir uns wünschen oder was uns gefällt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auch das bekommen oder erleben, was wir uns wünschen und was uns gefällt.

Vorausgesetzt natürlich, wir haben eine/n Partner*in, der oder die daran Gefallen findet, uns unsere Wünsche zu erfüllen. Ist dem in unserer aktuellen Liebesbeziehung oder Ehe gerade nicht so, stellen sich möglicherweise ganz andere Fragen.

Zutat 4:
Ein gesundes Körperbewusstsein

„Äh … Falls ihre Bemerkung auf Sexualität hinzielt:
Ich bin voll funktionsfähig programmiert
auf multiple Techniken.“
Data ( Android )

Sex ist pure körperlichkeit. Das bedeutet nicht nur wohlige oder irritierende Empfindungen. Es bedeutet auch Geräusche und Gerüche. Es bedeutet Körperflüssigkeiten: Speichel und Schweiß, Blut vielleicht sogar, Samen, Scheidensekret und weiblicher Ejakulationssaft. Es bedeutet, Flecken zu hinterlassen auf Körpern, Kissen und Kleidern.

Je besser wir unseren Körper kennen, je mehr wir gelernt haben, ihn in all seiner Lebendigkeit und Empfindsamkeit zu genießen und zu lieben, desto freier gehen wir in unserer Sexualität mit allen Facetten unserer Körperlichkeit und unserer Lebendigkeit um.

Wenn wir unseren Körper und unser »So-sein-wie-wir-sind« lieben und ehren, dann ist jedes wohlige Empfinden ein Geschenk des Lebens an uns. Dann denken wir nicht darüber nach, ob es okay ist, dass wir oben gurren und unten schmatzen, dass uns Körpersekrete in Gesicht und Haaren kleben, dass wir gerade gepupst haben oder dass unser Bettlaken voller dunkler, glänzender Flecken ist.

Je weniger wir uns mit derlei Dingen glauben beschäftigen zu müssen, desto leichter und tiefer können wir uns einlassen auf das wundervolle Spiel von Sinnlichkeit und Lust.

Je besser wir unseren Körper kennen, desto präziser können wir darüber hinaus auch erfassen und benennen, was uns gefällt und was nicht. Wir können dies unserem Liebespartner mitteilen, um ihm oder ihr die Gelegenheit zu geben, uns etwas Gutes und Schönes zu tun. Es sei denn natürlich, unser/e Partner*in kann Gedanken lesen oder hört ohnehin nicht hin.

Wenn wir unseren Körper kennen und lieben, dann sind wir gut zu ihm und geben ihm, was er braucht. Sei dies gesunde Nahrung, natürliche Bewegung oder eben: guter Sex.

Zutat 5:
Ein gesundes Selbstbewusstsein

„Ich denke, die Bereitschaft, ein selbstbestimmtes Sexualleben
zu führen, geht einher mit den Fähigkeiten zu Introspektion
und logischem Denken. Diese Fähigkeiten erfordern
ein gewisses Maß an Intelligenz.“
Annalisa Rose ( Sexshop-Mitarbeiterin)

Nicht nur mein körper, auch meine Psyche ist alles andere als makellos. Vielleicht habe ich irrationale Ängste oder Selbstzweifel. Vielleicht habe ich Schwierigkeiten im Umgang mit meinen Gefühlen oder traue mich nicht zu sagen, was ich will.

So wenig hilfreich all dies auch sein mag, um uns wirklich fallen zu lassen, all dies ist Teil dessen, was wir sind. All dies lassen wir an und in uns, auch wenn wir unsere Kleider ausziehen – ebenso wie unseren Körper.

Wir können uns mögen oder nicht. Zumindest jetzt gerade sind wir genau so, wie wir jetzt gerade sind: unfertig, auf dem Weg, unvollkommen, auf der Suche … und in all dem: durch und durch Mensch und absolut liebenswert.

Selbstbewusstsein bedeutet nicht, immer groß und stark sein zu müssen. Selbstbewusstsein bedeutet, uns selbst so anzunehmen und anzuerkennen, wie wir sind. Unsere Stärke ebenso wie unsere Schwäche, unsere Autonomie ebenso wie unseren Wunsch nach Nähe, unsere Antworten wie unsere offenen Fragen.

Selbstbewusstsein bedeutet nicht Überlegenheit. Selbstbewusstsein bedeutet, uns selbst mit all dem, was wir sind und was zu uns gehört, anzunehmen und zu ehren. Das bedeutet nicht, dass wir schon fertig wären.

Selbstbewusstsein bedeutet, für unsere Sehnsüchte und Ideen ebenso einzutreten wie für unsere Grenzen und Ängste. All dies ist Teil von dem, was wir sind. Was wir jetzt sind. Dies bedeutet nämlich keinesfalls, dass wir morgen dieselben Wünsche oder Ideen hätten, dieselben Grenzen oder Ängste.

Dies bedeutet übrigens auch nicht, dass wir für unsere Wünsche oder Grenzen kämpfen, sie durchboxen oder sonst wie erzwingen müssten. Es bedeutet lediglich, sie unserem Gegenüber mitzuteilen und ihm oder ihr dadurch Gelegenheit zu geben, darauf zu reagieren. Dies können wir mit ein bisschen Übung sogar ganz liebevoll und ohne Druck tun.

Selbstbewusstsein bedeutet, uns das Recht zuzugestehen, genießen zu dürfen. Wir dürfen uns dem anderen und seinen Berührungen hingeben, wir dürfen mit jeder Zelle empfangen und uns an den Erfahrungen laben, die unser Liebster oder unsere Liebste uns schenkt.

Selbstbewusstsein bedeutet, mir selbst das Recht zu geben, meinem Partner oder meiner Partnerin Freude und Wonne zu schenken. Mir herauszunehmen, ihn zu erregen, sie heiß zu machen, es ihm oder ihr zu besorgen.

Ein gesundes Selbstbewusstsein bedeutet, uns selbst von ganzem Herzen die Erlaubnis zu geben, ein echter Leckerbissen im Bett zu sein. Und uns an diesem Zustand mit ebenso ganzem Herzen zu erfreuen. »Selbstverständlich bin ich eine gute Liebhaberin. Und ohne jeden Zweifel ein erlesenes Einzelstück.«

Zutat 6:
Lust an der Lust

„Sex-Appeal ist etwas, was man tief im Inneren spürt.
Ich kann ihn ebenso gut voll bekleidet rüberbringen,
beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“
Audrey Hepburn

Auch der letzte Punkt sollte nach meinem deutlichen Dafürhalten längst ein alter Hut sein. Er ist es aber leider bis heute für viele Menschen nicht. Nur wenige beherrschen in unserer Zeit die hohe Kunst des Genießens und Genießenlassens. Das hat verschiede Gründe, aber immer wieder den gleichen Preis. Man hat zwar möglicherweise Sex, möglicherweise sogar regelmäßig. Aber der ist dann halt eben nicht „… oh, my fucking goodness!“, sondern lediglich „… war wie immer halt, okay!“.

Das erste und oberste Ziel all unserer Sexualität ist das Mehren von Glück, Freude und Lust. Deiner Freude und Lust, meiner Freude und Lust und immer wieder: deiner oder meiner Freude und Lust an der Freude und Lust des anderen. Das ist es, worum es geht. Das ist es, warum wir es immer wieder wollen. Jeder andere Grund, mit einem Menschen ins Bett zu gehen, als die Lust auf Sinneslust, ist eine Kopfgeburt.

Die Lust an meiner Lust und die Lust an deiner Lust führen dazu, dass ich dir zeige, was mir Spaß macht und guttut. Damit du weißt, was du tun kannst, falls du mir zufällig mal schöne Gefühle oder Körpersensationen schenken willst. Schließlich kannst du keine Gedanken lesen. Und ich auch nicht.

Und ebenso bin auch ich natürlich neugierig darauf, was dich anmacht. Ich gebe dir Raum, dich zu zeigen, mir deine Ideen oder Fantasien oder Sehnsüchte zu offenbaren. Weil alles, was ich über deine Lust weiß, mir in die Hände spielt, falls mir zufällig mal danach ist, dir Lust und Freude zu bereiten.

Genau darum geht es bei dem, was wir alle „guten Sex“ nennen: um das Empfangen und Schenken von Freude und Lust. Ich will erleben, dass du unter meinen Händen zu reiner Lust zerfließt. Und ich will mit dir, in dir, um dich herum zerfließen in reiner Lust. Ob du mein Lebenspartner bist oder ein einmaliges Geschenk: Ich will deine Lust mehren und mich blind in deine Hände geben, damit du meine Lust und Freude mehrst.

Unsere Sexualität ist eine psychophysisch wechselwirkende Kraft. Was uns Menschen erregen und uns Lust bereiten kann, ist ein weites Feld. Je mehr wir von uns selbst und voneinander wissen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, einander zu beschenken und uns voneinander beschenken zu lassen.

Vielleicht fragst du dich an dieser Stelle, ob die eine oder andere deiner ganz persönlichen (vielleicht: „speziellen“ …) Neigungen oder Vorlieben (bzw. jene deines Partners oder deiner Partnerin) nicht vielleicht doch ein wenig »zu speziell« sein könnte…

Falls dem so wäre, dann empfehle ich dir wärmstens die Lektüre von Julia Shaws eindrucksvollen und hochspannenden Buch über das „Böse“, insbesondere ihr Kapitel mit dem vollmundigen Titel: „Abartig pervers: Die Wissenschaft von der sexuellen Devianz.“

Eingehend widmet sie sich hierin unter anderem dem, was die klinische Diagnostik als „abweichende“ Sexualität pathologisiert. Hierbei räumt sie gründlich auf mit einigen weit verbreiteten (im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnis jedoch haltlosen) Vorstellungen über das, was schlafzimmertechnisch eigentlich normal ist oder nicht.

Brachial zusammengefasst können wir festhalten: So lange deine Vorlieben oder Phantasien weder mit Kot oder Blut noch mit Kindern oder Tieren zu tun haben, kannst du davon ausgehen, dass das, was dir Freude, Wonne und Lust bereitet, auch einer Menge anderer Menschen Freude, Wonne und Lust beschert, einige davon höchstwahrscheinlich auch in deinem engen persönlichen Umfeld.

Ob BDSM oder Rollenspiel, Dirty Talk, Telefonsex, Poposex, Deep Throating, Golden Showers, Fotoshootings oder die Lust an Unterwerfung und Schmerz, ob das Spiel mit Spielzeugen, mit tantrischer Langsamkeit oder mit dem Verbotenen und Ungezogenen an sich – ich wette, du kennst eine Menge Leute auf deiner Arbeit, in der Nachbarschaft oder Familie, die interessante, ungezogene, vielleicht sogar schamlose Dinge miteinander tun, von denen weder du noch die allermeisten anderen Menschen auch nur den Hauch einer Ahnung haben.

Hand aufs Herz: Wenn uns jedes Mal einen Zacken aus der Krone bricht, wenn wir etwas ausprobieren, das jenseits unserer bisherigen Gewohnheiten liegt, dann ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, wenn unser Erfahrungsschatz begrenzt ist und wir als Gesprächs- oder Liebespartner sogar objektiv betrachtet bislang nicht gerade das leckerste Stück Torte der Welt sind.

Das ist keine Einladung, all unsere Grenzen einzureißen oder einreißen zu lassen. Manches lehnen wir mit Sicherheit aus guten Gründen ab. Anderes jedoch vermeiden wir, weil wir glauben, es wäre nicht das, was „man“ bzw. „frau“ tut, weil wir es für schmutzig oder unartig halten oder weil es uns schlicht fremd und unvertraut erscheint und wir uns fürchten, die Souveränität oder Kontrolle zu verlieren. Dies ist eine Einladung, uns mutig und unverschämt zu öffnen für das, was unser Leben schöner macht – oder vielleicht auch nur das Potenzial dazu haben könnte, dies zu tun.

Schließlich wusste bereits der alte Nietzsche: „Die Glücklichen sind neugierig!“ Sein griechischer Kollege Demokrit, von hier aus gesehen kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung aktiv, würde vielleicht erwidern: „Mut steht am Anfang unseres Handelns. Glück steht am Ende.“

Auf den Punkt:

„Es gibt schlicht und einfach keinen höflichen Weg,
einem Menschen zu erklären, dass er sein Leben
auf Lügen aufgebaut hat.“
Daniel Dennett ( Philosoph)

Die Wechselwirkung dieser 6 Zutaten ist keine Addition, sondern eine Multiplikation. Das bedeutet: Jeder einzelne Wert ist von massiver Bedeutung für das Endergebnis.

In so einer Rechnung reicht es nämlich aus, wenn auch nur einer der Werte Richtung null tendiert, damit selbst bei Traumwerten an allen anderen Stellen das Ergebnis nur mittelmäßig befriedigend ausfällt. Je seltener nun jedoch der Sex für beide ( bzw. alle ) beteiligten Parteien befriedigend ausfällt, desto wahrscheinlicher tritt über kurz oder lang ein Zustand ein, in dem der Sex zunächst in den Hintergrund rückt und schließlich ganz ausfällt. Dies ist keine Schauergeschichte, sondern gelebte Realität in unzähligen »Liebes«-Beziehungen im Lande.

Da beim Sex in aller Regel mehr als eine Person beteiligt ist, gilt die vorgenannte Formel selbstverständlich nicht nur für einen, sondern für beide bzw. alle Partner. Es zählt also nicht nur das Selbst- oder Körperbewusstsein des einen Partners, sondern auch das, des oder der anderen. Deine Aufrichtigkeit und Selbstbestimmtheit, deine Spielfreude und dein Ja zur Lust sind also nur die Hälfte dessen, was zählt. Mindestens ebenso relevant ist es, welchen Grad an sexueller Erfahrung und Bewusstheit der oder die Partner mitbringen, mit denen du für dieses archaische Spiel der Tiefe und Lust in den Ring ( bzw. ins Bett ) steigst.

Auf den Punkt: Wie gut dein Sex ist, hängt nicht davon ab, wie teuer deine Dessous sind, welche akrobatischen Leistungen du vollbringst oder wie ebenmäßig dein Körper geformt ist. Es hängt davon ab, wie sehr du und dein/e Partner*in bereit seid, euch ganz in diesen Augenblick und in diese Erfahrung hineinzugeben, von ganzem Herzen zu schenken, mit allen Sinnen zu empfangen und nichts zurückhalten, was deine Freude und Lust oder die Freude und Lust deines Spiel- oder Liebespartners zu mehren in der Lage wäre.

Das, nicht mehr und nicht weniger, sind die sechs Zutaten für das Spiel, das den Namen »richtig guter Sex« mit Stolz und Würde trägt.

Mehr braucht es nicht.

Volker Schmidt, Oldenburg 2018

Du liebst Sex? Dann wird dieses Buch wie Dünger sein für dich:

untervögelt
macht zu wenig ( guter! ) Sex uns hässlich, krank und dumm?
ISBN: 9783903072787
€ 15,00 [D] inkl. Mwst.
Softcover

Weitere Informationen auf meiner Website
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Lies hier weiter:

Was weißt du über Sex?! Bewusstheit als Schlüssel zu sexueller Fülle

Berührt euch!

No risk, no fun?! Die Sache mit den Geschlechtskrankheiten

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