Schöne Metapher. Aber:
Was ergibt sich daraus?

„Nicht die sichtbare und vergängliche Materie ist das Wirkliche, Reale, Wahre – sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist.“
Max Planck (1858 – 1947)

Ich glaube, daraus ergibt sich das Folgende:

Wenn wir erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren Gedanken, Impulsen und Gefühlen und unserem ureigenen psychischen Kern, dann haben wir

immerhin schon einmal die Verantwortungsfrage über das Schiff und seinen Kurs geklärt.

Allein das schon halte ich für viel wert.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen dem wie und was einer Handlung und der Intention dahinter uns sehr dabei behilflich sein kann, eine Kultur zu begründen, die durch alle Taten der Menschen hindurch das Gute in diesem Menschen zu sehen und zu achten vermag. Ich denke, eine solche Kultur würde zum Beispiel dem Lande, in dem ich lebe, gut zu Gesicht stehen.

Je besser wir die psychischen Kräfte in uns kennen lernen, desto öfter werden wir erfahren, dass alles, was in uns ist, ursprünglich entstanden ist, uns und unserem Leben zu dienen. Haben wir dies erst verstanden, ist der Schritt zu Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstmitgefühl urplötzlich gar nicht mehr weit.

Unsere Gedanken sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet nicht mehr als die Sichtweisen, Meinungen oder Überzeugungen spezifischer, zumeist eindeutig von einander unterscheidbarer Instanzen unseres ‚ich‘, die unserem ’selbst‘ vortragen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie die Datenlage zu deuten ist und welcher Kurs lang-, mittel- oder kurzfristig der richtige sei.

Keine der Stimmen in uns kennt die Wahrheit. Sie alle haben nur eine plausible Sicht auf das, was ist oder kommen mag.

Hierbei steht jede innere Instanz stellvertretend für eines oder mehrere essenzielle Bedürfnisse. Unter den Instanzen kann es durchaus Überschneidungen geben, so dass mehrere Anteile unserer Persönlichkeit sich für den Umgang mit einem unerfüllten Bedürfnis anbieten und eignen.

Mit dieser Perspektive im Hinterkopf könnten wir uns fragen, ob das, was wir als unsere „übliche“ Reaktion ansehen, möglicherweise im Grunde nur darauf beruht, dass unser ’selbst‘ es bislang gewohnt war, einfach immer der lautesten Stimme im Inneren nachzugeben.

Oder ob es vielleicht bislang noch gar keine Führung an Bord unseres ‚ichs‘ übernommen hat.

Ich glaube, wenn wir unser ‚ich‘ als ein innerpsychisches Sozialsystem zu sehen lernen, dann fällt es uns leichter, inneren Abstand zu finden von dem, was Psychologen gerne „alte Muster“ nennen.

Und ich glaube, es würde leichter fallen einander zu vergeben, wenn wir erkennen, dass das, was wir am Anderen ablehnen, nur die Ausprägung einer Instanz ist, die wir in uns selbst möglicherweise auch kennen. Wir haben in dieser Situation vielleicht bislang nicht aus dieser Energie heraus gehandelt. Aber: Wir hätten es tun können. Und: Es gab möglicherweise sogar Stimmen in uns, die genau dieses Vorgehen vorgeschlagen oder gar gefordert haben.

Oder?

Auf dieser Ebene ist es nicht ganz, aber doch ganz schön egal, was an Verhalten wir an anderen Menschen beobachten. Das Allermeiste davon kennen wir als Gedanken, Impuls oder gar Wunsch in uns selbst.

Also bitte:

Spielen wir nicht länger die Unschuld vom Lande. Oder erinnern wir uns wenigstens, dass genau diese Art von „Unschuld“ dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief.“ zugrunde liegt.

Ich glaube, wir alle kennen diese widerstrebenden Anteile in uns. Nur haben wir bislang nie daran gedacht, sie auch zu benennen. Dies jedoch kann sehr hilfreich dabei sein, wenn man miteinander in Kontakt treten will. Und wenn ein ’selbst‘ will, dass sein ‚ich‘ etwas tut, dann ist in meinen Augen wirksame Kommunikation mit uns selbst gefragt.

Wenn wir nun also noch einmal die Metapher vom Schiff und seiner Mannschaft strapazieren, so lasse mich bitte abschließend ein paar Worte darüber verlieren, was ich einer/einem jungen oder einfach noch unerfahrenen Kapitän/in raten würde, der oder die gerne mehr Einfluss auf den Kurs seines oder ihres ‚ich‘ durch sein/ihr Leben nehmen würde.


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