Das Tier: Ich will dich!

Stellen wir uns für einen Augenblick lang vor, die Urkraft unserer Leidenschaft und Lebendigkeit stünde in Gestalt eines wilden und ungezähmten Tieres vor uns. Welches Tier haben wir vor Augen? Vielleicht sehen wir ein Raubtier mit Krallen oder Fell oder ein Tier mit Hufen, vielleicht etwas Fliegendes oder ein Wesen aus dem Meer.

Das Tier in dir ist wild und ungezähmt. Es fragt nicht, ob es darf. Dieses Tier nimmt sich, was es will. Das Tier verkörpert die selbstverständliche Entschlossenheit und Wirksamkeit des Lebens selbst.

Das Tier reagiert stark auf Zuwendung oder Abneigung. Wie das Kind hat es nur einen sehr geringen Zeithorizont. Ein Impuls, der aufkommt, will hier und jetzt gelebt oder zumindest zum Ausdruck gebracht werden. Das ist nicht immer angemessen oder klug. Manchmal jedoch fühlt sich genau das unbeschreiblich sexy an.

Das Tier in uns ist die Verkörperung all unserer Sehnsucht nach Leidenschaft, Lebendigkeit und Selbstbejahung.

Die Welt des Tieres ist wie die des Kindes funktionsbedingt eine stark egozentrische. Für den Blick auf das gemeinsame Wir fehlt die Weitsicht der Königin oder die Herzensgüte des Engels. Greifen diese nicht regulierend ein, kann es zu schweren Grenzüberschreitungen kommen, da das Tier in seinem Hunger Widerstand nur als zu überwindendes Ärgernis sieht.

Das Tier in uns sucht das Tier im Anderen, mit dem es balgen und an dem es sich reiben kann. Im Spiel der Leidenschaft und in der Reibung des Anderen spüren wir die Kraft des Tieres im Anderen und in uns.

Ein ungezügeltes hungriges Tier kann sehr ungestüm und ungemütlich werden. Sowohl für uns selbst als auch für unser Gegenüber. Darum haben viele Menschen ihr eigenes Tier bereits früh hinter Gitter oder an eine feste Leine gebracht. Das erschien ihnen als die beste Lösung. Leider beraubten sie ihr inneres Tier dadurch nicht nur seiner Freiheit, sondern nicht zuletzt darüber hinaus seiner Würde. Und wundern sich, dass es heute apathisch in die Leere blickt und bemitleidenswert den gesenkten Kopf hin und her schaukelt.

Es ist ein schrecklicher und folgenschwerer Irrglaube, dass wir das Tier in uns beherrschen oder zähmen müssten! Ein beherrschtes Tier wird immer nach der Lücke im Zaun suchen. Und es wird sie finden. Ein gezähmtes Tier mag hübsch anzusehen sein. Vielleicht kann es sogar Kunststücke. Ob seiner Harmlosigkeit allerdings hält die Faszination leider oft nicht allzu lange an.

Das Tier in uns muss weder eingesperrt, noch angeleint sein, noch müssen wir es mit Substanzen oder Ersatzhandlungen betäuben. Das Tier darf frei sein, sich bewegen, sich räkeln und sich unverschämt und hemmungslos paaren. All das kann und darf sein, wenn die Königin eine Königin ist, zu der auch die Löwin in Ehrfurcht aufschaut. Und der König ein König, vor dem sich auch der Wolf in Achtung verneigt.

Es ist die Kraft des Tieres, die in manchen Beziehungen Leidenschaft und sexuelle Anziehung über Jahre und Jahrzehnte hinweg am Leben erhält. Um genauer zu sein: Es ist die Kraft zweier Tiere, die einander jagen, erlegen und vernaschen im wechselseitigen Spiel der Lust.

Ein über Jahrzehnte in Ketten gehaltenes Tier wieder auszuwildern, baucht Geduld und klare Führung. Ein gefangenes Tier hat verlernt, sich im Wald oder in der Steppe zurecht zu finden. Vielleicht hat es gelernt, dass die Welt da draußen ein gefährlicher Ort ist, wo es geschlagen und beschimpft wird, und dass es nur in seinem Käfig Ruhe findet.

Hierbei kann es sehr hilfreich sein, wenn das Tier die Witterung eines anderen Tieres aufnimmt, das in der Welt der Wildnis erfahren und zuhause ist. Nicht immer jedoch rührt dieser verlockende Duft von dem Partner her, dem wir uns verbunden fühlen. Was dann passiert ist entweder davon abhängig, wie neugierig oder aber wie hungrig das innere Tier ist.

Das Tier spricht:

Ich rieche dich! Ich rieche dein Fleisch, und ich rieche deine ganze irdische Existenz. Ich rieche dein Zögern und deine Scham. Ich rieche deinen Herzschlag, und ich rieche deine Lust. Ich rieche den Mann oder ich rieche die Frau in dir. Ich rieche alles, was in dir fließt und strömt und lebt. Bis hier hin bin ich deiner Witterung gefolgt, um mich an all dem zu laben, was du bist. Ich will dich, und ich bin bekommen, um dich zu nehmen.

Das Tier: Zusammenfassung

Grundessenz: Entschlossenheit

Schatten: Grausamkeit

Hüter/in der Sphäre: Sinnlichkeit und Sexualität

Lichtkräfte:
Lust → Ich will dich!
Wirksamkeit → Ich nehme dich!
Sinnlichkeit → Ich rieche dich!
Unverschämtheit → Ich darf…!

Schattenkräfte:
Gier → Du gehörst mir!
Wut → Ich unterwerfe dich!

Assoziationen: wild, lustvoll, ungestüm, kämpferisch, unverschämt, aggressiv, gierig, körperlich, instinktiv, sinnlich, schamlos, lustvoll, erotisch, animalisch…


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