Kämpfe nicht!

Falls dich diese Überschrift auf Anhieb irritiert, dann achte bitte genau auf meine Worte. Ich sage nicht: „Sei untätig!“, „Nimm alles hin!“ oder „Füge dich!“. Ich sage: „Kämpfe nicht!“ Und ich weiß, wie schwer genau das fallen kann.

Mutter und Vater sind für ein Kind, so lange es noch ein Kind ist, die tragenden Säulen seiner Identität. Diese Bedeutung lässt im Laufe des Lebens nach. Allerdings werden Mutter und Vater in unserem Unterbewusstsein stets Teil unserer Lebensgeschichte und Identität sein.

Das Tragische an vielen Trennungen ist aus Sicht der Kinder nicht der Auszug des einen Elternteils. Das ist nicht schön. Aber das lässt sich verarbeiten . Mit ein bisschen Hilfe. Tragisch dagegen ist der tiefe Graben der Verachtung, der in solchen Geschichten nur allzu oft zwischen Mama und Papa aufreißt und zum Teil über Jahre bleibt.

Die gegenseitige Verachtung, Geringschätzung und Entwertung von Vater und Mutter führt auch im Inneren des Kindes zu einem Konflikt. Der Teil von ihm, der von Papa kommt, ist in den Augen des Teils, der von Mama kommt, minderwertig, böse oder Schuld. Und umgekehrt.

Dieser Konflikt ist auf Dauer unaushaltsam für ein Kind. Es muss sich für einen Teil entscheiden und den anderen, der auch ein Teil seiner Identität ist, in die Verbannung schicken. Was natürlich nicht gelingt, weil es schlicht unmöglich ist, einen Teil von uns selbst zu verbannen.

Da Mutter und Vater in gleicher Weise bedeutsam sind für die Identitätsbildung und Entwicklung ihrer Kinder, ist jeder Sieg des einen über den Anderen für das Kind auch eine Niederlage. Was sich das Kind wünscht, ist Harmonie. Wer diese zerbrochen hat (und damit Schuld ist), ist für das Kind nicht von Belang. Was für das Kind von Belang ist, ist der Wunsch, mit allem, was es ist, willkommen und geliebt zu sein. Mit allem, was von Mama in ihm steckt, und mit allem, was von Papa in ihm steckt.

Schatz, wir sehen uns vor Gericht…!

Es kann sein, dass du den Wunsch hast, gegen das, was gerade ist, rechtlich vorzugehen. Oder dass der andere Elternteil einen Rechtsanwalt oder das Gericht anruft, um bestimmte Dinge wasserdicht zu klären. Das ist nicht schön. Aber manchmal steht „schön“ im Leben schlich und einfach nicht auf der Speisekarte.

Ein Gerichtsverfahren ist in der Regel für alle Beteiligten eine emotionale Achterbahnfahrt. Unabhängig davon, worum es im Detail geht: Es geht um viel. Und natürlich geht es vor Gericht um Recht oder Schuld. Das kann gar nicht anders, als unangenehm zu werden.

Die meisten Verhandlungspartner betreten einen Gerichtssaal, als wäre er eine Arena. Mit gewetzten Messern und ständig bedacht auf die eigene Deckung. Es geht darum, den anderen vernichtend zu schlagen und selbst als triumphaler Sieger den Saal zu verlassen.

Erinnern wir uns: Sobald ein Elternteil über den anderen siegt, verliert das Kind auf jeden Fall.

Wenn du es für nötig hältst, einen Prozess anzustrengen (oder wenn du halt nicht die Wahl hast), dann ziehe auf diesem Wege nicht in den Krieg. Nutze das Gericht, um eine für dich bedeutsame Frage zu klären. Das ist es, wofür die Gerichte erfunden wurden: Damit aus einem Kampf eine Klärung wird.

Du bist kein Duellant, kein heiliger Krieger und kein Gladiator. Du bist einfach nur ein Mensch mit einer offenen Frage. Die Frage lautet übrigens nicht: Was ist gerecht? Damit haben sich Familiengerichte (leider) nicht zu befassen. Auch nicht: Was ist das Beste für das Kind? Davon haben die meisten Juristen wenig Ahnung. Die Frage lautet schlicht: Was sagt das deutsche Recht dazu?

Dass das deutsche Recht bislang Väter als Eltern zweiter Klasse behandelt, ist nicht neu. Daran, dass sich das ändert, arbeiten Initiativen wie Väteraufbruch und andere (Adressen: diehe unten!) bereits seit Jahren. Und werden wohl noch über Jahre daran zu arbeiten haben. Aber das Umdenken hat bereits begonnen. Voraussichtlich werden unsere Kinder als Elterngeneration bereits davon profitieren. Zumindest bleibt das zu hoffen.

Bereits heute unterstützen diese Organisationen Rat suchende Väter aktiv und engagiert. Halte für möglich, dass auch du bei Ihnen Hilfe oder Orientierung findest.

Das lange Manöver

Das Wort „Manöver“ klingt nach einer Kriegsübung. Das Wort an sich beschreibt jedoch nichts anderes als eine Kursänderung. Und genau das ist es doch im Grunde, was du willst, oder?

Du möchtest, dass die Beziehung zwischen dir und deinen Kinden ihren Kurs ändert.

Es gibt Situationen, in denen eine solche Kursänderung, warum auch immer, kurzfristig nicht zu erreichen ist. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis geben viele Väter auf. Das ist nur zu verständlich. Und es ist zugleich unendlich schade.

Weil aufzugeben bedeutet, uns selbst als Verlierer zu sehen. Und ja, verdammt! Vielleicht haben wir verloren! Vielleicht haben wir verloren, weil wir uns eine größere Rolle in der Kindheit und Jugend unserer Kinder gewünscht haben. Vielleicht haben wir verloren, weil wir uns gewünscht haben, unsere Kinder beim Heranwachsen und die Welt entdecken zu begleiten. Vielleicht haben wir verloren, weil diese zarten Jahre der Kindheit, wenn sie einmal vorüber sind, niemals wieder kehren. Ja, verdammt! Vielleicht haben wir diese Dinge verloren. Das ist nicht schön. Und es lässt sich nicht schön reden.

Aber vergessen wir nicht, dass trotz all der prägenden Jahre die weit überwiegende Mehrheit unseres Lebens jenseits von Kindheit und Jugend stattfindet.

Vielleicht sind nicht wir es, auf dessen Schoß und an dessen Brust sie den Schmerz ihrer aufgeschlagenen Knie verdauen. Vielleicht sind nicht wir es, die an ihrem Krankenbett die Wadenwickel wechseln. Vielleicht sind nicht wir es, die ihnen in ihren wiederkehrenden Trotzphasen Grenzen und Orientierung geben.

Das heißt nicht, dass wir nicht dereinst als weise Berater an der Seite unserer erwachsenen Kinder stehen werden. Das heißt nicht, dass wir nicht später die Kinder unserer Kinder in Händen halten und wiegen. Das heißt nicht, dass wir nicht eines Tages mit ihnen gemeinsam über die Erfahrungen ihrer Kindheit reden, weinen und lachen werden.

Was also genau kannst du tun, um zu deinem Kind eine tragfähige Beziehung aufzubauen?


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