Nimm dich selbst und deine Sehnsucht ernst

Eine Sehnsucht, die erst einmal geweckt ist, lässt sich nicht einfach wieder einschläfern. Das kann die Sehnsucht nach emotionaler Tiefe sein oder die Sehnsucht nach erfüllender Sexualität. Es kann der Wunsch nach Nähe und Vertrautheit sein oder eben auch die Lust auf eine bestimmte Art von männlicher oder weiblicher Energie.

Wenn du, Mann, in dir die Sehnsuch spürst, als Mann geehrt und begehrt zu werden, dann wird der Mann in dir die Augen offen halten nach genau dem. Wenn die Frau, die du die Deine nennst, deine Männlichkeit nicht ehrt und begehrt, dann findest du vielleicht Linderung in einer Affaire, oder auch im Suff. Irgendwann jedoch steigst du aus der Beziehung aus, sei dies nun „offiziell“ oder „nur“ emotional.

Wenn du, Frau, dich nach einem Mann sehnst, der aufrecht und standhaft vor dir steht wie ein Fels, der deine emotionalen Stürme oder Sümpfe ohne jede Furcht durchquert, der dich als Frau durchdringt und dich nimmt wie ein Gott eine Göttin nimmt und mit seinem Licht erfüllt, dann … werden deine Sinne beständig und aufmerksam deine Umgebung scannen, ob da nicht etwas sein könnte, das genau diese Lust bedient.

Es ist wichtig, dies von vornherein vollkommen klar zu haben: Eine Sehnsucht, die geweckt ist, legt sich nicht von alleine wieder hin. Und auch nicht bzw. schon gar nicht durch äußeren Druck. Der nämlich kann sie zwar konsequent in den Untergrund verdammen, keinesfalls jedoch zur Untätigkeit.

Hab Geduld. Und halte das Thema wach.

Die weit überwiegende Mehrheit aller partnerschaftlichen Entwicklungsprozesse wird durch die Initiative eines der Partner in Bewegung gebracht. Der andere ist augefordert, mitzuhalten, obwohl ihm oder ihr in dem aktuellen Prozess möglicherweise ganz und gar nicht behaglich zu Mute ist.

Das bedeutet, dass du, wenn du dir die Veränderung wünscht, nicht nur die Zügel in die Hand nehmen musst, sondern sie dort auch noch eine ganze Weile zu halten hast. Dein Partner oder deine Partnerin dagegen „muss“ vielleicht noch vom emotionalen Nutzen dieser Entwicklung überzeugt werden. Darum ist es hilfreich und wichtig, über eure Wünsche oder Bedenken offen und einander zugewandt im Gespräch zu sein.

Gerade in einem Beispiel wie diesem, in dem archetypische Urmuster von „Mann-Sein“ und „Frau-Sein“ betroffen sind, braucht es Zeit und eine Reihe von positiven Erfahrungen, damit die neue Erfahrungsqualität durch Wiederholung gefestigt werden kann. Immer wieder ist es die Aufgabe desjenigen, der die Veränderung will, für diesen Wunsch aktiv und liebevoll einzutreten und den anderen in diesen Prozess einzuladen. Es tut mir Leid: Ich habe die Regeln nicht gemacht.

Es braucht also Geduld.

Aber Vorsicht! Es gibt nicht wenige Menschen, die gelernt haben, in emotional aufwühlenden Situationen auf Zeit zu spielen. Statt „Ich möchte das nicht!“ oder „Ich weiß nicht, wie!“ sagen sie: „Bitte hab mit mir Geduld!“, „Ich bin in sowas nicht so schnell!“ und „Ich brauche noch ein bisschen Zeit!“. Nur, dass danach halt nichts passiert.

Diese Form von passivem Widerstand ist weit verbreitet. Sie wird vor allem von eher konfliktscheuen und selbstunsicheren Menschen angewandt. Die Strategie fußt verständlicherweise auf möglichst unklaren Absprachen. Diese Menschen versuchen daher, jede Form von belastbarer Vereinbarung tunlichst zu sabotieren. Stattdessen kommen schlichtende Angebote wie „Ok, ich fühl da mal für mich rein!“, „Ich werde mal ein paar Nächste darüber schlafen!“ oder „Ich nehme das mal mit zu meinem Coach!“

Wenn du erkennst, dass die Worte deines Liebespartners nur leere Hülsen sind, dann mache das transparent. Zeigt sich daraufhin keine Einsicht, sondern Abwehr, ist vielleicht die Frage angeraten, ob das, was du dir wünscht, mit diesem Partner oder dieser Partnerin überhaupt zu haben ist.

Falls nicht, muss das nicht das Ende eurer Liebe oder eurer Partnerschaft sein. Es stellt sich lediglich die Frage, wie es dir dann im Rahmen deiner Liebesbeziehung möglich ist, das zu finden und zu leben, wonach du dich sehnst.

Nicht selten führt dieser Prozess zu einer Feuerprobe für die Partnerschaft. Spätestens jetzt ist es hilfreich, sich professionellen Support zu holen. Gerade, wenn Ängste, Groll oder Scham im Spiel sind, kann eine dritte Person als Zeuge und Begleiter helfen, das Gespräch über Gefühle und Sehnsüchte sachlich und wertschätzend zu führen.


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