Die verfluchte Besatzung

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Antoine de Saint-Exupéry (1900-44)

Vorab: Niemand hat erwähnt, dass die Mitglieder unserer Besatzung zwingend Untote, Monster oder sonstwie bösartig und häßlich wären. Sie sind lediglich „verflucht“. In unserem Falle bedeutet das, dass sie für die Dauer ihrer Existenz an Bord dieses und ein Teil des Schiffes zu sein, das wir unser ‚ich‘ nennen. Im Gegenteil. Die meisten, die ich bislang kennen gelernt habe, sind ganz wunderbare Wesen, die ihr Bestes geben, um dem Gesamtsystem zu dienen.

Meiner Erfahrung nach existieren drei verschiedene Arten von inneren Instanzen in der psychischen Welt unseres ‚ich‘:

Zum einen finden wir hier so etwas Ähnliches wie jüngere Fassungen von uns selbst. Der Begriff „inneres Kind“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Ich glaube allerdings, dass es in vielen von uns (in mir zum Beispiel) mehr als nur ein inneres Kind gibt. Auch finden sich nicht selten mehrere Anteile in jugendlichem und jungem Erwachsenenalter.

Möglicherweise handelt es sich bei diesen Instanzen um frühere Selbstkonzepte, die wir im Laufe unseres Lebens zwar überwunden haben, aber weiterhin (da unsterblich!) auf unserem Schiff beheimaten.

Andere Mitglieder unserer Mannfrauschaft rekrutieren wir aus Vorbildern aus unserer realen oder fiktionalen Umwelt. Die meisten von uns haben beispielsweise Introjekte (gedankliche Kopien) ihrer Eltern an Bord ihres Schiffes. Manche solcher verinnerlichten Eltern können durch ihre häufig als unangenehm empfundenen gedanklichen Einwürfe zu einer echten Plage im Alltag werden.

Viele von uns haben darüber hinaus Introjekte von Großeltern, Geschwistern oder anderen wichtigen Personen der eigenen Lebensgeschichte. Nicht wenige Menschen (ich wieder eingeschlossen) haben auch Persönlichkeitsanteile, die sich ursprünglich aus fiktiven Personen in Büchern oder anderen Medien speisten.
Unsere Instanzen oder Anteile (unsere „Frauschaft“) agieren wie lebendige Wesen. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich sogar. Eine Sache jedoch ändern sie nimals, und das ist ihr Alter.

Ein trotziges ‚ich‘, das im Alter von etwa zwei bis drei Jahren erwacht war, mag lernen, im Laufe des Lebens seinen Trotz in Klarheit und Selbstfürsorge zu transformieren, weil es wiederholt und oft genug erfährt, dass es geliebt, geachtet und behütet ist. Aber es wird dabei immer zwei bis drei Jahre alt sein. Sein Umgang mit der Welt ist emotional, impulsgesteuert und unmittelbar. Andere Anteile in uns sind möglicherweise 5 oder 8 oder 11, 14, 20 oder 28 Jahre alt.

Die dritte Gruppe von Anteile in uns ist alterslos. Hier finden wir die von C.G. Jung beschriebenen Archetypen der Seele: Den König, die Kriegerin, den Narren, die Weise, das Tier, den Engel, die Strategin, den Abenteurer, das Opfer, die Jägerin, den Spieler, die Wahrheitssuchende und noch einige mehr.

Vielfach entstehen neue Instanzen in uns in Phasen der Krise. Solche Situationen sind dadurch definiert, dass wir mit unserem Wissen und mit unseren Fähigkeiten am Ende sind. Übertragen auf das Bild vom Fliegenden Holländers bedeutet dies: Keiner der Matrosen an Bord ist im Stande, das Schiff aus dem Sturm oder der Flaute, die es erlebt, heraus zu führen.

Vor allem Menschen, die sich und ihr ‚ich‘ als sehr wichtig nehmen, erleben derartige Entwicklungsphasen häufig als existenziell bedrohlich.

Die Introjekte unserer Kindheit und Jugend speisten sich wahweise durch Wiederholung emotional gefärbter Erfahrungen mit immer wieder denselben Personen in unser System ein oder aber auch durch einzelne Erfahrungen, wenn diese als massiv emotional und bedeutsam erlebt werden.

Erfahrene Kapitäninnen und Kapitäne (hierzu später!) sind sogar in der Lage, das ‚ich‘, das das Schiff ist, bewusst dazu zu bringen, spezifische neue Anteile zu erschaffen, wenn sie ihr Sein auf Erden um neue Fähigkeiten, Perspektiven und/oder Herangehensweisen erweitern wollen.

 

Der Kapitän / die Kapitänin

„Zur Führung eines Schiffes wählt man nicht denjenigen unter den Reisenden, der aus dem besten Hause stammt.“
Blaise Pascal (1623-62)

Auf jedem Schiff der Welt obliegt die Aufgabe, das Schiff zu führen, bei der Kapitänin bzw. beim Kapitän. Es ist sein/ihr Schiff, seine/ihre Mannschaft/Frauschaft und in unserem Falle außerdem: sein/ihr Leben.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Kapitän und jede Kapitänin diesem Auftrag und dieser Bestimmung auch nachginge. Darüber hinaus existieren unzählige Möglichkeiten, ein Schiff so zu führen, dass an Bord Meuterei und Chaos ausbricht. Und nur wenige, ihn so zu führen, dass an Bord eine Kultur der Kooperation und der gegenseitigen Achtung herrscht.

Wir können uns einen Kapitän vorstellen, der mit seinem Schicksal hadert und kontrollsüchtig jede Handlung seiner Matrosen zu bestimmen versucht.

Erinnern wir uns: Er kann sein Quartier nicht verlassen…! Was wird er dadurch erzeugen?

Oder eine Kapitänin, die angesichts der eigenen Ohnmacht das Schicksal des Schiffes resigniert der Frauschaft selbst überlässt.

Oder einen Kapitän, der naiv allen Worten glaubt, die ihm in seiner Kajüte mitgeteilt werden und sein Gehör nach der Lautstärkeregel verteilt.

Oder eine Kapitänin, der das Führen ihres Schiffes viel zu kompliziert und undurchsichtig erscheint und die es darum vorzieht, verträumt aus den Fenstern nach hinten hinaus zu schauen.

Die Führung an Bord erhalten Kapitäninnen und Kapitäne nicht von allein. Aus Sicht der agierenden Anteile muss das ’selbst‘ sich seine Führerschaft an Bord des Fliegenden Holländers immer wieder neu verdienen.

In einem derartigen Szenario funktionieren Strategien der Machtdemonstration nicht besonders gut. Im Gegenteil. Da die Kapitänin in ihrem Quartier gefangen ist, ist jeder Machtkampf, auch wenn sie ihn haushoch gewinnt, außerhalb ihres Quartiers ohne jeden Wert. Schlimmer noch: Eine Kapitänin, die in ihrer Frauschaft den Ruf trägt, zu Machtdemonstration und Schaukämpfen zu neigen, wird es schwer haben, in der eigenen Frauschaft Respekt und Wohlwollen zu erlangen.

Gebunden in seine Kajüte kann der Kapitän eines solches Schiffes nur auf echte Führungsstärke und Überzeugungskraft setzen. Je früher er das versteht, desto besser ist es für ihn, den Kapitän, und für ihn, das Schiff.

Die Führung eines Fliegenden Holländers aus dem Quartier des Kapitäns heraus kann nur wirksam sein, wenn dessen Kapitän in seiner Mannschaft so viel Achtung, Vertrauen und Freundschaft erzeugt, dass diese ihm allein auf sein Wort und Wollen hin folgt.

Diese Art von Selbstführungsstärke verlangt ein hohes Maß an Selbsterkenntnis, Selbstannahme und nicht zuletzt auch Selbstkonfrontation. Daher ist sie bislang verständlicherweise noch sehr selten. Und so wundert es nicht, dass viele Menschen in unserer Kultur sich innerlich gespalten, widersprüchlich, wankelmütig und/oder fremdbestimmt fühlen.

Ein Schiff, das keinen von der Mannschaft getragenen Kapitän hat, hat dadurch nicht keinen Kurs. Im Gegenteil: Es hat viele Kurse.

Da es keine Kapitänin gibt, die dem Schiff eine klare Führung gibt (sie kann schließlich ihre Kajüte nicht verlassen), ist das Steuerrad zum begehrtesten Platz an Deck geworden. Leider sind es jedoch nicht die klugen Entscheidungen eines bewussten ’selbst‘, die diesen Platz besetzen, sondern allein das Auf und Ab der Meinungs- und Kräfteverhältnisse an Bord.

Die psychische „Kraft“ einer Instanz hat hierbei nichts mit der „Form“ zu tun, als die wir diese möglicherweise visualisieren. In der Welt unserer Psyche sind Kleinstkinder stärker als die klügsten Gelehrten und manches Häschen mächtiger als ein Leopard.

Die psychische Kraft einer psychischen Instanz basiert allein auf der Quantität und Qualität an emotionaler Energie, die dieser Anteil für sich und seine Sache zum Einsatz bringt.

An Bord mancher Schiffe herrschen recht anarchische Verhältnisse. Nicht selten ist die Mannschaft gespalten, wobei eine der entstandenen Parteien die Oberhand hat und andere Instanzen nach besten Kräften unterdrückt.

Derlei innerpsychischen Konflikte oder Kämpfe machen nicht nur schlechte Laune, sie binden auch Unmengen an Lebensenergie und führen dazu, dass das Schiff des ‚ich‘ durch seinen ständig wechselnden Kurs scheinbar ziellos über die Meere treibt. Denn:

Selbst die unterdrückteste und versteckteste Instanz an Bord des Fliegenden Holländers ist auf ewig ein unsterblicher Teil unseres unsterblichen Schiffs. Wie alle anderen Instanzen auch wurde sie erschaffen, um dem System zu dienen und zu nutzen. Das ist ihr innerster Auftrag. Das ist der Grund, warum sie ist. Die Fesseln halten sie zwar möglicherweise eine gewisse Zeitlang an, aber niemals auf.

Stattdessen warten solche unterdrückten Teile unserer Mannschaft oder Frauschaft auf jene Momente, in denen ihre Wächter abgelenkt oder geschwächt sind. Unter Alkohol zeigt sich dies in schöner Verlässlichkeit. Aber auch emotionaler Stress oder körperliche Unterversorgung (Hunger, Durst, Müdigkeit, Sauerstoffmangel) können dazu führen, dass Menschen sich urplötzlich vollkommen anders verhalten, als ihre Umwelt es ansonsten von ihnen gewohnt ist.

Aus der Perspektive dieser Metapher heraus ist dies lediglich ein Zeichen dafür, dass andere Instanzen als sonst das Steuerrad übernommen haben und damit den Kurs des Schiffes bestimmen.

Je nachdem, wie lange solche unterdrückten Persönlichkeitsanteile still waren und je effektiver wir diese ‚ich‘-Anteile vor unserer Umwelt verborgen haben, desto überraschter reagieren wir selbst und/oder unsere Umwelt auf derartige „Ausrutscher“.

Ich glaube daher:

Wann immer wir Teile von uns selbst ablehnen und zu unterdrücken versuchen, dann ist das aufwändig, kostspielig und riskant.

Riskant, weil wir niemals die Garantie haben, dass unsere inneren Kontrollmechanismen nicht doch löchrig sind. Aufwändig, weil jede zu unterdrückende Energie mindestens dasselbe Maß an Energie darüber hinaus bindet, um sie von ihrem Wirken abzuhalten. Die emotionale Energie dieses Anteils geht dem System also in doppelter Menge verloren. Und kospielig, weil die Zeit unseres Lebens auf Erden begrenzt ist. Und wir möglicherweise eines Tages erkennen müssen, dass der Kurs unseres Schiffes uns sehr weit von dem fortgeführt hat, was unserem Potenzial entsprochen hätte.


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