Teil 03 Die vier Hüter der Liebe

Viele Paare, die mit mir das Gespräch suchen, kommen irgendwann an das Thema Abhängigkeit-Unabhängigkeit. Ein Partner fühlt sich durch den anderen eingeengt und begrenzt. Er beschreibt den Anderen als „abhängig und klammernd wie ein Kind!“ Der andere Partner beschreibt ersteren dagegen als kühl und emotional distanziert. Beide argumentieren abwechselnd, warum sie sich genau so fühlen, wie sie sich fühlen. Dahinter steckt bei beiden der schlichte Wunsch, genau so, wie sie sind, angenommen und geliebt zu sein.

Zwei Dinge übersehen sie dabei:

Zum einen macht es, wenn wir unentwegt versuchen, dem anderen das Recht auf seine Gefühle abzusprechen, es genau diesem Anderen in aller Regel nicht gerade leichter, uns als besonders liebenswerte Wesen wahrzunehmen und mit einem Herzen voller Liebe zu betrachten. Diesen Gedanken in einem Konflikt zur Verfügung zu haben, kann grundsätzlich sehr hilfreich sein.

Zu Anderen beruht das in unserer Kultur verbreitete Diktat der Unabhängigkeit auf einer bloßen Illusion. Wir glauben, es wäre möglich, in einer intimen Beziehung voneinander unabhängige Wesen zu bleiben. Ich persönlich glaube: Das ist es nicht.

Das zweite Thema ist das große Geben und Nehmen. Wer gibt wie viel? Im Haushalt, mit den Kindern, im Job oder im Schlafzimmer. Wer nimmt wie viel? Und wovon? Wer will ständig Sex? Wer gibt sich nicht hin? Wer ist zu grob oder zu empfindlich und in was?

Hand auf’s Herz:


Du verfügst über eine reiche Lebenserfahrung. Du weißt eine Menge über das Leben. Und du weißt ebenfalls: Es sind deine Entscheidungen, die dein Leben lenken. Du bist unabhängig. Es gibt keinen Menschen, dessen Verlust du nicht in der Lage wärst, zu verarbeiten. Du und niemand sonst bist der König oder die Königin deines Lebens.

Nicht nur. Aber auch.

Nochmal Hand auf’s Herz:

Mal unter uns: Manchmal weißt auch nicht so ganz genau, worum es im Leben geht, oder? Manchmal ist dir das alles zu viel und zu groß und zu kompliziert. Manchmal sehnst du dich nach einer Umarmung oder einem lieben Wort. Manchmal bist du albern. Manchmal fühlst du dich abhängig von dem, was andere Menschen denken, sagen oder tun. Manchmal wünscht du dir jemanden, der dir zeigt, welches der richtige Weg ist. Es ist wahr: Du bist auch heute noch das Kind, das du damals warst. Dieses Kind wird für immer ein Teil dessen sein, was du bist. Für immer.

Nicht nur. Aber auch.

Na klar:

Du magst es, wenn du dem Anderen eine Freude machst und er dir seine Freude zeigt. Du stellst dich und deine Wünsche zurück, damit Andere ein bisschen was von dem bekommen können, was sie glücklich macht. Du tust immer wieder dein Bestes, damit es nicht nur dir, sondern auch deinem Liebespartner gut geht. Du bist ein echter Engel.

Nicht nur. Aber auch.

Andererseits:

Findest du es manchmal auch ganz schön gut, auf die Etikette zu pfeifen und dein Ding zu machen. Vielleicht tust du’s sogar. Manchmal hast du Lust, Dinge zu tun, die den Nachbarn rote Ohren machen würden, wenn die’s wüssten. Vielleicht tust du’s sogar. Manchmal verspürst du eine regelrechte Lust daran, einzufordern, was du willst. Manchmal spürst du das wilde und ungezähmte Tier in dir. Dieses Tier bist du.

Nicht nur. Aber auch.

Wir sind sowohl groß als auch klein. Wir sind sowohl dreckig als auch edel und rein. Wir sind sowohl schüchtern als auch wild. Wir sind erfahren und fähig und gleichzeitig machtlos.

All das sind wir. Und all das suchen wir in unserem Liebespartner. Und je nachdem, welches „ich“ dabei auf welches „du“ trifft, wird die Energie in unserer Begegnung entweder sehr harmonisch fließen oder aber ein gehöriges Chaos hervorrufen.

Anders als in der weiterhin wirksamen Polarität aus Yin und Yang suchen diese inneren Grundkräfte im Gegenüber ihr Spiegelbild. Das zu wissen, kann sehr hilfreich sein.

Je tiefer wir uns selbst in diesen vier Grundhaltungen und -kräften erfahren haben, desto klarer und reiner können sich die in uns integrierten Spirits entfalten. Anteile jedoch, die wir in uns oder anderen ablehnen oder leugnen dagegen, entwickeln sich oft zu einem unansehnlichen Zerrbild ihrer ursprünglichen Schönheit und Kraft.


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