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ganz mann, ganz frau: der tanz von yang und yin

Der Tanz von Yang und Yin

Dieser Artikel behandelt das Verhältnis von Männern und Frauen in unserer Kultur, unabhängig der Frage, ob sie sich in ihrer sexuellen Orientierung als hetero-, homo-, bi- oder sonstwie -sexuell einordnen. In diesen Absätzen auch die spezifischen Besonderheiten jener Mitbürger*innen angemessen zu betrachten, die Schwierigkeiten mit ihrer gerundlegenden Zuordnung zu einem dieser beiden biologischen Geschlechter haben, ist mir im Rahmen dieses Artikels leider nicht möglich. Betroffene bitte ich in dieser Hinsicht um Verständnis dafür, dass ich mich hier auf Bio-Männer und Bio-Frauen konzentriere.

Die Frage nach der Gleichwertigkeit von Mann und Frau haben wir in unserer Kultur inzwischen glücklicherweise weitgehend hinter uns gelassen. Wer hierzulande sich noch berufen fühlt, das andere Geschlecht abzuwerten, tut dies in aller Regel aus ganz persönlichem, unverarbeitetem Leid heraus. Geben wir ihnen unser Mitgefühl und etwas Zeit. Die meisten Ressentiments beruhen auf dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit oder dem Fehlen liebevoller Zuneigung im Leben.

Dies bedeutet mitnichten, dass es diesbezüglich in unserem Lande nichts mehr zu tun gäbe. Beispielsweise ist es bis heute in einigen Branchen Usus, Frauen für die gleiche Arbeit substanziell schlechter zu bezahlen. Hier gibt es durchaus noch Nachholbedarf. Andererseits sind wir, wenn wir den Blick über die letzten 100 Jahre Geschichte schweifen lassen, bereits ein gewaltiges Stück vorwärts gekommen. Bundeskanzlerinnen und weibliche Parteivorsitzende sind in der Politik gefühlt längst ein alter Hut. Frauen kommentieren Fußballgroßereignisse und moderieren Wirtschaftsjournale, betreiben wissenschaftliche Studien und lenken Unternehmen. Es stimmt durchaus, dass das Geschlechterverhältnis (noch) nicht im Gleichgewicht ist. Dies allein muss allerdings nicht bedeuten, dass unsere Kultur Frauen nicht genug Raum gäbe, sich zu entfalten.

Probiere es aus und mache die Probe auf’s Exempel: Frage deine Freunde und Freundinnen danach, wer von ihnen es für eine reizvolle Aufgabe halten würde, ein politisches Amt zu bekleiden, das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft live zu kommentieren, eine Expedition zum Südpol zu begleiten oder sich als Mitglied einer Sondereinsatztruppe der Polizei ausbilden zu lassen. Die meisten Frauen, die ich kenne, haben an derlei Dingen schlichtweg kein Interesse. Vielleicht sollten wir dies in unseren Überlegungen berücksichtigen.

Der wahre „Gender Gap“

Hierzulande ebenso wie im kulturell verwandten Ausland zeigt sich ein anderes Phänomen. Diejenigen Frauen nämlich, die genau diese Art von Herausforderungen als Herausforderung verstehen, die Lust darauf haben, Kanzlerin zu werden oder Vorstandsvorsitzende, haben allzumeist (Es gibt Ausnahmen!) ein gewisses Feature gemeinsam. Diese Frauen zeigen eine große Klarheit, Geradlinigkeit und Entschlossenheit in ihrem Auftreten, gleichzeitig jedoch auch etwas, das von Beobachtern oft als „kalt“, „hart“ oder „gefühllos“ bezeichnet wird. Der Straßenjargon ist weniger pc: „Das sind doch keine Frauen! Das sind nur Männer mit Brüsten!“

Derartige Aussprüche verletzen, das stimmt. Sie bringen jedoch über diese (beabsichtigte oder unbeabsichtigte?) Wirkung hinaus eben jenen Umstand zur Sprache, der uns allen bewusst ist, über den wir jedoch viel zu selten reden: Über den wahren und wirklich bedeutsamen Gender-Gap.

Was unsere Kultur, in Politik und Ökonomie, in Wissenschaft und Verwaltung, meines Erachtens mehr als dringend braucht, sind nicht Menschen mit einem X- und einem Y-Chromosom in den Genen, sondern Menschen, die das verkörpern, was manche Traditionen als „das weibliche Prinzip“ benennen: Empathie und emotionale Tiefe, Spontaneität und Hingabe.

Manche erfolgreiche Frau (die eine oder andere mir persönlich bekannt) antwortet hierauf: „Diese Art von Eigeschaften überlebt nicht lange in der kalten und harten Welt von Wirtschaft oder Politik!“ „Hm, das mag sein.“, antworte ich. „Würdest du denn sagen, in der Firma, in der du arbeitest, gibt es menschliche Wärme und Mitgefühl genug?“ Die Antwort darauf sind dann meist zusammengekniffene Lippen und ein Kopfschütteln mit gesenktem Blick. Ich glaube, wir wissen, woran es uns wirklich fehlt. Und das sind nicht mehr Frauen in Führungspositionen, sondern mehr Menschen auf diesen Posten, deren Entscheidungen ebenso auf Ratio beruhen wie auf Empathie.

Vielleicht habe ich im vorletzten Absatz hier oder dort Stirnrunzeln erzeugt. Die Assoziation des Weichen und Emotionalen mit dem Stichwort „weiblich“ erscheint in manchen Kreisen auf Anhieb zutiefst anachronistisch, wenn nicht gar verseucht von patriarchaler Doktrin. Was soll ich sagen? Ich bin ein in den 70er und 80er Jahren bürgerlich-katholisch sozialisierter hellhäutiger deutscher Mann. Die unmissverständlich patriarchal geprägte Kultur meiner Kindheit und Jugend hat daher mit Gewissheit in meinem (und nicht nur meinem) Unbewussten bleibende Spuren hinterlassen.

Dies alles mag stimmen, allerdings lade ich dich nicht ein, durch meine Brille zu schauen, sondern aus meiner Perspektive. (Natürlich darfst du sie mal aufsetzen, wenn du willst. Ich finde, sie macht ein ziemlich cooles Licht!)

Die Frage ist nicht: „Mann oder Frau?“

Die Frage ist: „Worum geht’s uns eigentlich?“

Mann und Frau: verschieden oder gleich?

Es gibt in Deutschland eine seltsame Tradition: Alle Jubeljahre, gerne gegen Sommer, wenn sonst kaum etwas Anderes geschieht, treiben die Medien die altgediente Sau vom Unterschied der Geschlechter durch’s Dorf, der entweder nun klar belegt oder ein für alle Mal aus der Welt geräumt ist. Und sie machen mächtig Auflage damit. Warum eigentlich?

Hast du dir mal die Zeit genommen, die Männer oder Frauen in deinem ganz persönlichen Umfeld miteinander zu vergleichen? Die toughe Unternehmerin mit dem Hausmütterchem am Ende deiner Straße? Den verkannten Schriftsteller in deiner Verwandtschaft mit dem haarigen Gorilla, mit dem seine Frau eine heimliche Affäre führt (oder umgekehrt!)?

Kinners, ich glaube, wir stellen die falschen Fragen!

Wen interessiert, ob die Geschlechter statistisch betrachtet eher gleich oder unterschiedlich sind? Was uns interessiert, ist die Frage: Wie bin ich selbst? Vor allem: Bin ich gut so, wie ich bin? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Um eine stabile, harmonische Partnerschaft zu führen? Um für das einzutreten, was mich im Herzen – und den geographisch darunter liegenden Regionen! – wirklich erfüllt?

Wir können die Sommerlochartikel hundertmal lesen. Auf die wirklich spannenden Fragen finden wir keine Antwort darin. Ich sprach weiter oben von einer Perspektive, die ich mitgebracht habe. Sie stammt nicht von mir, ist im Kern zugegebenermaßen sprichwörtlich antiquiert. Aber wischen wir kurz den Staub zur Seite und lassen sie einen augenblick lang wirken. Vielleicht entdecken wir dann etwas, was uns neugierig macht oder sogar weiterbringt…

Yang und Yin, Yin und Yang

Das schwarze Yin, das weiße Yang. Diese Symbolik der Polarität ist uns seit mindestens dreitausend Jahren bekannt. Und das übrigens nicht nur aus China. Auch im Keltentum und in der Kultur des antiken Roms hatte dieses Symbol seinen Platz.

Umgangssprachlich übersetzen wir die Begriffe Yin und Yang mit „weiblich“ und „männlich“. Das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber es trifft ihren Kern nicht wirklich und nicht ganz. Yang und Yin stehen für mehr.

Yang und Yin stehen für hell und dunkel, Licht und Schatten. Dies sind die ursprünglichen Bedeutungen. Dieses „Dunkle“ jedoch hat nichts Negatives an sich. Es ist dunkel wie die Nacht, in die wir uns hingeben und einschlafen, wie der Schatten, der uns vor sengender Sonne bewahrt, und wie der weibliche Schoß, der aufnimmt und beglückt und durch das Aufnehmen ins eigene Dunkle selbst Glück und Wonnen erfährt. Im weiteren Sinne bedeuten Yang und Yin: zielorientiert und im Augenblick, planend und spontan, denkend und fühlend, aktiv und passiv, gebend und empfangend, nehmend und sich hingebend, die Welt kontrollierend und die Welt nährend. Dies sind die Energien, die jede und jeder von uns in ihrem und seinem Innersten vereint. Yin und Yang

Yang, das die Welt nach seinem Willen formt.

Yin, das sie liebt und umarmt in all dem, was sie ist.

Yang, das geradlinig seine (oder ihre) Ziele verfolgt.

Yin, das mäandriert, das fließt, das sich dem Tanz des Lebens öffnet und in ihm erblüht.

Yang, die Entschlossenheit des klaren Bewusstseins.

Yin, die unvorhersehbare Gleichzeitigkeit aller nur denkbaren Möglichkeiten.

Das weiße Yang trägt in sich einen pulsierenden Kern aus schwarzem Yin. Das schwarze Yin hat ein lebendes Zentrum aus weißem Yang. Das ist mehr als antiker Symbolismus. Schauen wir in den Spiegel! Schauen wir uns wirklich ins Gesicht! Ein jeder und eine jede von uns vereint das eine wie das andere in sich.

Die Essenz von Yin und Yang in uns

Gönnen wir uns ein kleines, vielleicht aber erhellendes Gedankenspiel:

Stell dir uns vor, du hättest einen Wunsch frei. Ein einziges, letztes Mal, und nur genau dieses eine, einzige, letzte Mal im Leben darfst du mit einem Menschen deiner Wahl (lebend oder verstorben, real oder fiktiv – du hast die komplett freie Wahl!) deine eigene sexuelle Essenz in ihrer ganzen Pracht und Fülle spüren und erfahren. Was würdest du wählen: Yin oder Yang?

Yang sagt: Gib dich mir hin! Ich will dich nehmen! Mit all meiner Liebe, Bewusstheit und Kraft forme ich deinen Leib und deine Lust. Ich raube dir den Atem durch meine unaufhaltsame Kraft, Präsenz und Energie. Gib dich mir hin, du Engel, auf dass du unter meinen Händen hundertfach erblühst in all deiner Schönheit, Heiligkeit und Fülle. Gib dich mir, meiner Kraft und meinem unbändigen Willen hin. Ich nehme dich liebevoll in meine Hände auf. Ich hebe dich über den Himmel hinaus zu den Sternen empor, in deren Mitte du in meinen Händen neu geboren wirst!

Yin sagt: Komm her zu mir, du göttliches Tier, du unbändige und unaufhaltsame Kraft! Komm zu mir, nimm und forme mich nach deinem Willen! Ich will mich dir geben, in dich fließen und um dich herum. Fülle mich aus und durchdringe mich! Ich will mich von deiner Präsenz und Energie davon reißen lassen aus allem, was mich in meinen irdischen Formen noch begrenzt. Ich gebe mich deinen Händen und deiner bebenden Liebe grenzenlos, willenlos und bedingungslos hin. Erfüllt von deinem Licht will ich blühen, auf dass meine Schönheit die ganze Welt umarmt. Nimm mich, forme mich und fülle mich aus! Trage mich auf deinen Händen über den Himmel hinaus bis zu den Sternen empor, auf dass ich die Welt erleuchten kann!

Ein einziges Mal in deinem Leben berührst du deine tiefste sexuelle Essenz durch die eines Partners oder einer Partnerin deiner absolut freien Wahl. Welche dieser Essenzen will in dir lebendig sein? Und welche Essenz wählst du zu deinem Partner, wäre dies das einzige, einmalige und letzte Spiel deiner polaren sexuellen Essenz?

Yang und Yin sind die Pole einer Dualität, so wie Tag und Nacht, Freud und Feind, Subjekt oder Objekt. Geprägt durch das christliche Verständnis von Gott und Satan bzw. Gut und Böse, sind wir es gewohnt, die zwischen den Zeilen mitgefütterte Bewertung und Zäsur ebenfalls zu schlucken. In eine Seite nämlich, die gut oder richtig ist, und eine andere, die böse ist oder schlecht. Geübt in wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen Begriffen können wir auch sagen: weiter entwickelt oder unterentwickelt, höherwertig oder minderwertig. Welche Worte wir auch wählen, immer wieder unterliegen wir der Falle, die Welt in Gut oder Böse zu unterteilen. Mir persönlich ist privat wie weltgeschichtlich kein Ereignis gebkannt, das durch diese Art des Denkens zum Guten gelöst worden wäre.

Yin und Yang sind nicht böse oder gut. Sie sind schlicht polare Gegensätze, die das Prinzip einer Wechselwirkung zum Ausdruck bringen: Je mehr Raum das eine in unserem Leben und Erleben einnimmt, desto weniger Raum bleibt uns für das andere. Gemeinsam ergibt sich hieraus ein relativ stabiles Verhältnis aus Yang und Yin in jeder und jedem uns.

Interessant ist, was passiert, wenn wir auf einen Menschen treffen, der ein relativ spiegelverkehrtes Spektrum an Yin und Yang mitbringt. Sollte dieser Mensch nicht aus kategorischen Gründen (falsches Geschlecht, falsches Alter, schwere gesundheitliche oder moralische Bedenken) als Sexualpartner mit einem „Veto“ belegt sein, so wird er oder sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen deutlich spürbaren Reiz in uns hinterlassen. Ebenso wie wir bei ihm oder ihr. Wie die Geschichte weitergeht, hängt ab von den individuellen Bedingungen der Situation.

Wir können entscheiden, ob wir der Anziehung folgen oder nicht. Aber wir können nicht entscheiden, ob wir sie spüren und uns von ihr angezogen fühlen. Schopenhauer sagte: „Wir können zwar tun, was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.“ Dies lässt sich weiter zuspitzen. Wir können nämlich weder nicht wollen, was wir wollen, noch können wir wollen, was wir nicht wollen. Ist das nicht erfrischend? Die Krise im heimischen Schlafzimmer im Lichte philosophischer Erkenntnislehre.

Was ist meine Essenz?

Das weiße Yang, das schwarze Yin, jedes von ihnen trägt in sich einen Kern der anderen Polarität. Natürlich: Wir wollen beides! Wir sind nicht Entweder-Oder. Wir sind Sowohl-Als-Auch! Wir wollen nehmen und genommen sein. Wir wollen unseren Partner zum Leuchten bringen, und wir wollen unter seinen oder ihren Händen weich und formbar werden wie goldenes, lebendes Licht.

Und doch fühlen die meisten von uns sich mehr der einen als der anderen Seite der Polarität verbunden. In den Allermeisten von uns sind Yin und Yang eben nicht gleichgewichtig verteilt. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen hat jede und jeder von uns gewissermaßen eine innere Vorliebe für das Yin oder das Yang.

In unserem unverschämten Gedankenspiel vorhin, wie ist es dir da ergangen? Welche Seite hast du gewählt?

Das Gleichgewicht der Kräfte

Die Frage ist nicht nur, welche der beiden essenziellen Energien in dir oder mir die Oberhand hat, sondern in welchem Verhältnis diese Kräfte sich in uns vereinen. 60% Yin heißt 40% Yang. 80% Yang heißt 20% Yin. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind Yang und Yin in uns Menschen nicht im Gleichgewicht. Das heißt, die Polarität der Kräfte in uns sucht nach einem anderen Menschen, braucht ihn, um sich zu harmonisieren, um eins zu sein und ganz zu sein. Und wir finden sie in unserem polaren Gegenstück.

Die Sehnsucht unserer erotischen Essenz nach Harmonie hat nichts mit rationalen Entscheidungen zu tun. Und sie schert sich nicht darum, was wir an Plänen und Vorstellungen vom Leben oder unserer Partnerschaft haben. Eine Frau mit 80% Yin und 20% Yang sehnt sich nach einem Mann mit 80% Yang und 20% Yin. Einen Mann mit 60% Yang und 40% Yin ziehen Frauen wie magisch an, die in sich 60% Yin und 40% Yang vereinen.

Auch in homoerotischen Liebes- und Sexualbeziehungen finden wir das gleiche Prinzip wieder. 30% Yang und 70% Yin sucht nach 70% Yang und 30% Yin. Und so weiter und so fort.

In aller Regel überwiegt in den meisten klar heterosexuellen Männern die Energie des Yang. Die allermeisten eindeutig heterosexuellen Frauen tragen in ihrem innersten Kern die göttliche Essenz von Yin. Homo- und bisexuelle Männer und Frauen haben ein etwas anderes Mischungsverhältnis. Aber all das ist kein Gesetz. Es gibt ebenso Yang-Frauen, wie es Yin-Männer gibt (mit jeder Art von sexueller Ausrichtung oder Vorliebe). Aber auch hier gilt: eine Frau mit 70% Yang sucht ihrem Wesen nach nach einer/einem Partner*in mit 70% Yin. Alles Andere ist für sie nicht atraktiv. Ein Mann mit 90% Yin verzehrt sich nach einer Frau (oder einem Mann oder *) mit 90% Yang.

Das Verhältnis dieser Kräfte ist nicht über das Leben stabil. Wir entwickeln uns weiter, verändern uns. Dadurch verändern sich auch unser Bild von uns selbst und unsere Strategien im Umgang mit der Welt. Ebenso und währenddessen verändern und verschieben sich auch unsere Vorlieben, Wünsche und Sehnsüchte in Sachen Liebe, Partnerschaft und Sexualität. Wenn wir uns in einer – möglicherweise schon seit vielen Jahren mehr oder weniger stabilen – Partnerschaft befinden, und sich das Verhältnis der Kräfte in uns durch äußere oder innere Prozesse verschiebt, das unseres Partners verändert sich währenddessen allerdings nicht entsprechend mit, kann dies für unsere Partnerschaft zu einer unangenehmen Feuerprobe werden. Umso mehr, wenn wir es bis dato nicht gelernt haben, miteinander offen und liebevoll über unsere Sehnsüchte und Wünsche zu sprechen.

Ganz Mann. Ganz Frau. Ganz *.

Die Gender-Debatte hat uns nicht nur die Option zum dritten Geschlecht gebracht. Vor allen Dingen führt sie uns immer wieder vor Augen, dass in Sachen Sexualität der alleinige Blick auf unseren Körper zu kurz greift. Wir sind schlichtweg nicht allein das Ergebnis genetischer Faktoren, sondern auch kultureller, memetischer. Wir haben Selbstbilder und soziale Konzepte, Prägungen und Vorlieben.

Hier geht es nicht um richtig oder falsch. Hier geht es um „Was tut mir gut, und wonach sehne ich mich?“ „Yang und Yin“ sind keine Wahrheit, keine wissenschaftlich präzise messbaren Fakten, sondern lediglich ein hilfreiches und nützliches Modell. Darum mache ich an dieser Stelle Werbung dafür.

Ein Verständnis der Polarität von Yin und Yang kann mir und dir helfen, uns selbst und andere Menschen besser zu verstehen. Warum dein/e Partner*in dich weniger anziehend findet als deinen Bruder. Warum er oder sie dich nicht mehr kickt seit jenem Karrieresprung oder Karrieresturz. Warum du (oder er oder sie) dich immer nach einem sehr ähnlichen Typus von Frau oder Mann (oder *) umschaust. Auch kann es dir helfen, mit deinem Liebes- oder Sexualpartner mit einigen neuen Vokabeln vielleicht präziser über das zu sprechen, was ihr vermisst oder euch voneinander wünscht.

Es ist, wie bereits gesagt, irreführend, Yang und Yin mit „männlich“ und „weiblich“ gleichzusetzen, aber vielleicht dürfen wir sagen, das Yang ist „eher männlich“ und das Yin „eher weiblich“, und sei es nur, weil das eine häufiger bei Männern, das andere häufiger bei Frauen im Vordergrund steht.

Was unsere Sexualität angeht, sind wir mehr als unsere sozialen Rollen und (oftmals vor Urzeiten eingerosteten) Selbstkonzepte. Wir sind mehr als unsere Körper, mehr als das, was man von außen sieht und mehr als unsere Gene. Hinter all dem sind wir lebendige Teilhaber in einem Spiel polarer Anziehung und Abstoßung. Einer Polarität, die größer ist und mächtiger als all unsere Pläne, all unsere Selbstbilder und die verkopften Vereinbarungen, denen wir irgendwann mal zugestimmt haben. Wir können den Magnetismus dieser Dualität unter Kontrolle halten, wenn wir dies wollen. Aber das erfordert eine ganze Menge an Entschlossenheit, Bewusstheit, Selbsterkenntnis und Energie. Und manchmal werden uns die Energien in uns unerbittlich prüfen.

Schwarz sehnt sich nach weiß. Yin verzehrt sich nach Yang. Das Tier in uns sucht in unserem Gegenüber den Engel. Und umgekehrt.

Ganz Mann oder Frau (oder *) zu werden heißt, diese Aspekte (Yang wie Yin) unseres Seins und unserer Sehnsucht in uns willkommen zu heißen, zu bejahen und zu kultivieren. Ganz werden heißt, uns unserer selbst bewusst zu werden, uns anzunehmen und zu lieben in all dem, was wir sind. Und uns dann, auf diese Weise, von Angesicht zu Angesicht auf Augenhöhe zu begegnen.

Wer sowohl das Yang wie auch das Yin in sich annimmt, kann ebenso mit ganzem Herzen führen wie mit ganzem Herzen folgen, kann ebenso schenken wie empfangen, weiß mit dem Schlagbohrer ebenso umzugehen wie mit der Weihnachtsdekoration.

Gleich und gleich gesellt sich gerne. Das ist wahr. Doch was uns anzieht, so dass wir uns ausziehen, wie ein unerbittlicher, lustvoller Magnet – ist der Unterschied.

Wer einmal Yin und Yang hat tanzen sehen, wahrlich, der weiß, wovon ich spreche.

Hat dich der Artikel berührt? Findest du dich wieder darin? Was denkst du selbst über dieses Verständnis von sexueller Anziehung und Essenz? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar!

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#metoo

Die Sehnsucht nach dem dominanten Mann

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