Der kastrierte Mann

Es ist ein trauriges Dilemma, in das viele Frauen hierzulande geraten. Einerseits ist da diese leise Stimme, die es irgendwie gut findet, wenn ein Mann selbstsicher eine klare Richtung anbietet. Andererseits ist da nicht selten auch eine andere Stimme.

Diese andere Stimme spricht von vergangenen Erfahrungen mit Männern. Diese Stimme spricht von eigenen Erfahrungen und, zwischen den Zeilen, auch denen von Mama und Großmama. Diese andere Stimme kennt nur ein schwaches oder gefährliches Zerrbild von Männlichkeit, eines, das erstmal erzogen oder zum eigenen Schutz (zur eigenen Bequemlichkeit?) dauerhaft kontrolliert werden muss. Diese andere Stimme ist erheblich beharrlicher und lauter.

Einen Mann zu kastrieren, dessen Urerfahrung mit dem Weiblichen die einer unbezwingbaren Übermacht war, ist, bei allem Reespekt, keine besonders anspruchsvolle Übung. Entziehe ihm deine Aufmerksamkeit, entziehe ihm deinen Respekt und, falls ihr ein monogames Commitment habt, entziehe ihm den Sex. Sein Selbstwertgefühl wird vor deinen Augen vertrocknen und zwischen deinen Fingern zu Staub zerbröseln.

Willst du konkretere Tipps hierfür, wirf gerne einen Blick in das Kabinett der Grausamkeiten!

Parallel erleben viele Männer unter uns in ihren Liebesbeziehungen eine ganz ähnliche Form von Zerrissenheit.

Sie möchten gerne in ihre ganze Kraft gehen. Auch und gerade in diesen wunderbar ungezähmten animalischen Teil. Sie sehnen sich danach, Verantwortung zu schultern und eine Richtung vorzugeben. Allein: Sie wissen nicht, wie! Sie hatten selbst einen schwachen oder despotischen Vater, und auch um sie herum gab es keine bis maximal kaum Vorbilder für eine aufrechte, präsente und auf natürliche Weise dominante Männlichkeit.

Die Männer spüren diesen Teil in sich. Aber sie vertrauen ihm nicht. Sie spüren seine Kraft und Lebendigkeit. Aber sie haben Angst vor ihr. So wie ihre Frauen auch. Und so lassen sie es zu, dass ihr Selbstwert und ihre eigene Lebendigkeit vom emotionalen Auf und Ab einer einzelnen Frau abhängt.

Zwei schlechte Nachrichten:

Erstens: Es seid ihr Frauen selbst, die eure eigenen Männer kastrieren. Die ihren Selbstwert als Mann oder Vater untergraben und mit dunklen Methoden emotionale Kontrolle über ihn zu erlangen suchen. Dass dabei nur ein jämmerliches Abziehbild von Mann übrigbleiben kann, müsste eigentlich nach zwei Sekunden Nachdenken klar gewesen sein. Also bitte: Hört auf zu jammern!

Zweitens: Es seid ihr Männer selbst, die sich kastrieren lassen. Die ihr verlernt habt, was ihr als Kinder alle noch konntet: Mit Selbstverständlichkeit einzutreten dafür, was in euren Augen wahrhaftig und richtig ist. Ihr selbst seid es, die sich davor scheuen, euer ganzes Licht scheinen zu lassen: Eure Klarheit und Verwurzelung, eure Liebe und Güte, eure Aufrichtigkeit und Präsenz. Also bitte: Hört auf zu jammern!

Männliche Dominanz stärken

Kommt in meiner Praxis von Seiten einer Frau der Wunsch nach mehr Präsenz und Dominanz bei ihrem Liebespartner zur Sprache, so habe ich zumeist eine etwas ernüchternde Antwort für sie:

Es gibt keinen Weg, wie du als Frau die wilde männliche Kraft in deinem Mann erwecken kannst.

Das bedeutet nicht, dass der zahnlose Tiger, als den du deinen Mann möglicherweise gerade siehst, für immer ein zahnloser Tiger bleiben wird. Das bedeutet nicht, dass du nichts tun kannst. Das bedeutet nur, dass der Wille zu präsenter Intergrität und liebevoller Dominanz in deinem Partner aus dir  selbst heraus heranwachsen muss.

Wenn dein Mann dir zu Liebe (und nicht: Sich selbst und seinem Weg zu Liebe) beginnt, dir gegenüber etwas dominanter oder forscher aufzutreten, dann wirst du zwar sehen, dass etwas anders ist. Du siehst, dass er sich bemüht. Aber du wirst doch im Leisen wissen und spüren, dass das, was du erlebst, keine echte Entschlossenheit und Kraft enthält. Darum wirst du ihm nicht vollkommen vertrauen können. So lange du ihm und seiner Präsenz nicht vertraust, wirst du dich ihm niemals ganz und gar hingeben. So ist das leider.

Der Wille zum Mann-Sein muss also in dir selbst wachsen, Mann! Dafür aber braucht es positive Vorbilder in positiver männlicher Klarheit und Dominanz. Halte daher die Augen bewusst auf nach derartigen Vorbildern. In deinem persönlichen Umfeld, im Feld öffentlicher Persönlichkeiten oder aus dem weiten Fundus der fiktiven Gestalten aus den Geschichten der Welt. Finde dir solche lebendigen Vorbilder und umgib dich mit ihnen! Sie werden dir helfen, deine eigene Art von Mann-Sein mutig in die Welt zu bringen.

Komme dir selbst auf die Spur! Erkenne, wo dein Handeln dem Wunsch nach weiblicher Aufmerksamkeit oder Sympathie folgt. Unsere Aufmerksamkeit spielt eine größere Rolle für unsere Entwicklung als unsere Willenskraft. Du musst diese unbewussten Reiz-Reaktions-Muster daher gar nicht verändern wollen. Das passiert von ganz alleine, wenn du dir diese erst konsequent bewusst machst. Auf Basis dieser Selbsterkenntnis wirst du in Zukunft möglicherweise andere Entscheidungen treffen als bislang.

Du, Frau, dagegen kannst zwar den inneren Prozess deines Mannes nicht voran treiben (Das würde ja wiederum heißen, dass du in seine Autonomie eingreifst, weil er es selbst und allein noch nicht gut genug kann!), aber du kannst deinem Mann in diesem Prozess dennoch große Dienste leisten. Indem: Du seiner Männlichkeit Raum gibst!

Übergib ganz bewusst die Verantwortung für einen Abend, ein Wochenende oder eine Aktivität an deinen Mann. Übergib ganz bewusst einen Teil der Führung, die du bislang inne hast, an ihn.

Schenke deinem Mann deine schönste und lebendigste Sinnlichkeit und Sexualität. Gib dich ihm hin. Locke oder rufe aus ihm die schönste und lebendigste Gestalt seiner Sinnlichkeit und Sexualität hervor.

Davon ab: Komm auch dir selbst und deinen heimlichen Strukturen auf die Schliche. Auch du musst überhaupt nichts ändern wollen. Vertrau‘ mir: Das Ändern kommt danach von ganz allein. Werde dir selbst und deiner mehrschichtigen Kommunikationsmuster einfach nur gewahr. Bemerke sie. Und erkenne, was du tust, wenn du es tust. Es wird nicht lang dauern, und du wirst feststellen, dass dort, wo du bisang automatisch gehandelt hast, plötzlich Raum für eine Entscheidung ist.


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