Konkurrenz oder Kooperation?

Lange Zeit wurde uns beigebracht, der gnadenlose Wettbewerb sei das Grundprinzip der Evolution. Derjenige, der sich durchsetzt, überlebt. Und der andere stirbt aus. Agieren wir nicht allzu oft in unseren Beziehungskonflikten ganz genau so? Als ginge es um Gewinnen oder Verlieren, um richtig oder falsch, um gut oder böse, um dich oder mich?

Solche Szenarien kommen in der Natur durchaus vor. Ohne Frage. Allerdings sind sie gar nicht so häufig, wie viele von uns meinen. Hierfür ist es nämlich notwendig, dass eine Art ein neues Gebiet erreicht, in der ihre angestammte ökologische Nische bereits von einem anderen Zeitgenossen eingenommen ist.

Weitaus häufiger wirksam dagegen ist in der Natur das Prinzip der Kooperation. Eine neue Art entsteht zumeist in einer unbesetzten ökologischen Nische, in die sie sich im Laufe von Generationen immer weiter einfügt. Hierbei profitiert die neue von bereits vorhandenen Arten im System und schafft ihrerseits einen Nutzen für diese. Hieraus entstehen Synergieeffekte, die auf das System als Ganzes stabilisierend einwirken.

Konkurrenz in einem System dagegen führt zwangsläufig zu einer Destabilisierung und Disharmonisierung des Systems. Erst wenn die Konkurrenz beendet wurde, findet das System zu einer neuen Stabilität und Harmonie. Das gilt nicht nur für das Hochmoor, den Magerrasen und den Regenwald. Das gilt ebenso für jedes andere biologische System. Unter anderem unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Auch und sogar unsere Beziehung zu uns selbst und unseren inneren Anteilen ist ein System und folgt diesem Prinzip:

Kooperation stabilisiert, Konkurrenz destabilisiert.

„Die Liebe ist ein seltsames Ding“…?!

Ein zweiter Denkfehler versteckt sich in unserer grundlegenden Sicht auf die Welt: Wir sprechen und denken über unsere Beziehungen, als wären dies Phänomene, die sich umfassend begreifen und beschreiben ließen. Wir sehen sie als „Dinge“, die man pflegen, strapazieren oder kaputt machen könnte.

Eine Beziehung aber ist kein „Ding“. Beziehungen sind etwas Lebendiges. Beziehungen entstehen im ersten nicht-marginalen Moment zwischen zwei Menschen. Von diesem Augenblick der Zeugung an entwickeln sie sich ständig weiter. Sie sind von Tag zu Tag ein kleines bisschen anders.

Selbst wenn wir uns für eine lange Zeit nicht persönlich begegnen, bedeutet das nicht, dass dadurch die Beziehung zwischen uns beendet wäre. Sie ist nur gerade nicht besonders intensiv. Selbst wenn ich dir zornig zurufe: „Es ist aus! Ich mache Schluss!“, ist das nicht das Ende der Beziehung zwischen uns. Denn in meinem Herzen hast du weiterhin einen Platz. Jeder Gedanke an dich löst Erinnerungen, Assoziationen und vielleicht sogar heftige Gefühle aus. Der Gedanke mag mir nicht behagen, aber so lange auch nur einer von uns beiden lebt, existiert eine Beziehung zwischen uns. „Trennung“ ist ein Mythos.

Von Kollegen über Freunde, dann Liebhaber und Liebespartner, schließlich Eltern, plötzlich Hassfeinde, und irgendwann doch wieder Freunde, dicker als je zuvor. All dies sind mögliche Gesichter einer Beziehung im Laufe ihres Lebens. Und wer weiß? Vielleicht ist die Geschichte noch gar nicht zuende.

Darüber hinaus ist unsere Beziehung in ihrem Entwicklungsprozess in Kontakt mit anderen Systemen ihrer Umwelt. Mit diesen stehen nicht nur die beiden real existierenden Personen, sondern auch die Beziehung in Kontakt, Austausch und Wechselwirkung.

Und so erkennen wir ein und dasselbe Phänomen (uns selbst, den Anderen, unsere Beziehung) Schritt für Schritt zunächst als „Ding“, dann als „Prozess“ und schließlich als lebendiges „Feld“. Diejenigen, denen es darüber hinaus gelingt, ihre gemeinsame Entwicklung mit offenen Augen zu beobachten und gemeinsam und bewusst darauf einzuwirken, bereichern ihre Beziehung um eine weitere Dimension. Eine solche, bewusste, Beziehung entwickelt sich vom zweidimensionalen „Feld“ schließlich zum dreidimensiionalen „Raum“.

Wir, die wir das Feld oder den Raum unserer „Beziehung“ miteinander gestalten, wirken durch unser Tun und Lassen unablässig darauf ein. Wir formen und gestalten unsere Beziehungen mit jedem Gedanken, mit jedem Wort und jeder Tat. Das können wir unbewusst tun. Das spart auf jeden Fall eine Menge Energie und Aufmerksamkeit.

Allerdings können wir es auch bewusst tun. Das kostet zwar immer wieder Energie und Aufmerksamkeit. Allerdings sind in diesem Falle die Chancen bedeutend höher, dass wir unseren Weg in eine Richtung lenken, die uns unseren Bedürfnissen und Wünschen, unseren Fähigkeiten und Potenzialen näher bringt.

Liebe auf Augenhöhe beruht auf sieben essenziellen Entscheidungen.

Die Entscheidung zur Bewusstheit ist die erste und folgenreichste unter ihnen.


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