Habt euch (öfter) lieb!

„Wage das Risiko, und du verlierst augenblicklich deinen sicheren Halt. Wage es nicht, und du verlierst dich selbst.“
Søren Kierkegaard, dänischer Philosoph (1813 – 1855)

„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“
Laozi, chinesischer Philosoph (6. Jh v.u.Z.)

 

Natürlich ist es jedem Menschen selbst überlassen, wie er oder sie die Daten der Wissenschaftler, die sich der Erforschung unserer Sexualität ernsthaft angenommen haben, deutet. Lass dir nicht einreden, ich oder irgendjemand anderes wüsste, was du brauchst und was dir gut tut!

Doch in meinen Augen deuten alle wissenschaftlichen Fakten, die hier zusammen getragen sind, unmissverständlich in die gleiche Richtung: Wir Menschen (Männer wie Frauen) sind dazu gemacht, uns körperlich zu lieben, in Freude, in Wonne und vor allem: in Fülle!

Das ist keine Einladung zur Wahllosigkeit. Im Gegenteil! Ein Großteil der Studien belegt die positiven Auswirkungen aktiver und ausgiebiger Sexualität nur dann, wenn diese auch als bereichend, verbunden und selbstbestimmt erlebt wird. Beiläufige One-Night-Stands mögen nett sein für’s Ego. Nachhaltig Kraft, Präsenz und Fitness verleihen sie nicht. Es ist also nicht egal, mit wem wir schlafen, sondern essenziell wichtig, weise zu wählen, mit wem wir diese besondere (manche sagen: „heilige“) Ebene der Tiefe und Offenheit teilen.

Doch wenn die vorliegenden Daten hier richtig interpretiert sind, dann ist es essenziell wichtig, dass wir unserer Sexualität einen lebendigen, freudigen und prachtvollen Raum in unserem Leben geben. Ob wir dies mit einem Partner tun, im Rahmen einer exklusiven Zweier-Paarung, mit mehreren Liebesgefährten, die wir aus unseren vielschichtigen sozialen Netzen mit dem präzisen Griff eines Feinschmeckers wählen, ist eine Entscheidung, die jeder und jede von uns (hoffentlich!) in Achtung und Liebe vor sich selbst, dem Leben und seinen oder ihren Liebespartnern trifft.

Die Bandbreite der sexuellen Spielarten des Menschen ist nach aktuellem Stand des Wissens auf unserem Planeten einzigartig. Das Feld unserer Sexualität ist unendlich weit. Vielleicht bist du der Typ für zarten, tantrischen Blümchensex, der das Herz weitet und die Seele liebkost. Vielleicht sind es extremere Arten der Körperbegegnung, die dich in Lust und Wonne versetzen. Lass dir nicht erzählen, an deiner Art der Sinnlichkeit und Lust wäre irgendetwas falsch. Vielleicht liebst du das Spiel mit Rollen oder Masken, vielleicht kickt dich das Erleben von Macht oder Schmerz, vielleicht stehst du auf ungewöhnliche Praktiken wie Golden Shower, Deep Throating oder Fesselspiele… So what?!


Was zumindest Mutter Natur und der liebe Gott „normal“ finden:

Dass die Weibchen von Spinnen und Gottesanbeterinnen nach vollzogenem Geschlechtsakt gerne ihren frisch geweckten Appetit an den möglicherweise kurzzeitig unaufmerksamen Männchen stillen, ist weitgehend bekannt.

Tiefseeanglerfischmännchen verbeißen sich so fest in ein einmal gefundenes Weibchen, dass sie niemals wieder loslassen. Der Körper des Männchens verwächst mit dem des Weibchens. Seine inneren Organe bilden sich zurück, bis wenig übrig bleibt als seine Hoden.

Manche Beuteltiermännchen haben so lange und ausdauernd mit so vielen unterschiedlichen Partnerinnen Sex, dass die Prozedur sie am Ende umbringt.

Die Schleimpilzart Physarum polycephalu kennt 13 verschiedene Geschlechter.


Wer auf dieser Welt hat das Recht, dir zu sagen, was von dem, was dich und deine(n) Partner froh und glücklich macht, normal, gesund oder erlaubt wäre? Wer auf dieser Welt kennt den Willen Gottes (Zur Erinnerung: Jenes Gottes, der unsere Männer mit so prächtigen Schwänzen ausgestattet hat und unsere Frauen mit einer scheinbar unersättlichen Lust)? Wer hat die Kompetenz und Erfahrung, dir zu sagen, was richtig wäre oder falsch?
Selbst wenn es in unserem Leben aktuell gar keinen Menschen gibt, mit dem wir (oder der / die mit uns) die weiten Felder unverschämter Lüste und Wonnen erkunden und erfahren wollen (will), bedeutet das nicht, dass wir darum unsere sexuelle Essenz unterdrücken oder sedieren müssen.

Das Leben ist voller sinnlicher Genüsse, die erlebt und erspürt werden wollen: Der Geschmack von Himbeeren auf der Zunge, verlockende Düfte in der Nase, die Kraft des Windes in den Haaren, Musik, die in die Beine geht oder in die Kehle… All dies sind Einladungen des Lebens an uns, uns sinnlich, lebendig und in unserem eigenen Körper zuhause zu fühlen!

Falls es gerade kein anderer Mensch in deinem Leben tut, dann ist es an dir, deinem Körper zu zeigen, dass du ihn liebst, dass du ihn achtest, und dass du in ihm zuhause bist! Es ist der einzige Körper, den du in diesem Leben erhalten wirst. Und nicht unwahrscheinlich ist darüber hinaus dieses eine Leben für alle Zeit das einzige, das du jemals leben wirst. Darum: Tu‘ deinem Körper gut! Achte auf deine Nahrung, bewege dich in der Natur und schenke dir selbst und deinem Körper liebevolle Berührung!

Und nur um es einmal zu sagen: Sei bitte, verdammt nochmal, nicht so verklemmt im Umgang mit dir selbst!

Masturbiere! Mach’s dir selbst! Besorg’s dir! Nicht ohne Grund kennt der Volksmund diese Art der Tätigkeit als „Liebe an und für sich“! Ob du dazu deine Phantasie zum Einsatz bringst, deine Erinnerungen oder die visuellen Angebote der Internetpornographie, diese Wahl liegt allein bei dir. Und mag von Tag zu Tag neu entschieden werden. Halte dir vor Augen: Regelmäßige Orgasmen stärken Körper, Geist und Seele. Diese Stärkung mag intensiver sein, wenn wir sie mit einem (oder mehreren) Parner(n) erleben, aber das heißt nicht, dass die Liebe und Sinnlichkeit, die wir uns selbst schenken, deswegen nicht ins Gewicht fiele. Es ist dein Körper, in dem du dieses Leben lebst. Und es ist deine Entscheidung, ob oder wie du ihn nährst und pflegst!

David Buss und Cindy Meston von der Universität von Texas in Austin führen eine Liste mit 237 unterschiedlichen möglichen Gründen für Sex. Aber vielleicht brauchen wir in Zukunft gar nicht mehr so viel argumentatives Gewicht. Vielleicht reicht uns in Zukunft schlicht das Lächeln unseres geliebten Partners (oder eines unserer geliebten Partner) und der unaufdringlich lächelnde Gedanke:

Warum eigentlich nicht?

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (8 Bewertungen, durchschnittliche Bewertung: 4,38 von 5)
Loading...

Du willst mehr wissen?

Nimm hier Kontakt auf!

kontakt

Aktuelle Artikel zum Thema

untervögelt – macht zu wenig ( guter! ) sex uns hässlich, krank und dumm?

November 4th, 2018|0 Comments

Leser-Wertung   untervögelt – macht zu wenig ( guter! ) Sex uns hässlich, krank und dumm? "Sex ist das der Glückseligkeit Verwandteste. Gut möglich, daß es sich dabei um [...]

ars erotica: Frida Castelli – Die Poesie des Verlangens

Juli 4th, 2018|0 Comments

Leser-Wertung Frida Castelli Die Poesie des Verlangens Frida Castelli ist eine junge Frau aus Mailand. Ihr Liebster lebt an einem nur ihr bekannten Ort weit, weit entfernt. Oft und [...]

Zwischenspiel – Erich Fried

Februar 2nd, 2018|0 Comments

Leser-Wertung Sexualität ist Lust, ist Feuer, ist lodernde Leidenschaft. Wenn dieses Feuer aber ohne Liebe brennt, dann mag die Lust uns erquicken für eine Stunde, eine Nacht oder die [...]

„The sexy 6“: Sechs Zutaten für „richtig guten Sex“

Januar 14th, 2018|1 Comment

Leser-Wertung „The sexy 6“ Sechs Zutaten für „richtig guten Sex“ "Ein Kuß, der das Herz nicht berührt, langweilt den Mund.“ Blaise de Montluc   Sexualität ist eines unserer körperlichen [...]

#metoo – Reden wir über Sex!

Oktober 19th, 2017|1 Comment

Leser-Wertung #metoo - Reden wir über Sex! Die Kampagne ist stark. Sie berührt einen neuralgischen Punkt. In den sozialen Netzwerken hat sie bereits nach wenigen Tagen den Status „viral“ [...]

Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

September 21st, 2017|1 Comment

Leser-Wertung Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm? Lass dich einladen zu einem kleinen Experiment: Du begibst dich an einem sonnigen Tage in die [...]


Also published on Medium.