Der Fliegende Holländer

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
Sir Arthur Conan Doyle (1859 – 1930)

Die Sage vom Fliegenden Holländer ist weltbekannt. Es heißt, der Fliegende Holländer segle mit seiner verfluchten Mannschaft bis an das Ende aller Zeiten über die Ozeane der Welt. Dabei hat er erstaunliche Fähigkeiten. Er durchquert mit vollen Segeln jede Flaute, hält unbeeindruckt von Stürmen Kurs und segelt, wenn es nützlich ist, sogar rückwärts. Davon ab kann er in vielen Fassungen der Sage sogar tatsächlich fliegen.

Stellen wir uns vor, das, was wir ‚ich‘ nennen, wäre der ‚Fliegende Holländer’…

Schon ganz am Anfang meiner kleinen Allegorie zeigt sich eine nicht unwichtige Verbindung zum ‚ich‘. Denn ebenso wie die Frage nach dem Kern des ‚ich‘, so ist auch die Frage nach dem Wesen des Fliegenden Holländers nicht eindeutig zu beantworten. Die einen sagen, der Name bezeichne das fliegende Schiff. Die anderen sagen, es sei der Name des Kapitäns. Wer hat Recht?

Stellen wir uns vor, du wärst dieser Fliegende Holländer.

Das bedeutet in diesem Bilde, du wärst sowohl der Kapitän dieses Schiffes als auch zugleich das gesamte verfluchte Schiff – einschließlich seiner verfluchten Mannschaft. Und ebenso einschließlich des Kapitäns an Bord.

Der Fluch, der dich in meiner Fassung dieser Geschichte getroffen hat, ist noch ein wenig schlimmer, als es die Mythen überliefern:

Das Schiff ist verflucht, auf ewig die Meere zu kreuzen, ohne jemals einen Hafen anzulaufen. Der Ozean in diesem Bild steht für unser Leben auf Erden. „Auf ewig“ bedeutet in diesem Falle: Für die Dauer unserer Existenz auf Erden. In dem Moment, in dem unser System stirbt, endet die Existenz unseres ‚ich‘. Und möglicherweise auch die unseres ’selbst‘.

Der Kapitän deines Schiffs (bzw. die Kapitänin, falls du eine Frau bist) darf nicht nur nicht an Land, sondern ist darüber hinaus dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit (siehe oben!) in seiner bzw. ihrer Kajüte zu verharren und von dort aus das verfluchte Schiff und seine/ihre Mannschaft oder Frauschaft zu führen.

Von Ponyhof hat niemand gesprochen.

Das Schiff in dieser Fassung der Geschichte steht für unser ‚ich‘: Unser Auftreten, unsere Taten und Worte. Auch: Unsere Gedanken und Gefühle, unsere Erinnerungen, Wünsche, Handlungsimpule und Verhaltenstendenzen. Unser ‚ich‘ ist all das, was Andere und wir selbst von uns wahrnehmen und erkennen können. Hierzu zählen, zur Widerholung, sowohl unsere Verhaltensweisen im Außen als auch jene innerpsychischen Phänomene, die nur wir selbst wahrnehmen können, z.B. unsere Gedanken.

Den Kapitän oder die Kapitänin auf diesem Schiff nenne ich unser ’selbst‘: Den innersten Kern unserer Psyche. Dieses ’selbst‘ tritt nicht direkt mit der äußeren Umwelt in Interaktion, schließlich ist er/sie im Kapitänsquartier gefangen. Den Kurs und die Handlungen unseres ‚ich‘ bestimmt die Besatzung an Bord. Diese besteht aus verschiedenen, von einander differenzierbaren „Persönlichkeitsanteilen“, „ich-Aspekten“ oder „Instanzen“.

Jede dieser Instanzen (jedes Mitglied der Besatzung) hat hierbei eigene Interessen, Werte, Sichtweisen, Verhaltensmuster und Vorstellungen vom besten oder einzig wahren Kurs. An Deck (in unserer Psyche) herrscht ein reges Sozialleben. Es gibt Konflikte und Verhandlungen, Konkurrenz und Kooperation.

Im Alltag erleben wir dieses innerpsychische Sozialleben beispielhaft in unseren „Selbstgesprächen“. Wenn wir genau hinhören, werden wir feststellen, dass es in solchen ausgesprochenen oder auch nur gedanklichen Debatten zumeist mehr als eine Stimme gibt, die eine Meinung zur Sache hat. Wenn wir noch genauer hinlauschen, stellen wir fest, dass diese differenzierbaren „Stimmen im Kopf“ nicht nur unterschiedliches sagen, sondern sogar unterschiedlich „klingen“. Jede Instanz in uns hat einen ihr eigenen Stimmklang, Sprechrhythmus und Wortschatz. Das kann uns wichtige Informationen darüber geben, woher diese Gedanken, Impulse oder Gefühle stammen. Eine Antwort, die mehr Präzision erlaubt als das zwar korrekte, aber nur sehr oberflächliche „Na, aus mir selbst heraus.“

Als Kapitän/in bist du nicht blind. Deine Kajüte hat eine herrliche Aussicht. Du siehst See und Wetterlage und vielleicht sogar das eine oder andere Schiff. Die meisten deiner Fenster jedoch gehen nur nach hinten hinaus. Zwei kleine Fenster zeigen nach vorne auf’s Deck, allerdings siehst du durch sie lediglich einen kleinen Teil deines Schiffs und leider so gar nichts von dem Meer, das vor dir liegt.

Dein Blick bleibt also auf einen kleinen Teil der Welt da draußen (das Meer) und da drinnen (das Schiff) beschränkt. Was du als Kapitänin oder Kapitän auf deinem Schiff am besten siehst, ist die Vergangenheit. Immerhin.

Zwar kannst du deine Kajüte nicht verlassen, allerdings kann jedes Mitglied deiner Besatzung das Quartier betreten. Manche Anteile in dir machen von dieser Möglichkeit selten, manche mehrmals täglich Gebrauch.

Auf diese Weise führst du dein Schiff.

Die Besatzungsmitglieder, die du empfängst, erzählen dir von dem, was sie vom Deck des Schiffes aus sehen. Sie berichten dir ebenfalls, was sie an und unter Deck des Schiffes erleben. So erfährst du nicht nur genauere Informationen über die herrschenden Wetterverhältnisse, sondern auch über Prozesse oder Konflikte an Bord.

Unser ’selbst‘ (der/die Käpitän/in) nimmt wahr und entscheidet, was zu tun ist. Allerdings kann unser ’selbst‘ nicht jede einzelne Handlung oder jedes einzelne Wort vorher bestimmen. Stattdessen besteht seine Fähigkeit darin, Zuständigkeiten und Aufgaben zu verteilen und Positionen wie Steuerrad, Ausguck oder Kombüse zu besetzen. Die erfahrene Kapitänin weiß: Dies kann im Sturm durchaus jemand sehr anders sein als in der Flaute, auf hoher See jemand anders als in Küstengewässern.

Auf diese Weise lenkst ‚du‘ (als Kapitän/in) das Schiff (das ebenfalls ‚du‘ bist) über die Ozeane deines Lebens. Du schaust aus dem Fenster, verschaffst dir eine Übersicht. Immer wieder klopfen Matrosen von Deck an deine Tür. Manche poltern auch geradezu blindlings in dein Quartier und bedrängen das ’selbst‘ mit Geschichten von Gefahren, Not oder großen Chancen. Wobei du schnell blickst, dass die Berichte, die du von Deck hörst, zum Teil sehr, sehr unterschiedlich sind.

Jedes Mannschaftsmitglied an Bord deines ‚ichs‘ begründet seine oder ihre Sicht der Dinge höchst plausibel. Und bittet oder fordert ein entschlossenes Handeln gemäß seinen Vorstellungen. In die Unterredung hinein jedoch platzt nicht selten eine andere Matrosin, die auf ebenso plausible Weise zu einer ganz anderen Sicht der Dinge kommt und ihrer Vorrednerin leidenschaftlich widerspricht.

So oder so ähnlich passiert es in unserem Geist dutzende Male an jedem einzelnen Tag. Und glaube mir: in jedem anderen menschlichen Geist, der uns umgibt.
Das Schiff, das wir sind, ist unser handelndes ‚ich‘. Es tritt als Ganzes mit seiner Umwelt in Interaktion. Je nachdem, welche innere Instanz (welches Mitglied der Mannschaft) am Steuer steht, nimmt das Schiff, das wir unser ‚ich‘ nennen, seinen Weg über den Ozean des Lebens.

Ein besonderes Element an Bord jedes Schiffes ist die Kapitänin bzw. der Kapitän. Es ist ihre bzw. seine Reise. Er bzw. sie hat das Recht, über den Kurs zu bestimmen. Sofern die Mannfrauschaft ihrem bzw. seinem Wort folgt.

Die Informationen in Form von Beschreibungen, Interpretationen, Empfehlungen oder Forderungen unserer Besatzung, die der Kapitän erhält, kennen wir als ‚Gedanken‘. Unsere ‚Gefühle‘ sind die intentionalen Energien, mit denen unsere Instanzen uns (das ’selbst‘) zu Entscheidungen und/oder Verhaltensweisen zu bewegen versuchen.
Lernen wir das Schiff noch ein wenig besser kennen.

Woraus besteht die Mannschaft oder Frauschaft dieses Fliegenden Holländers, den wir unser ‚ich‘ nennen? Wie kommen die „verfluchten Seelen“ an Bord? Und was sind das eigentlich für Gestalten?


Also published on Medium.