06. Entscheidung: Liebe auf Augenhöhe ist lustvoll.

Es wird schwer sein, einen Anderen oder mich selbst zu einem Weg wie dem hier beschriebenen zu motivieren, wenn der Nutzen daraus den notwendigen Aufwand nicht um Längen überwiegt.

Darum ist Liebe auf Augenhöhe unverschämt lustvoll. Oder sie ist nicht von langer Dauer.

Eine wichtige Kennzahl der Liebe ist die Gottman-Konstante. In Kurzform schlicht: „5:1“. Die Langfassung: Jedes unangenehme Gefühl, das wir mit einem anderen Menschen in Verbindung bringen, wird aufgewogen oder überwogen durch fünf positive Gefühle gleicher Stärke in Bezug auf dieselbe Person.

Dass Beziehung manchmal unbequem und anstrengend ist, vor allem in Situationen, in denen wir mit uns selbst (!) nicht klar sind, lässt sich nicht verhindern. Wir werden immer wieder unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche oder Vorstellungen haben, die im ersten Anlauf miteinander zu kollidieren scheinen. Wir werden immer wieder unangenehme Gefühle fühlen in Bezug aufeinander. Je besser wir uns selbst kennen lernen, desto weniger und vor allem weniger schlimm werden diese Gefühle sein. Doch Ärger bleibt Ärger und Angst bleibt Angst, ganz egal, wie erleuchtet wir auch sind.

Was wir aber unvermindert in der Hand haben, ist wie viel Freude und Lust wir uns selbst und unserem Partner gönnen. Wie viel Wonne und Geborgenheit. Wie viel Inspiration und Erfüllung. Wie viel Leidenschaft und Spaß. Wie viel Ekstase. Wie viel Tiefe. Wie viel Glück.

Es gibt unzählige Arten und Weisen, einem Menschen, den man liebt, das Leben zu versüßen. Manche finden in der Küche statt, manche im Schlafzimmer und manche unterwegs.

Wenn es also Spaß machen könnte, keinem weh tut und höchstwahrscheinlich nicht gefährlich ist, dann probieren wir es doch, zum Teufel, einfach aus!

Nach all den hochtrabenden und bedeutsamen Entscheidungen, die wir vielleicht nun getroffen haben, bleibt nur noch eine letzte Entscheidung offen. Eine, die uns aus den erhabenen Gefilden der Psychologie und Philosophie zurückholt auf die Erde, aus der wir geformt und geboren sind.

Die letzte Entscheidung wurzelt in unserem Bekenntnis zur eigenen Unvollkommenheit und Menschlichkeit. Die letzte Entscheidung ist die Entscheidung zum Pragmatismus.

07. Entscheidung: Liebe auf Augenhöhe ist pragmatisch.

Da ich keine Gedanken lesen kann, und weiß, dass auch du keine Gedanken lesen kannst, weiß ich um die Wichtigkeit regelmäßiger Gespräche über das, was dich und mich innerlich beschäftigt und berührt. Für diese Gespräche werde ich eintreten.

Da ich selbst Fehler mache und es vorkommen kann, dass ich Regeln unbedacht (oder vielleicht sogar sehenden Auges) breche, erlaube ich auch dir, Fehler zu machen oder dein Wort zu brechen. Sollte ich mein Wort brechen, werde ich dir das freiwillig von mir aus mitteilen. Alles andere wäre würdelos. Und ich möchte kein würdeloser Partner sein. Dir nicht, mir nicht und niemandem sonst.

Wenn ein Versprechen notwendig ist, dann gebe ich nicht dir, sondern mir ein Versprechen. Dadurch stelle ich sicher, dass ich dieses Versprechen auch tatsächlich halten kann. Ein Versprechen zu geben, von dem ich auch nur ahne, dass ich es nicht werde halten können, führt mit großer Wahrscheinlichkeit später zu Leid oder Frust bei dir oder mir. Ich kann dieses Ungemach vermeiden, indem ich nur das zusage, von dem ich weiß, dass ich es halten kann und halten will. Auch dies nicht zuletzt im Namen meiner eigenen Würde.

Wenn mein Vergeben notwendig ist, werde ich mein Bestes tun, um schnell zu vergeben. Wenn dein Vergeben notwendig ist, werde ich mein Bestes tun, um dir dein Vergeben so leicht wie möglich zu machen.

Es gibt Situationen, die sind so komplex, so verfahren oder so schmerzhaft, dass sie zu groß sind für zwei Herzen miteinander allein. In solchen Situationen nehmen wir Hilfe an. Das kann die Hilfe eines Freundes sein, eines Familienmitgliedes oder eines Coaches oder Therapeuten. Je nach Umständen, Möglichkeiten oder Vorlieben.

All dies klar vor Augen habend, bin ich mir bewusst, dass ein solcher Weg von uns beiden viel verlangt. Es kann sein, dass du – aus welchen Gründen auch immer – nicht bereit oder nicht gewillt bist, den Weg der Augenhöhe mit mir zu gehen. In diesem Falle bleibt nur zu hoffen, dass wir diese Erkenntnis lieber früher als später gewinnen. Um uns freizugeben, einander und uns selbst, damit jeder von uns die Form der Liebe und Partnerschaft erlangen kann, die ihn oder sie von ganzem Herzen bereichert, erfüllt und nährt.


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