Was sind Bedürfnisse?

„Alles Leben ist Leiden, und alles Leiden
hat seine Ursache in den Begierden.“
aus den „vier edlen Wahrheiten“ des Buddhismus

Tief im Unterbewussten verborgen, hinter allem, was wir fühlen oder denken, wollen oder tun, liegen die Gründe für alles Denken und Fühlen, Wollen und Tun: unsere Bedürfnisse. Ein Bedürfnis, das Wort legt es nahe, ist eine Sache, derer es bedarf. Etwas, das gebraucht wird, um ein gutes und artgerechtes Leben zu führen.

Wir können grob unterscheiden in: Physische und psychische Grundbedürfnisse:

Bedürfnisse des Körpers

Wir alle brauchen zum Überleben dieselben Dinge: Wir brauchen Nahrung und Wasser. Wir brauchen Licht, Luft und Wärme. Wir brauchen Berührung, und neueren Studien zu Folge zählt offensichtlich auch Sex zu unseren rein körperlichen Grundbedürfnissen, die, wenn sie über längere Zeit unerfüllt bleiben, zu Mangelerscheinungen führen.

Die Nahrung (im weiteren Sinne!), die unser Körper benötigt, besteht aus Materie und Energie.

Aber: Nicht alles, was wir essen können, nährt uns. Nicht jede Zusammensetzung des Gasgemisches, das wir Luft nennen, ist unserer Gesundheit und unserem Wachstum dienlich. Nicht jede Art der Berührung oder Aufmerksamkeit tut uns gut. Was unser Körper braucht, ist nicht Essen oder Luft. Es sind ganz spezifische Moleküle in unserer Nahrung und Atmosphäre, derer es bedarf.

Die Seefahrer vergangener Zeiten erkrankten nicht an Skorbut, weil sie nichts zu essen hatten. Damals waren die Meere noch voller Fisch. Außerdem hatten sie in aller Regel reichlich Dörrfleisch und Zwieback mit an Bord. Zu essen gab es also genug. Trotzdem: Nach Monaten auf See produzierten die Körper der Seeleute Mangelerscheinungen wie Zahnfleischbluten, Erschöpfung und wässrigen Durchfall.

Die Körper der Seefahrer zerfielen bei lebendigem Leib. Von 160 Mann Besatzung verlor Vasco da Gama 100 an den Skorbut. Die meisten von ihnen waren vor Antritt der Reise noch starke, tüchtige und gesunde Männer gewesen. Nur wenige Monate später waren sie tot. Alles, was ihnen gefehlt hatte, war ein Molekül namens Ascorbinsäure, besser bekannt als: Vitamin C.

Unser Körper braucht Vitamine, er braucht Protein, Fett, Zucker und diverse Nährstoffe mehr. Unser Körper braucht Wasserstoffoxid (H2O), und einige der Moleküle (aber nicht alle!) aus der Luft.

Wenn wir also Lust bekommen auf den Geschmack von Zitronen oder Johannisbeergelee (oder auch nach Paprika, Spinat oder Broccoli), dann geht es aus Sicht unseres Körpers, der diese Lust durch Ausschüttung neuronaler Botenstoffe produziert, nicht um die Nahrungsmittel in ihrer grobstofflichen Form, sondern um genau jene spezifischen Moleküle, die diese Objekte unserer Umwelt den Erfahrungen unseres Körpers nach in verwertbarer Form enthalten.

Verspürt unser Körper einen Mangel nach einer molekularen Verbindung, dann erzeugt er in uns einen Appetit auf Nahrungsmittel, in denen er diese Substanz vermutet. Worauf genau wir Appetit bekommen, ist davon abhängig, welche Lernerfahrungen unser Körper bislang mit Nahrungsmitteln gemacht hat.

Interessanterweise enthalten die Früchte des peruanischen Camu-Camu-Strauches 20 mal mehr an Vitamin C als schwarze Johannisbeeren und sogar 50 bis 60 mal mehr als eine durchschnittliche Zitrone. Da aber kaum ein Mensch in unserem Teil der Welt jemals das Fleisch einer Camu-Camu-Frucht geschmeckt hat, kennt kaum jemand bei uns die Lust auf eine schöne, saftige Camu-Camu. Anders als in Peru.

Soweit ist alles klar, oder?

Bedürfnisse der Psyche

Ebenso wie unser Körper Nährstoffe braucht, um bestmöglich zu funktionieren, so braucht auch unsere Psyche Nahrung. Und ebenso wie wir zwar den Appetit auf bestimmte Nahrungsmittel bemerken, uns jedoch der dahinter liegenden körperlichen Nährstoffbedürfnisse in aller Regel nicht bewusst sind, so werden wir uns auch unsere psychischen Bedürfnisse zumeist nur indirekt gewahr.

Unser Körper lernt vom Augenblick unserer Geburt an, in welchen Nahrungsmitteln er welche spezifischen Nährstoffe erwarten darf. Ebenso macht auch unsere Psyche Erfahrungen mit der Welt, die uns umgibt. Auch im Bezug auf unsere Psyche lernen wir: „Wenn ich dies tue oder jenes unterlasse, dann bekomme ich…“ Auf diese Weise entwickeln sich in unserer Psyche durch den Prozess von Versuch und Irrtum (bzw. günstigenfalls Erfolg) vielfältige Strategien, die wir erlernen mit dem Ziel der Befriedigung unserer momentanen oder anhaltenden Bedürfnisse.

Unsere psychischen Bedürfnisse sind etwas sehr Grundlegendes. Vergleichbar mit den Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen auf der körperlichen Ebene handelt es sich bei unseren psychischen Bedürfnissen um grundlegende Qualitäten unseres Daseins. Allerdings nährt sich unsere Psyche nicht aus der Sphäre der Materie oder Energie, sondern aus der der Information. Psychische Bedürfnisse sind Informations-Bedürfnisse!

Die Zustände von Sicherheit, Anerkennung oder Verbundenheit (diese und andere hatte bereits Abraham Maslow in dem 1960ern benannt) stellen bei näherer Betrachtung keine real existierenden Fakten dar, sondern sind Interpretationen dessen, was wir über unsere Sinne wahrnehmen. So kann ich mich sicher fühlen, obwohl ich auf einer Falltür stehe, oder anerkannt, während man sich hinter meinem Rücken über mich das Maul zerreißt.

Und dennoch ist die Information „Ich bin sicher“, „Ich gehöre dazu.“ oder ganz grundsätzlich: „Ich lebe“ von essenzieller Bedeutung für unser System. Je nachdem, ob wir diese Aussagen bejahen oder verneinen, wird dies große Auswirkungen ahben auf unser Denken und Fühlen, Wollen und Tun.

Unsere Wünsche repräsentieren diese Grundbedürfnisse in einer sinnlich konkret erfahrbaren Form. Das, was wir uns wünschen, ist die aktuelle Antwort unserer Psyche auf die aus ihm selbst heraus gestellte Frage: „Wo kriegen wir das jetzt her?“

Dies ist bedeutsam: Wenn wir lernen, zu unterscheiden zwischen unseren Wünschen und den Bedürfnissen dahinter, dann erkennen wir, dass wir das, was uns wirklich fehlt, auf sehr verschiedene Weisen erhalten können. Das bedeutet: Selbst wenn das, was wir uns wünschen, momentan nicht zu bekommen ist, bedeutet das nicht zwingend, dass wir deswegen Mangel oder Leid erleben. Denn es gibt immer mehrere Möglichkeiten, uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen, als das Szenario, das uns als erstes oder als lautestes durch den Kopf springt.

Stellen wir uns vor, wir spürten gerade ein Bedürfnis nach liebevoller Nähe und Vertrautheit („Verbundenheit“). Vielleicht entwickeln wir daraus hervor den Wunsch danach, mit unserem Partner zu schlafen. Ebenso könnte aus denselben Bedürfnis heraus auch der Wunsch nach einem intimen Gespräch entstehen. Oder der Wunsch nach Heimkino, Pizza und Wein.

Zumindest die ersten zwei dieser Wünsche kommen allerdings ebenso häufig als Repräsentation des Bedürfnisses nach Intensität zum Einsatz. Und drittes noch häufiger als Ausdruck des Bedürfnisses nach Wohlbefinden. Was dabei rauskommt, ist dann allerdings in dem einen wie in dem anderen Fall, mit großer Wahrscheinlichkeit etwas ganz anderes.

An Hand dieses kleinen Beispiels wird leicht deutlich, dass unsere Begegnungen miteinander völlig unterschiedlich verlaufen, je nachdem, ob der Name der uns antreibenden Kraft dahinter wahlweise Intimität oder Intensität ist. Ob es Sicherheit ist, nach der es uns verlangt, oder Freiheit. Ob unser Tun aus dem Bedürfnis nach Anerkennung genährt ist oder aus dem nach Augenhöhe.

Hieraus ergibt sich eine unüberschaubare Anzahl von Möglichkeiten dessen, welche Bedürfnisse sich begegnen, wenn zwei oder mehr Menschen miteinander in Kontakt sind.


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