Ratschläge an eine junge Kapitänin

„Das tiefste Geheimnis ist, dass das Leben keine Entdeckungsreise, sondern ein Schöpfungsprozess ist. Du entdeckst Dich nicht, sondern Du erschaffst Dich neu. Versuche also nicht, herauszufinden, wer Du bist, sondern zu bestimmen, wer Du sein willst. „
Neale Donald Walsch (* 1943)

 

Liebe Kapitänin, lieber Kapitän!

Dies ist dein Schiff. Dies ist dein ‚ich‘. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kräfte: Anteile, Instanzen, Persönlichkeiten oder wie auch immer du sie nennen magst. Jede von ihnen wurde nur zu dem Ziel geboren, dir (dem Schiff) zu dienen.

Du möchtest diese Mannschaft oder Frauschaft führen? Wohlan!

Dann empfehle ich dir zu allererst: Lerne deine Mannschaft oder Frauschaft kennen, jede einzelne Instanz in dir! Finde heraus, wer und wie sie ist, seit wann sie ein Teil des Schiffes ist, das du bist. Finde heraus, was ihre ureigenen Fähigkeiten und Stärken sind, die sie in dein System einbringt. Sie war damals die Lösung für ein Rätsel oder gar Problem. Vielleicht könnte sie dir auch heute nützliche Dienste erweisen.

Lerne die lebendigen Beziehungsstrukturen in deinem ‚ich‘ kennen. Welche Instanzen (Anteile, Aspekte) in dir kommen sich immer wieder in die Haare? Wer springt immer wieder dazu, wenn eine andere Instanz sich unwohl fühlt? Wer tritt niemals ins Quartier, auch wenn er oder sie ganz offensichtlich zumindest ab und an Zugriff auf das Steuer hat?

Wenn du dein Schiff wahrhaft führen willst, dann lerne die Instanzen und Anteile deiner Psyche nicht nur kennen, sondern möglichst bald danach sogar lieben. Erkenne die Schönheit und das Licht in jedem oder jeder Einzelnen von ihnen. Sie alle haben Fähigkeiten und Talente, aber auch Sehnsüchte und Wünsche. Alles, was sie dir sagen, enthält Information über ihr Befinden sowie über die Stimmungs- und Bedürfnislage auf deinem Schiff. Auch wenn das, was deine Gedanken dir erzählen, nicht die Wahrheit ist, so enhält doch jede Geschichte, die du hörst, mindestens einen Funken von Wahrheit.Entstanden sind die Instanzen in dir in ganz spezifischen Situationen oder Phasen deines Lebens. Darum neigen sie dazu, sich insbesondere in ähnlichen Situationen oder artverwandten Phasen in den Vordergrund zu drängen.

Bitte schelte sie nicht dafür!

Das ist es, wofür sie damals entstanden sind. Wenn du sie, statt sie auszuschimpfen, neugierig kennen und mit Selbstmitgefühl lieben lernst, so kannst du ihnen eines danach gar nicht mehr so fernen Tages schließlich neue Aufgaben und Ziele anvertrauen, in denen sie sich selbst nicht nur als wertvolle Elemente des Gesamtsystems erkennen, sondern das System, das du bist, durch sie sogar so manchen Vorteil oder Fortschritt erlangt.

So könnte es beispielsweise möglich sein, dass du im Verlauf deines Lebens zwar neue Strategien erlernt hast, die in manchen Settings deines Lebens viel geeigneter wären, eine gute, leichte oder gar elegante Lösung zu ermöglichen als die bisherigen. Du weißt, was zu tun wäre, aber ein Teil von dir blockiert. Im Bild des Fliegenden Holländers bedeutet dies, dass eine konkrete Instanz in dir ein Veto einlegt und das Steuer blockiert.

Auch wenn du dies erlebst, rate ich dir: Lerne diesen Teil kennen. Erkenne das Bedürfnis, für das er (oder sie) steht. Finde eine Lösung für dieses Bedürfnis. Dann löst sein oder ihr Widerstand sich mit großer Wahrscheinlichkeit von alleine auf.

Gib den Anteilen oder Instanzen in dir, die du bemerkst und erkennst, Namen!

Da sie sich nicht selbst benennen können, ist der Name, unter dem wir eine innere Instanz zunächst kennenlernen, manchmal ein Name, den andere innere Instanzen ihr gegeben haben, als diese über sie sprachen. Manchmal passt dieser Name sehr gut. Manche solcher inner-circle-names bringen die Kräfte und Energien solcher Instanzen geradezu lyrisch auf den Punkt.

Andere Namen, die innere Instanzen einander geben, sind nicht besonders treffend oder schön. Sie fokussieren beispielsweise einzig auf eine Schwäche oder eine unangenehme Seite dieses Teils. Dies ist rein logisch betrachtet in jedem Fall ein Hinweis auf einen verdeckten oder offenen Konflikt an Bord.

Gib den Instanzen in dir, die du kennen lernst, daher gute und kraftvolle Namen. Dies sollten gar nicht unbedingt konkrete menschliche Namen sein. Treffender und sogar nützlicher sind archetypische Bezeichnungen wie „die Königin“ oder „das Kind“, „der Engel“ oder „das Tier“, „die Kriegerin“ oder „der Stratege“. Oder. Oder. Oder.
Wenn du offen bist, wirst du schon merken, wann sich ein Name, den du als Kapitän einem Besatzungsmitglied deines Schiffes gibst, sich für diesen ehrenvoll und lebendig anfühlt – und wann nicht.

Bedenke: Wer sich von anderen abgelehnt, ausgegrenzt oder entwertet fühlt, der verliert dadurch nicht an Kraft oder Willen. Er verliert dadurch nur an Motivation, diese Kraft und diesen Willen dafür einzusetzen, dem Rest der Besatzung ihr Dasein möglichst angenehm zu machen. Und schon gar nicht dem Kapitän, der für diese Kultur verantwortlich zeichnet.

Sprich mit deiner Besatzung! Sprich mit jedem und jeder. Öffne deine Tür und halte keinen Anteil in dir vor deinem ’selbst‘ zurück!

Das ist übrigens ganz wörtlich gemeint. Wir sind in der Lage, innere Dialoge nicht nur zu beobachten, wir können in diese Gedankenfolge auch ganz bewusste Interventionen einbringen, die die „sprechenden“ Anteile in uns dazu bringen, miteinander eine gemeinsame kooperative Strategie zu entwicklen.

Wenn es unterschiedliche Auffassungen von einer Sache in dir gibt, höre dir beide oder gar alle Seiten in Ruhe an, bevor du dich entscheidest, was mit dieser Situation zu tun ist! Die Zeit, die es dafür braucht, ist in aller Regel gut investiert.

Wann immer sich eine deiner Instanzen emotional aufdrängt und das Recht auf alleinige Deutungshoheit einfordert, frage ganz bewusst nach, welche anderen Instanzen in dir zu dieser Situation eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben! Höre dir an, was diese leiseren Stimmen zum Thema zu sagen haben. Was zu tun ist, das entscheide erst danach.

Übernimm zugleich mitfühlend und entschlossen die Führung auf deinem Schiff. Da dies die einzige Reise ist, die du mit diesem Schiff machst, rate ich dir: Wähle deine Ziele weise. Erkenne jedoch, dass du allein die Wahl hast, ob du Beliebtheit oder Integrität ansteuerst, ob Bequemlichkeit oder Würde. Da dies die einzige Reise ist, die du in diesem Leben machen wirst, empfehle ich dir, dass du einen Kurs setzt, der dich an seinem Ende stolz und dankbar zugleich zurück blicken lässt.

Halte dir stets vor Augen, dass auch auf den Schiffen um dich herum Kapitäninnen und Kapitäne in ihren Kajüten gefangen sind. Manche von ihnen haben ihr Schiff ganz offensichtlich wenig im Griff. Manche von ihnen hatten möglicherweise bislang einfach noch nie ein Vorbild dafür, wie man das eigene ‚ich‘ anders führen kann. Vielleicht kannst du ihnen ein Vorbild dafür sein. Und wenn nicht, dann solltest du sie doch zumindest nicht dafür strafen, dass sie selbst nicht weiter sind als du.

Dies, junger Kapitän, junge Kapitänin, ist der Rat, den ich dir geben kann.

Erkenne und erfahre dich selbst.

Und dann führe dich und dein Leben so, dass
es dich heute mutig und morgen dankbar macht.

Goode Fahrt, min Deern!
Goode Fahrt, min Jung!

Wir sehen uns auf See!

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