Zutat 6:
Lust an der Lust

„Sex-Appeal ist etwas, was man tief im Inneren spürt.
Ich kann ihn ebenso gut voll bekleidet rüberbringen,
beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“

Audrey Hepburn

Der letzte Punkt sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber leider für viele Menschen nicht. Nur wenige unter vielen beherrschen in unserer Zeit noch die hohe Kunst des Genießens und Genießenlassens. Das hat verschiede Gründe, aber immer wieder den gleichen Preis. Man hat zwar möglicherweise Sex, möglicherweise sogar regelmäßig. Aber der ist dann halt eben nicht „… oh, my god!“, sondern halt „…schon ok!“.

Schauen wir hin: Das oberste und erste Ziel all unserer Sexualität ist das Mehren von Glück, von Freude und Lust. Deiner Freude und Lust, meiner Freude und Lust und immer wieder: Deiner oder meiner Freude und Lust an der Freude und Lust des Anderen. Das ist es, worum es geht. Das ist es, warum wir es immer wieder wollen. Jeder andere Grund, mit einem Menschen ins Bett zu gehen, als der Lust auf Sinneslust, ist eine Kopfgeburt.

Die Lust an meiner Lust und die Lust an deiner Lust führen dazu, dass ich dir zeige, was mir Spaß macht. Damit du weißt, was du tun kannst, wenn du mir gute Gefühle machen willst. Denn du kannst ja keine Gedanken lesen. Und ich auch nicht.

Darum bin ich neugierig darauf, was dich anmacht. Ich gebe dir Raum, dich zu zeigen, mir deine Ideen oder Phantasien oder Sehnsüchte zu offenbaren. Weil alles, was ich über deine Lust weiß, mir in die Hände spielt, wenn ich den Wunsch habe, dir Lust zu bereiten.

Genau darum geht es bei dem, was wir alle „guten Sex“ nennen: Um das Empfangen und Schenken von Freude und Lust. Ich will erleben, dass du unter meinen Händen zu reiner Lust zerfließt. Und ich will mit dir, in dir, um dich herum zerfließen in reiner Lust. Ob du mein Lebenspartner bist oder ein einmaliges Geschenk: Ich will deine Lust mehren und mich blind in deine Hände geben, damit du meine Lust und Freude mehrst.

Unsere Sexualität ist eine psychophysisch wechselwirkende Kraft. Was uns Menschen erregen und uns Lust bereiten kann, ist ein weites Feld. Je mehr wir von uns selbst und voneinander wissen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, einander zu beschenken und uns voneinander beschenken zu lassen.

Manche der Dinge, die einen anderen Menschen erregen, erscheinen uns vielleicht auf den ersten Blick ein wenig fremd. Ob Fesseln oder Rollenspiel, Poposex, Deep Throating oder Lust an Unterwerfung und Schmerz, ob das Spiel mit Spielzeugen, mit tantrischer Langsamkeit oder mit dem Verbotenen und Ungezogenen an sich… Vielleicht ist nicht alles, was den Anderen anmacht, bislang auch Teil unserer Komfortzone. Manches ist vielleicht sogar ein „No Go!“. Na und? So what?

Hand auf’s Herz:

Wenn wir uns jedesmal einen Zacken aus der Krone brechen dabei, wenn wir mal etwas auszuprobieren, das jenseits unserer Komfortzone liegt, dann ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, wenn unser Erfahrungs-schatz begrenzt und wir als Gesprächs- oder Liebespartner sogar objektiv betrachtet bislang nicht grad das leckerste Stück Torte der Welt sind.

Übung: Zeige deine Lust!

Wenn du das nächste Mal mit (d)einem Partner in die Lust gehst, dann zeige ihm oder ihr, was dir gefällt.

Gib Geräusche der Wohligkeit von dir. Gurre, schnurre oder stöhne. Laut genug, damit dein Liebespartner dich hören kann. Deine Geräusche sind für ihn Wegmarken, die ihm sagen, dass er auf einem sehr guten und wohltuenden Weg unterwegs ist.

Sprich mit ihm oder ihr. Sag ihr: „Ja, oh ja… ja… ja!“ oder „Oh,… oh bitte mach das weiter, Baby!“ oder „“Oh mein Gott, oh ja, ja, ja!“ Zeige ihm, wenn dir gefällt, was er tut. Sage ihr, dass du sie schön findest.

(Viele Frauen und Männer haben die Sorge, dass sie mit ihrer Kontrolle auch ihre Attraktivität verlieren.) Sage ihm, dass du ihn willst.

Probiere es aus: Sei ein kleines bisschen lauter, als du es vielleicht intuitiv beim Sex wärst. Die meisten von uns haben gelernt, sich in ihrer Lust (oder in Gefühlen an sich) zu bremsen. Es kann sehr wohl tun, das wieder umzulernen. Das fühlt sich am Anfang gegebenenfalls etwas ungewohnt an. Aber ist es nicht so mit allem, was wir neu oder wieder neu lernen?

Außerdem werden deine Geräusche oder Worte, wenn sie echter Lust entspringen, ihre Wirkung bei deinem Spielgefährten voraussichtlich nicht verfehlen. Je deutlicher du zeigst, was er oder sie gut macht, desto größer wird genau dadurch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie genau das tun wird.

Vielleicht ist das Setting, in dem ihr beiden gerade miteinander Sex habt, nicht geeignet dafür, laute Geräusche von sich zu geben. Dafür kann es Gründe geben. Das heißt nicht, dass dadurch kein Feedback an den Anderen möglich wäre. In solchen Fällen werde kreativ. Finde Wege, ihm oder ihr trotzdem zu zeigen, was dir gut tut und gefällt. Weil du damit seine oder ihre Lust mehrst, dir Lust zu bereiten.


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