Untervögelt – Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

„The sexy 6“

Sechs Zutaten für „richtig guten Sex“

„Ein Kuß, der das Herz nicht berührt, langweilt den Mund.“
Blaise de Montluc

 

Sexualität ist eines unserer körperlichen Grundbedürfnisse. Darum zieht es uns immer (oder zumindest immer mal) wieder mit dem einen oder auch anderen Menschen ins Bett.

Selbst wenn wir unsere Leidenschaften nicht ausleben können oder mögen: Auf der Ebene der Gedanken, Sehnsüchte oder Wünsche kennen wir sie alle. Menschen, die über längere Zeit keinen (oder keinen guten) Sex erlebt haben, zeigen häufig Anzeichen von Gereiztheit, Nervosität oder schwindendem Selbstvertrauen.

Nicht zuletzt liegt das daran, dass „guter“ („reicher“, „erfüllender“, „wundervoller“) Sex nicht nur unser Sexualbedürfnis nährt, sondern darüber hinaus geeignet ist, uns eine Vielzahl anderer psychischer Grundbedürfnisse zu nähren. „Guter Sex“ gibt uns ein Empfinden von Geborgenheit, Leidenschaft, Willkommensein, Verehrung, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Selbstzufriedenheit und … und … und!

„Guter Sex“ nährt unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Wohlbefinden, Wirksamkeit, Freiheit, Intensität, Zugehörigkeit, Anerkennung, Verbundenheit – und manchmal sogar Selbsterkenntnis, Augenhöhe und/oder Entwicklung.

„Guter Sex“ ist Nahrung für Körper und Psyche.

Aber: Was ist „guter Sex“?

Augenscheinlich gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Verständnisse davon, wann Sex guter Sex ist und wann … naja, halt ok. Wir alle haben unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen, Spielarten, die uns anmachen oder abtörnen. Vielleicht mögen wir es wild, schamlos und hemmungslos. Oder aber zart, ganz langsam und tief verbunden.

Hinter diesen äußerlich sichtbaren Ebenen unserer Sexualität aber ist das, was wir uns von und mit unseren Liebespartnern wünschen, gar nicht so unterschiedlich.

Ob verspielt oder verbunden, ob laut und wild oder gänseblümchenzart, ob nach 20 Jahren Ehe oder mit einem Fremden: Dies sind die „sexy 6“: Jene sechs Zutaten, die wir in jedem Fall brauchen, wenn das, was wir in unseren Schlafzimmern miteinander veranstalten, die Auszeichnung „richtig guter Sex“ verdienen soll.

 

Zutat 1:
Freiheit und Selbstbestimmtheit

„Nichts ist trauriger als eine Frau,
die sich aus anderen Gründen auszieht
als für die Liebe.“
Juliette Gréco

Beginnen wir mit einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit: Guter Sex ist immer auch freier, freiwilliger und selbstbestimmter Sex.

Das bedeutet an erster Stelle natürlich: Jeder Sex, den wir gegen unseren Willen haben oder gegen den Willen einer anderen Person mit dieser, kann niemals wirklich guter Sex sein.

Das betrifft nicht nur das schlimme Thema Vergewaltigung und Nötigung. Es gibt bereits subtilere Formen von unfreiem Sex, bei denen sich keine der Parteien in unserem Rechtssystem strafbar macht. Weitere bei uns weit verbreitete Formen von unfreiem Sex sind:

Sex aus Pflichtgefühl: Wenn wir mit unserem Partner schlafen, weil „es halt dazu gehört.“

Sex aus Mitleid: Wenn wir mit unserem Partner schlafen, weil „er/sie es halt braucht“ – und damit er/sie Ruhe gibt.

Sex als Manipulationswerkzeug: Wenn wir mit unserem Partner schlafen, um diesen „uns gewogen“ zu stimmen, von einem Thema oder einer Tätigkeit abzulenken oder in eine psychologische Bringschuld zu versetzen. Hier auch: Sex als Handelswährung für den Erwerb kultureller, finanzieller oder sozialer Vorteile.

Sex als Ego-Booster: Wenn wir mit einem Menschen schlafen, der uns eigentlich nicht interessiert, es aber dennoch tun, weil wir uns davon eine Stärkung des Selbstwertempfindens versprechen. Z.B.: Sex mit dem Ex, mit der besten Freundin der Ex oder mit einem Menschen, mit dem wir nur schlafen, weil er oder sie besonders hübsch, wohlhabend, angesehen, einflussreich oder exotisch ist.

Sex als „halt besser als nichts“: Wenn wir unsere Sexualität mit einem Menschen leben, die uns nicht nährt und befriedigt, aber „halt das einzige ist, was wir leben können oder dürfen.“

„Selbstbestimmtheit“ geht noch einen Schritt weiter als „Freiheit“. Selbstbestimmtheit heißt: Nicht nur dass wir miteinanader schlafen oder spielen ist meine eigene, freie Entscheidung. Auch das, was wir miteinanader machen und erleben, bestimme und gestalte ich aktiv und selbstbestimmt mit.

Wer schlechten Sex hat, weil sein Partner offensichtlich keine Gedanken lesen kann, übernimmt nicht nur keine Verantwortung für die eigene Lust und Freude, zudem sabotiert er oder sie dadurch auch subtil oder direkt die Freude und Lust des Anderen.

Übung: Wünsch‘ dich frei!

Sehr viele von uns haben in frühen Jahren gelernt, dass ihr Wohlbefinden und Glück einen geringeren Stellenwert haben als jene anderer Menschen. Die drei üblichen Wege im Umgang mit dieser Erfahrung sind: Anpassung, Rebellion oder Depression.

Wir können keinen guten Sex miteinander haben, wenn ich ständig darauf bedacht bin, es dir irgendwie Recht zu machen. Daran erstickt jede Lebendigkeit.

Wir können auch keinen guten Sex haben, wenn du jede deiner Ideen und Vorstellungen gegen mich durchsetzen musst, weil alles, was dein Komfortfeeling stört, dich unter Stress setzt. So entsteht ein astreiner Ringkampf, aber doch niemals ein liebevoller Tanz.

Übe dich im Wünschen!

Wenn du einen Liebes- oder Spielpartner hast, dann übe dich darin, dir Dinge zu wünschen. Das kann ein Kuss sein, eine Umarmung oder ein kleiner Gefallen.

Viele von uns haben gelernt, dass es leichter ist, ihre Wünsche in Form von Erwartungen oder Forderungen durchzusetzen. Dies ist nur scheinbar klug durchdacht.

Denn einerseits stimmt es zwar, dass viele Menschen (gerade in der Liebe) allzu starkem Druck nicht standhalten – und genügend Druck dazu führt, dass er oder sie sich so verhält, wie ich es will. Andererseits jedoch bleibt durch derlei Pyrrhussiege im Regelfall im Kopf des Anderen eine Rechnung offen. Nicht selten ist überdies bereits das, was wir auf diese Weise bekommen, nur eine korrumpierte Form dessen, was wir uns eigentlich wirklich gewünscht hatten.

Auch und gerade beim Sex: Erlaube dir, Wünsche zu haben. Das bedeutet nicht, dass jeder Wunsch erfüllt werden muss. Für sich genommen ist jeder Wunsch, den wir verspüren, nicht weniger und nicht mehr als eine Möglichkeit, miteinander Lust und Freude zu erleben. Ebenso sind dies die Wünsche unserer Liebes- oder Sexualpartner. Wichtig dafür, wie glücklich diese Begegnung für uns beide verlaufen wird, ist nicht nur, welche unserer möglichen Ideen wir wählen, sondern auch, wie wir diese gemeinsame oder auch nicht gemeinsame Wahl treffen.

Übe dich, darin, deine Wünsche und Ideen in deine und eure Sexualität einzubringen. Jede deiner Sehnsüchte und Neugierden ist im Stande, den Raum eurer gemeinsamen Möglichkeiten zu vergrößern.

Zur Unterscheidung: Ein Wunsch ist dann ein Wunsch, wenn er sowohl ein Ja als auch ein Nein als Antwort zulässt und annehmen kann. Ansonsten ist es eine Erwartung oder Forderung. Und das sind beides ganz häßliche Entartungen des Wünschens, die im Schlafzimmer und auch sonst nur selten das Gute, Wahre oder Schöne mehren.

 

Zutat 2:
Ein gesundes Körperbewusstsein

„Äh … Falls ihre Bemerkung auf Sexualität hinzielt:
Ich bin voll funktionsfähig programmiert
auf multiple Techniken.“
Data

Sex ist pure Körperlichkeit. Das bedeutet nicht nur wohlige oder irritierende Empfindungen. Es bedeutet auch Geräusche und Gerüche. Es bedeutet Körperflüssigkeiten: Speichel und Schweiß, Blut vielleicht sogar, Samen, Scheidensekret und weiblicher Ejakulationssaft. Es bedeutet, Flecken zu hinterlassen auf Körpern, Kissen und Kleidern.

Je besser wir unseren Körper kennen, je mehr wir gelernt haben, ihn zu genießen und zu lieben, desto freier gehen wir in unserer Sexualität mit allen Facetten unserer Körperlichkeit um.

Wenn wir unseren Körper lieben, dann ist jedes wohlige Empfinden ein Geschenk des Lebens an uns. Dann denken wir nicht darüber nach, ob es ok ist, dass unsere Unterleiber schmatzen, dass uns Körpersekrete in Gesicht und Haaren kleben, dass wir grad gepupst haben oder dass unser Bettlaken voller glänzender Flecken ist.

Je weniger wir uns mit derlei Dingen glauben beschäftigen zu müssen, desto leichter und tiefer können wir uns einlassen auf das wundervolle Spiel der Sinnlichkeit und Lust.

Je besser wir unseren Körper kennen, desto präziser können wir benennen, was uns gefällt. Wenn wir dies dann auch noch tun (also: sagen, was uns gefällt!), dann erhöht sich dadurch ganz erheblich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auch das bekommen oder erleben, was uns gefällt.

Übung: Freundschaft schließen! (1)

Du hast einen Körper mitbekommen in dieses Leben. Wenn du dich auf das Spiel der Sexualität einlässt, dann ist dieser Körper dein Instrument, auf dem du selbst oder jemand anders spielt.

Lerne deinen Körper kennen und schließe Freundschaft mit ihm!

Schau‘ dich nackt im Spiegel an. Berühre dich. Oben und unten, hinten und vorne. Rieche und koste deinen eigenen Scheidensaft, dein eigenes Sperma. Schließlich bietest du es auch anderen zum Verzehr an. Da solltest du auch selbst wissen, wie du riechst und schmeckst. Oder?

Streichle und errege dich selbst. Welche Reize machen dich an? Wie verändert sich dein Reizempfinden im Verlauf deiner Erregung?

Achte und ehre deinen Körper!

Ernähre deinen Körper gut. Bewege ihn viel und auf natürliche Weisen. Geh‘ ruhig mal an deine Grenzen, aber bitte mit Bedacht. Schlafe genügend und pflege ihn gut.

Dieser Körper ist dein einziger in diesem Leben. Je besser du ihn behandelst und pflegst, desto länger kann er dir große Freuden bringen.

 

Zutat 3:
Ein gesundes Selbstbewusstsein

„Sex ist sehr unkompliziert, wenn man von keinem Komplex,
sondern von einem Bedürfnis geleitet wird.“
Georges Simenon

Nicht nur mein Körper, auch meine Psyche ist alles andere als makellos. Vielleicht habe ich irrationale Ängste oder Selbstzweifel. Vielleicht habe ich Schwierigkeiten im Umgang mit meinen Gefühlen oder schäme mich, zu sagen, was ich will.

All das ist Teil dessen, was wir sind. All diese Dinge lassen wir an, auch wenn wir uns ausziehen – ebenso wie unseren Körper. Wir können uns mögen oder nicht – zumindest gerade sind wir genau so, wie wir sind.

Mit wem ist der Sex wohl schöner? Mit einem unvollkommenen Menschen, der sich selbst gerne mag (trotz einiger „Macken“) oder mit einem unvollkommenen Menschen, der viel lieber vollkommen wäre?

Übung: Freundschaft schließen! (2)

Wer bist du? Und wer bist du noch?

Erkunde deine Psyche: Deine Gedanken, deine Gefühle, deine Wünsche und Werte und die Bedürfnisse hinter all dem.

Begib dich auf eine Reise in dein Inneres und lerne dich selbst wirklich kennen. Wer bist du hinter all deinen Fassaden aus Status, Beruf und Kultur?

Ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen, ein ungezähmtes Tier – die Welt in unserem Inneren ist bevölkert von Persönlichkeitsaspekten, die auf die Dinge, die wir erleben, sehr unterschiedlich reagieren. Je nachdem, welcher Teilaspekt von uns gerade „am Ruder“ ist, werden wir mal auf die eine und mal auf die andere Weise auf denselben Reiz reagieren.

König/in und Kind, Engel und Tier sind archetypische Anteile in uns, die in unserer Liebe und Sexualität wichtige Funktionen haben. Vielleicht spielen aber auch noch andere Anteile von uns eine Rolle: Schatten oder Geister der Vergangenheit, Krieger oder Amazonen, Rebellen oder Rächerinnen und vielleicht sogar der oder die eine oder andere „weise Alte“.

Lerne dich selbst kennen. Finde heraus, welche Kräfte dich in deinem Leben steuern. Und dann lerne diese Kräfte zu lieben.

 

Zutat 4:
Spiel- und Entdeckungsfreude

„Mit Humor kann man Frauen am leichtesten verführen,
denn die meisten Frauen lachen gerne ein bisschen,
bevor sie anfangen zu küssen.“

Jerry Lewis

Es gibt viele verkopfte, verkrampfte und anstrengende Arten und Weisen, miteinander Sex zu haben. Allerdings ist keine davon geeignet, uns besonderen Genuss zu verschaffen.

Guter Sex ist ein Spiel, ein Tanz oder eine Reise. Sein erster und oberster Zweck ist die Mehrung des gemeinsamen Glücks. Darüber hinaus kann guter Sex dazu führen, dass wir miteinander Erfahrungen machen, die alte Wunden heilen oder einander und uns selbst auf völlig neue Weise erleben. Ganz genauso wie ein Spiel, ein Tanz oder eine Reise es zu tun vermag.

Wer mit Spiel- und Entdeckungsfreude im Herzen in eine sexuelle Begegnung geht, der hat keine Ziele, keine Erwartungen oder Forderungen im Hinterkopf.

Weil es um nichts geht, als um die gemeinsame Freude und Lust, ist alles willkommen, was diese Freude und Lust nährt. Bei meinem Spiel-, Tanz-, Reisepartner ebenso wie bei mir selbst. Weil es um nichts geht, gibt es aber auch keine Agenda, wann was wie zu geschehen hat. Weil das Spiel, der Tanz, die Reise seinen oder ihren eigenen Regeln folgt.

Wenn das Spiel, das wir spielen, wirklich Spaß macht, und auch der Partner, mit dem wir dieses Spiel spielen, es auf eine Weise spielt, die uns gut gefällt, dann ist es überhaupt nicht schlimm, wenn zwischendurch mal ein komischer Gedanke oder ein blödes Gefühl auftaucht, wenn irgendwas Aua macht, nicht so funktioniert wie gedacht oder der andere eine andere Idee hat als ich.

All das ist dann einfach nur ein Teil unseres gemeinsamen Spiels, unseres Tanzes oder unserer Reise durch unser gemeinsames Abenteuer- und Zauberland.

Übung: Mach dich locker!

Mach‘ dich locker. Nimm die Zähne auseinander und den Stock aus dem Arsch und bring‘ dich selbst und deine Liebste einfach öfter mal zum Lachen.

Erzähle ihm einen (guten!) schmutzigen Witz. Schneide ihr eine Grimasse. Antworte auf eine Frage im Lispelton oder mit russischem Akzent. Tu‘ etwas, womit er nicht rechnen würde. Überrasche dich vielleicht selbst damit. Zieh‘ etwas Ungewohntes an. Iss mit verbundenen Augen.

Erlaube dir selbst ein farbenfrohes und verspieltes Leben.

Und nimm’s mal nicht so schlimm, wenn etwas anders läuft als geplant oder gewollt. Sei dir stets bewusst: Manche unserer glücklichsten Erfahrungen haben sich eingestellt, nachdem wir gerade nicht bekamen, was wir eigentlich wollten.

Erst, wenn wir den Hang zur Kontrolle loslassen, finden wir Einlass in das Land der merkwürdigen und außergewöhnlichen Zufälle und Fügungen, Überraschungen und Wunder. Im Leben da draußen ganz ebenso wie im Schlafzimmer zu zweit.

 

Zutat 5:
Aufrichtigkeit und (Selbst-) Vertrauen

„Die große Frage ist: Bist du in der Lage,
von ganzem Herzen JA zu deinem eigenen
Abenteuer zu sagen?“
Joseph Campbell

ex berührt uns tief. Unsere Sexualität ist integral mit unserem Selbstempfinden als Mann oder als Frau verbunden. Viele Menschen in unserer Kultur in dieser Zeit haben Schwierigkeiten mit den sexuellen Dimensionen ihrer Identifikation als Mann oder als Frau.

Je tiefer wir uns unserem Gegenüber öffnen, desto intensiver und nährender wird unsere sexuelle Erfahrung miteinander sein. Das braucht Vertrauen. Jedoch nur in zweiter Hinsicht Vertrauen in den Anderen. In erster Instanz braucht es unser Vertrauen in uns selbst, unsere Entscheidungen und unsere Fähigkeit, mit Schwierigkeiten umzugehen, sollten irgendwo irgendwelche auftauchen.

Dies ist das Vertrauen, aus dem heraus Aufrichtigkeit entsteht. Weil ich mir vertraue darin, dass ich dich gut und klug gewählt habe, und selbst wenn nicht, schon damit umgehen können werde, habe ich in dieser Erfahrung mit dir nichts zu befürchten.

So kann ich mich dir frei und ganz zeigen: Meinen Körper, meine Wünsche, meine Ideen, meine Gefühle, meine Grenzen, meine Wahrheit…

Sollte ich erkennen, dass du mit meinem Körper, meinen Wünschen, Ideen, Gefühlen und Grenzen oder meiner Wahrheit nicht gut umgehst, dann werde ich in der Lage sein, auch ohne dich mein Leben und meine Sexualität zu genießen.

Sollte ich jedoch erkennen, dass auch du all diese Dinge annehmen und ehren kannst, so kann ich dir furchtlos alle Türen öffnen. Wenn ich dich und mich als aufrichtig und ganz erlebe, was sollte mich davon abhalten, mich in diese Erfahrung mit dir blind und frei hinein zu stürzen

Übung: Schaut euch an!

Schau deinem Partner in die Augen, wenn du mit ihm sprichst. Schau ihr in die Augen, wenn ihr schweigt. Nicht nur mal eben schnell, schnell. Sondern so lange, bis du ihn oder sie wirklich siehst.

Wenn wir einander wirklich in die Augen schauen, dann kommt irgendwann der Moment, in dem wir spüren, dieser Kontakt hat eine besondere Qualität. In diesem Augenblick findet Erkennen statt.

Wer etwas zu verbergen hat, wer unlautere Absichten oder eine hidden Agenda hat, ist zu dieser Form von Augenkontakt nicht im Stande. Der Blick solcher Menschen hat nicht die tiefe Offenheit und Arglosigkeit dessen, der einfach da ist und sich zeigt mit allem, was ist.

Lerne die Unterscheidung kennen zwischen einem offenen und einem verschlossenen Blick.

Wenn du mit deiner Partnerin intim bist, schaue sie auch hier mit offenen Augen an. Auch beim Sex kann Erkennen stattfinden. Wenn es das tut, durchläuft unsere Sexualität eine Veränderung: Aus Wohlbefinden wird Wonne. Aus Verbundenheit wird Verschmelzung. Aus Lust wird Begierde.

Alles wird tiefer, wenn wir mit dem Menschen, mit dem wir unsere Sexualität leben, wahrhaftig in Kontakt sind.

Und wenn du zu den Mutigen gehörst, dann probierst du vielleicht sogar mal aus, was passiert, wenn du im Augenblick des Orgasmus deine Augen nicht schließt, sondern öffnest und den Anderen in die Tiefe und bis auf den Grund deiner ungebremsten Freude eintauchen lässt.

 

Zutat 6:
Lust an der Lust

Sex-Appeal ist etwas, was man tief im Inneren spürt.
Ich kann ihn ebenso gut voll bekleidet rüberbringen,
beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“

Audrey Hepburn

Der letzte Punkt sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber leider für viele Menschen nicht. Nur wenige unter vielen beherrschen in unserer Zeit noch die hohe Kunst des Genießens und Genießenlassens. Das hat verschiede Gründe, aber immer wieder den gleichen Preis. Man hat zwar möglicherweise Sex, möglicherweise sogar regelmäßig. Aber der ist dann halt eben nicht „… oh, my god!“, sondern halt „…schon ok!“.

Schauen wir hin: Das oberste und erste Ziel all unserer Sexualität ist das Mehren von Glück, von Freude und Lust. Deiner Freude und Lust, meiner Freude und Lust und immer wieder: Deiner oder meiner Freude und Lust an der Freude und Lust des Anderen. Das ist es, worum es geht. Das ist es, warum wir es immer wieder wollen. Jeder andere Grund, mit einem Menschen ins Bett zu gehen, als der Lust auf Sinneslust, ist eine Kopfgeburt.

Die Lust an meiner Lust und die Lust an deiner Lust führen dazu, dass ich dir zeige, was mir Spaß macht. Damit du weißt, was du tun kannst, wenn du mir gute Gefühle machen willst. Denn du kannst ja keine Gedanken lesen. Und ich auch nicht.

Darum bin ich neugierig darauf, was dich anmacht. Ich gebe dir Raum, dich zu zeigen, mir deine Ideen oder Phantasien oder Sehnsüchte zu offenbaren. Weil alles, was ich über deine Lust weiß, mir in die Hände spielt, wenn ich den Wunsch habe, dir Lust zu bereiten.

Genau darum geht es bei dem, was wir alle „guten Sex“ nennen: Um das Empfangen und Schenken von Freude und Lust. Ich will erleben, dass du unter meinen Händen zu reiner Lust zerfließt. Und ich will mit dir, in dir, um dich herum zerfließen in reiner Lust. Ob du mein Lebenspartner bist oder ein einmaliges Geschenk: Ich will deine Lust mehren und mich blind in deine Hände geben, damit du meine Lust und Freude mehrst.

Unsere Sexualität ist eine psychophysisch wechselwirkende Kraft. Was uns Menschen erregen und uns Lust bereiten kann, ist ein weites Feld. Je mehr wir von uns selbst und voneinander wissen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, einander zu beschenken und uns voneinander beschenken zu lassen.

Manche der Dinge, die einen anderen Menschen erregen, erscheinen uns vielleicht auf den ersten Blick ein wenig fremd. Ob Fesseln oder Rollenspiel, Poposex, Deep Throating oder Lust an Unterwerfung und Schmerz, ob das Spiel mit Spielzeugen, mit tantrischer Langsamkeit oder mit dem Verbotenen und Ungezogenen an sich… Vielleicht ist nicht alles, was den Anderen anmacht, bislang auch Teil unserer Komfortzone. Manches ist vielleicht sogar ein „No Go!“. Na und? So what?

Hand auf’s Herz:

Wenn wir uns jedesmal einen Zacken aus der Krone brechen dabei, wenn wir mal etwas auszuprobieren, das jenseits unserer Komfortzone liegt, dann ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, wenn unser Erfahrungs-schatz begrenzt und wir als Gesprächs- oder Liebespartner sogar objektiv betrachtet bislang nicht grad das leckerste Stück Torte der Welt sind.

Übung: Zeige deine Lust!

Wenn du das nächste Mal mit (d)einem Partner in die Lust gehst, dann zeige ihm oder ihr, was dir gefällt.

Gib Geräusche der Wohligkeit von dir. Gurre, schnurre oder stöhne. Laut genug, damit dein Liebespartner dich hören kann. Deine Geräusche sind für ihn Wegmarken, die ihm sagen, dass er auf einem sehr guten und wohltuenden Weg unterwegs ist.

Sprich mit ihm oder ihr. Sag ihr: „Ja, oh ja… ja… ja!“ oder „Oh,… oh bitte mach das weiter, Baby!“ oder „“Oh mein Gott, oh ja, ja, ja!“ Zeige ihm, wenn dir gefällt, was er tut. Sage ihr, dass du sie schön findest.

(Viele Frauen und Männer haben die Sorge, dass sie mit ihrer Kontrolle auch ihre Attraktivität verlieren.) Sage ihm, dass du ihn willst.

Probiere es aus: Sei ein kleines bisschen lauter, als du es vielleicht intuitiv beim Sex wärst. Die meisten von uns haben gelernt, sich in ihrer Lust (oder in Gefühlen an sich) zu bremsen. Es kann sehr wohl tun, das wieder umzulernen. Das fühlt sich am Anfang gegebenenfalls etwas ungewohnt an. Aber ist es nicht so mit allem, was wir neu oder wieder neu lernen?

Außerdem werden deine Geräusche oder Worte, wenn sie echter Lust entspringen, ihre Wirkung bei deinem Spielgefährten voraussichtlich nicht verfehlen. Je deutlicher du zeigst, was er oder sie gut macht, desto größer wird genau dadurch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie genau das tun wird.

Vielleicht ist das Setting, in dem ihr beiden gerade miteinander Sex habt, nicht geeignet dafür, laute Geräusche von sich zu geben. Dafür kann es Gründe geben. Das heißt nicht, dass dadurch kein Feedback an den Anderen möglich wäre. In solchen Fällen werde kreativ. Finde Wege, ihm oder ihr trotzdem zu zeigen, was dir gut tut und gefällt. Weil du damit seine oder ihre Lust mehrst, dir Lust zu bereiten.

 

Auf den Punkt:

Anders, als du es vielleicht erwartest, ist die Wechselwirkung dieser 6 Zutaten keine Addition, sondern eine Multiplikation. An jeder Stelle der Gleichung geht der niedrigste Werte aller beteiligten Personen in die Rechnung ein.

Das bedeutet: Die Wahl unserer Spiel- und Sexualgefährten hat einen großen Einfluss darauf, was uns mit diesen zu erleben und zu empfinden möglich ist. Außerdem: Jede Weiterentwicklung, die wir und/oder unsere Liebespartner in einer der sechs hier benannten Dimensionen machen, hat Auswirkungen auf unser Erleben und das Erleben unserer Sexualpartner.

Wie gut dein Sex ist, ist nicht davon abhängig, wie teuer deine Dessous sind, welche akrobatischen Leistungen du gelernt hast oder wie makellos du bist.

Es ist davon abhängig, wie sehr du bereit bist, dich selbst in diesem Augenblick ganz in diese Erfahrung hinein zu geben, von ganzem Herzen zu schenken und mit allen Sinnen zu empfangen und nichts zurückhalten, was deine Freude und Lust oder die Freude und Lust deines Spiel- oder Liebespartners zu mehren in der Lage wäre.

Das, nicht mehr und nicht weniger, sind die sechs Zutaten für das Spiel, das den Namen „richtig guter Sex“ mit Stolz und Würde trägt.

 

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