gefühle: abgründe und urgründe

Liebe in Zeiten der Unabhängigkeit

Wie unser Streben nach Unabhängigkeit die Liebe blockiert

Es ist eines der ganz großen Mantren unserer Zeit: Du musst stark sein. Du musst dich durchsetzen. Du darfst nicht abhängig sein.

Liebeslehrer und Lebenshilfe-Ratgeber singen Loblieder auf die Unabhängigkeit und Autonomie.

All das saugen wir in uns auf, und so gehen wir unseren Weg durch das Leben. Immer auf Unabhängigkeit bedacht. Immer groß. Immer stark. Immer erwachsen. Oder zumindest tun wir so. Denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir die meiste Zeit unseres Lebens über der Welt und auch unseren Liebsten gegenüber ein fadenscheiniges Schauspiel spielen.

Die traurige Illusion der Unabhängigkeit

Das Traurige daran ist, dass wir alle uns im Grunde unseres Herzens danach sehnen, wirklich angenommen zu sein. So, wie wir sind. Mit unserer Schönheit und Größe halt ebenso wie mit unseren nicht ganz so strahlenden Seiten. Mit unserer Klugheit ebenso wie mit unseren schwierigen Gefühlen. Mit unseren Fehlern und mit unserer Unschuld. Mit all dem, was wir sein können ebenso wie mit dem, was wir bislang davon geworden sind.

Leider haben viele von uns gelernt, dass wir so, wie wir sind, gerade eben nicht liebenswert und wertvoll sind. Dass das, was wir sind, nicht gut ist oder nicht gut genug. Je früher im Leben wir diese Lektion gelernt haben, desto tiefer sitz deren Eindruck in uns.

Wir haben so gut gelernt, unsere Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen, dass wir fast vergessen haben, dass sie überhaupt da sind. Nur fast allerdings. Denn manchmal spüren wir sie noch, wie sie sich in uns regen. Leise Stimmen flüstern von einer anderen Form von Kommunikation. Von einer anderen Form von Sexualität. Von Tiefe. Von Ehrlichkeit. Von miteinander in Begegnung sein. Vielleicht sogar von … Geborgenheit. Leise Stimmen flüstern von einer Sehnsucht nach Leben.

Wir wünschen uns einen Partner, eine Partnerin, die uns so annimmt, wie wir sind. Während wir beständig so tun, als wären wir jemand anderes, als wir sind. Das ist das Drama der Liebe in Zeiten der Unabhängigkeit. Von außen betrachtet eine tragische Komödie. Von innen so viel Frustration und Leid.

ich und du und wir

Die Basis jeder Beziehung ist ein Geben und Nehmen. Unabhängig davon, ob wir Kinder miteinander haben, miteinander schlafen oder einen gemeinsamen Haushalt führen, lebt unsere Beziehung von dem, was jeder der beteiligten Partner von sich aus in diese Beziehung hinein gibt.

Eine Beziehung einzugehen, bedeutet: Wir beide dienen von nun an neben unseem eigenen auch noch einem gemeinsamen Ziel. Dieses Ziel kann die Begleitung und Unterstützung unserer gemeinsamen Kinder sein und/oder die Aufteilung der Aufgaben des häuslichen Alltags. Das Ziel unserer Beziehung kann die gemeinsame Gestaltung von Freizeit sein und/oder das gegenseitige Erfüllen sexueller Wünsche. Jeweils: und/oder.

Neben das Ich und das Du tritt das gemeinsame Wir. Das heißt nicht, dass ich und du in den Hintergrund treten und verschwinden. Wir bleiben Individuen. Mit eigenen Wünschen, eigenen Bedürfnissen und eigenen Gefühlen. Das Ich und das Du lösen sich nicht auf im Wir, aber sie müssen ein tück zur Seite treten, sonst hat zwischen ihnen das Wir keinen Platz.

Damit Partnerschaft entstehen kann, gibt jeder der beteiligten Partner einen Teil seiner bisherigen Autonomie auf. Nicht für den Anderen, sondern fürden eigenen Anteil am gemeinsamen Wir. Es ist unvermeidlich: In dem Augenblick, wo wir einen Teil unserer Autonomie abgeben, begeben wir uns in Abhängigkeit.

In Beziehung sein heißt abhängig sein

Wenn ich die Autonomie einer eigenen Wohnung aufgebe zu Gunsten eines gemeinsamen Haushalts mit dir, bin ich davon abhängig, dass auch du – so wie ich – dein Bestes gibst, damit unser Zuhause ein schönes und lebenswertes Zuhause wird.

Wenn ich die Autonomie über meine Finanzen aufgebe zu Gunsten eines gemeinsamen Kontos, bin ich davon abhängig, dass auch du – so wie ich – mit unserem Geld verantwortungsvoll und sorgsam umgehst. und dass du – so wie ich – dein Bestes dafür gibst, dass unsere finanzielle Basis stabil bleibt.

Wenn ich die autonomie über meine Sexualität aufgebe zu Gunsten einer körperlichen Exklusivität mit dir, bin ich davon abhängig, dass auch du – so wie ich – dein Bestes gibst dafür, dass wir beide in unserer gemeinsamen Sexualität die größtmögliche Erfüllung, Freude und Tiefe finden.

Beziehung auf Augenhöhe heißt „ja.“ sagen zur Abhängigkeit. Das bedeutet nicht, dass wir unsere gesamte Autonomie aufgeben und uns auflösen in einem schwammigen und konturlosen Wir. Das wäre fatal. Denn schließlich sind das Ich und das Du als lebendige und unterschiedliche Kräfte die wurzeln unseres Wirs. Wir bleiben in jedem Augenblick unseres Seins, selbst in den Augenblicken höchster Verbundenheit, ein Ich und ein Du. Nur dass zwischen uns und all unserer Individualität ein gemeinsames Wir entstanden ist. Du und ich tragen jeder unseren eigenen Teil an Verantwortung daran,dass dieses Wir genau als das Wir wachsen und blühen kann, das wir uns selbst und einander von ganzem Herzen wünschen.

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