Einleitung

Wer sich in heutiger Zeit aus professionellen oder persönlichen Motiven heraus ernsthaft mit menschlichen Gefühlen, Entscheidungen und Beziehungen auseinander setzt, stellt schnell fest, dass die bisher vorliegenden Modelle des Menschen und der Motivationen seines Handelns zwar (teil) wissenschaftlich durchaus klug durchdacht sind, jedoch im konkreten Einzelfall (um den es schließlich recht oft ganz konkret geht) leider nur wenig Erklärungskraft entfalten.

Was hilft es Marina, die jüngst von der heimlichen Affäre ihres Mannes erfahren hat, wenn sie nun im Rahmen einer Paarberatung erkennt, dass dieser in seiner Entwicklung niemals ein männliches Vorbild gehabt hatte, an dem er hätte lernen und erfahren können, wie man in einer Liebesbeziehung offen und liebevoll über unerfüllte Sehnsüchte spricht? Das ist gewiss hochinteressant. Aber hilft es ihr?

Was hilft es Alex, der darunter leidet, dass die Frauen in seinem Leben ihm immer wieder den „Ehrenplatz“ der besten männlichen Freundin anbieten, wenn er erfährt, dass sein schwaches Selbstvertrauen ihn für viele Frauen auf sexueller Ebene geradezu zwingend uninteressant macht? Vielleicht ist er darauf sogar schon selbst gekommen. Aber selbst wenn nicht: Wie viele Schritte weiter bringt ihn diese Erkenntnis wohl?

Was hilft es Constanze und Dirk, die über die zunehmende Langeweile in ihrer Partnerschaft klagen, wenn sie nun hören, dass das nach 12 Jahren monogamer Paarung gar nicht ungewöhnlich ist, und dass es vielen Paaren in ihrer Situation ganz ähnlich ergeht? Mit etwas Glück spendet dieser tröstlich gemeinte Hinweis möglicherweise tatsächlich Trost. Aber bietet er den Liebenden einen Ausweg aus ihrer Not?

Ich behaupte: Es hilft ihnen nichts.

Viele therapeutisch, pädagogisch oder psychologisch arbeitende Menschen haben ein wirklich gutes Herz. Sie wollen die Menschen wirklich unterstützen, mit denen sie arbeiten. Alles, was sie sagen und tun, ist wirklich gut gemeint. Warum nur ist es so oft so wenig wirksam?

Ich glaube, ein einfacher Grund hierfür liegt schlicht darin, dass wir trotz einem Jahrhundert intensiver psychologischer Forschung bis heute kein klares Verständnis dafür haben, welche Grundkräfte hinter all unseren Handlungen, unseren Gefühlen und Entscheidungen aktiv und wirksam sind.

Dies ist nicht verwunderlich. Die Kräfte, von denen in diesem Artikel die Rede ist, wirken auf einer Ebene unserer Psyche, die für den bewussten Verstand nicht ohne Weiteres zugänglich ist. Die Rede ist hier von unseren psychischen Bedürfnissen.

Viele von uns erkennen recht leicht die Wünsche und Erwartungen an uns selbst, unsere Mitmenschen oder an „das Leben“. Und natürlich bemerken wir die Gefühle, die wir empfinden, wenn unsere Wünsche oder Erwartungen erfüllt oder leider gerade eben nicht erfüllt sind. Darum glauben wir, das, was wir uns wünschen oder was wir erwarten, wären unsere Bedürfnisse. Jedoch: Das sind sie nicht. Es sind: Unsere Wünsche und Erwartungen. Wollen wir zu unseren Bedürfnissen durchdringen, dann müssen wir tiefer schauen.

Diese verbreitete Verwechslung zwischen unseren Wünschen und Erwartungen mit unseren dahinter liegenden Bedürfnissen, so nachvollziehbar es ist, löst eine Menge Durcheinander und Unklarheit aus. Es verzerrt den Blick auf einander und uns selbst und erzeugt unzählige unnötige Irritationen, Konflikte und Krisen.

Stellen wir uns vor, wir wären in der Lage, Marina eine Perspektive anzubieten, aus der heraus sie versteht, welche Sehnsüchte und Bedürfnisse genau es waren, die ihren Mann zu seinem Tun getrieben hatten. Stellen wir uns darüber hinaus vor, dass es Marina gelingen würde, zu erkennen, dass sie dieselben Sehnsüchte und Bedürfnisse auch in sich trägt. Und stellen wir uns als drittes vor, ihr Mann wäre in der Lage, zu ihr auf eine Weise von sich, seinen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen zu sprechen, die sie mitfühlen lässt, wie es für ihn war, über Monate ein fadenscheiniges Doppelleben zu führen, in ständiger Angst vor dem entdeckt werden, in ständiger Angst davor, durch sein Tun all das zu verlieren, was er an seiner Frau und an der gemeinsamen Ehe liebt und schätzt… Was könnte dadurch möglich werden für Marina und ihren Mann?

Stellen wir uns vor, es wäre uns möglich, Alex eine Sichtweise an die Hand zu geben, aus der heraus er Schritt für Schritt beginnt, für möglich zu halten, dass das, wonach sich die Frauen in seinem Umfeld bei einem Mann sehnen, in ihm längst angelegt ist. Stellen wir uns vor, er würde erkennen, dass die Schüchternheit und Selbstunsicherheit, die er so oft an sich verurteilt, keine fest installierten Charakterfeature sind sondern lediglich erlernte Strategien im Umgang mit eigenen Bedürfnissen. Und stellen wir uns schließlich vor, wir könnten mit ihm gemeinsam neue Strategien entwickeln, die geeignet sind, dieselben Bedürfnisse in ihm ebenso gut oder sogar besser zu befriedigen und darüber hinaus seine Präsenz und Attraktivität als Mann steigern… Was könnte sich dadurch in Alex‘ Leben ändern?

Stellen wir uns vor, wir könnten zusammen mit Constanze und Dirk herausfinden, welche Bedürfnisse und Wünsche genau es sind, die in ihrer Partnerschaft in den vergangenen Jahren auf der Strecke geblieben sind. Stellen wir uns vor, wir wären in der Lage, ihnen dabei zu helfen, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, in der sie über ihre offenen Wünsche und Bedürfnisse miteinander ebenso konkret wie liebevoll in einen gemeinsamen Austausch treten könnten. Und stellen wir uns schließlich vor, dass diese gemeinsame Sprache Constanze und Dirk dabei hilft, zu erkennen, wie absurd und sinnentleert ihr bisheriger Kampf um Recht und Schuld doch war… Welche Potenziale könnten Constanze und Dirk dadurch in ihrer Partnerschaft und Sexualität entfalten?

Ich behaupte: Das hier könnte eine Perspektive sein, die tatsächlich einen Unterschied macht.

Auch wenn die hier vorgenannten Beispiele sämtlichst dem intimen Feld von Liebe, Partnerschaft und Sexualität entstammen, hat der in diesem Artikel vorgestellte Fokus auf die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen weitaus größere Bedeutung.

Ob in Pädagogik, Psychotherapie oder Personalentwicklung: Der Blick auf die wirksamen Bedürfnisse hinter den von uns beobachteten Handlungen, Entscheidungen oder Gefühlen (bei anderen Menschen oder uns selbst) vermittelt uns eine tiefere Ebene des Verstehens, die uns nicht nur unzählige unnötige Konflikte in unserem Alltag erspart, sondern uns darüber hinaus ermöglicht, auf einem soliden Fundament aus Mitgefühl für uns selbst und den anderen eine Vielzahl alter Fragen auf neue, partnerschaftliche Art und Weise zu beantworten.

Auf geht’s:

Räumen wir ein wenig auf und die Sachen dahin, wo sie hin gehören!


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