gefühle: abgründe und urgründe

Das Märchen vom armen Trennungskind

Die Trennung an sich ist nicht das Problem!

Halten wir das ganz zu Beginn einmal ganz unmissverständlich fest: Wenn ein Elternpaar, das vorher zusammen gelebt habt, sich trennt, dann bedeutet das für das Kind oder die Kinder immer (!) eine nennenswerte emotionale Krise.

Dinge verändern sich. Gewohnte Routinen und Beziehungszusammenhänge lösen sich auf. Da kann das „Kind“ bereits 16 Jahre alt und schon so tough, so verständig und vernünftig sein. Da kann es noch so gut gelernt haben, seine Gefühle zu kontrollieren. Im Innern fühlt es sich doch aufgewühlt, unsicher und ängstlich. Diese innere Reaktion ist nicht nur verständlich, sie ist sogar gesund.

Die Welt des Kindes verändert sich. Das steht fest. Sie verändert sich sogar drastisch. Welche Auswirkungen diese Veränderung jedoch genau haben wird, ist nur schwer voraussehbar. Das Kind spürt, dass es sich auf die neue Situation wird einstellen müssen. Es muss sich anpassen. Allerdings weiß es zum Zeitpunkt der Trennung in aller Regel weder, worauf genau, noch wie das gehen soll.

Lange Zeit hielt sich auch in psychologischen Kreisen die Überzeugung, dass Kinder, deren Eltern sich scheiden ließen, Zeit ihres Lebens eine schwere emotionale Bürde mit sich tragen würden. Bindungsstörungen, Suchttendenzen und Depressionen wurden als nahezu zwangsläufige Trennungsfolgen diskutiert. Und in der Tat ist es so, dass die heute erwachsenen Kinder der damaligen Gerneration geschiedener Eltern häufig an derartigen Symptomen leiden.

Es mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass es sich hierbei um eine verkürzte Sicht der Dinge handelt. Wir haben etwas übersehen. Derartige emotionale Folgeerscheinungen haben weniger mit dem Faktum der Trennung an sich zu tun als vielmehr damit, wie Mutter und Vater in und nach der Trennung miteinander und der neuen Situation umzugehen gelernt haben.

Die Bevölkerungsstatistik spricht eine eindeutige Sprache. Etwa jede dritte Ehe in unserem Lande wird wieder geschieden. In manchen Ballungsräumen ist es sogar jede zweite. Hinzu kommt die Dunkelziffer derjenigen Elternpaare, deren Beziehung sich ohne Trauschein definiert, und über deren Verlauf und Ende statistische Daten schwerer erhältlich sind. Wir können dies als trauriges Zeichen moderner Beziehungs- und Familienkultur deuten. Andererseits aber zeigt sich in der großen Zahl der getrennt lebenden Elternschaften ein neues, erweitertes Bild, das uns erlaubt und auffordert, das Phänomen differenzierter zu betrachten.

Trennung und Scheidung damals und heute

Als ich ein Kind war, zu Beginn und im Verlauf der achtziger Jahre, gab es in meiner Grundschulklasse exakt ein Mädchen, deren Eltern sich hatten scheiden lassen. Zugegeben: Sie war tatsächlich ein wenig auffällig. Wenn ich aber heute an diese Zeit zurück denke, fällt es mir schwer zu sagen, ob dies an der Persönlichkeit des Mädchens selbst lag oder an der Interaktion von uns anderen Kindern mit ihr.

Meine Eltern waren nicht die einzigen, die an den familiären Verhältnissen, in denen dieses Mädchen lebte, ein besonders reges Interesse zeigten. Dass die Meinungen und Urteile der damaligen Erwachsenen nicht gerade auf profunden Kenntnissen der Lebens- und Beziehungsumstände in dieser Familie fußten, muss nicht extra erwähnt werden. Allein die Tatsache der Scheidung an sich reichte seinerzeit aus, um die Mutter als „sozial zerrüttet“ zu stigmatisieren und den Umgang mit ihrer Tochter als gefährlichen Einfluss auf die eigenen Kinder möglichst zu unterbinden.

Wenn ich heute an diese Zeit und dieses Mädchen zurück denke, überkommt mich Scham. Nicht, weil mir irgendeine Schuld zukäme. Ich war ein Kind und wusste nicht, was ich ihr antat, wenn ich sie aus unseren Spielen ausschloss. Auch meinen Eltern kommt keine Schuld zu. Sie waren in ihren Wertevorstellungen durch ein zynisches System geprägt, das vom Altar herab christliche Werte predigte und dieselben abseits dessen mit Füßen trat. Das ändert nichts an meiner Scham. Denn ich, in all meiner Unschuld, habe Dinge gesagt und getan, die unverdient waren, die weh taten und einer anderen kindlichen Seele Schaden zufügten.

Die Welt hat sich verändert seither. In den Klassen und Freundeskreisen meiner Kinder ist es keine Besonderheit, wenn die Eltern eines Kindes verschiedene Adressen haben und die Kinder an unterschiedlichen Tagen hier oder dort verabredet sind. Das Stigma ist keines mehr. Zumindest aus der Sicht der Kinder nicht.

Auch viele Erwachsene haben mit der Tatsache getrennter Elternschaft heute kein nennenswertes Problem mehr. Zumindest, solange es nicht um die eigene Elternschaft und ihrer eigenen Kinder geht.

Das Märchen von der heilen Familie

In der Tat: Viele der heute Erwachsenen, die im Verlauf ihrer Kindheit die Trennung ihrer Eltern erlebt und überlebt haben, leiden unter Schwierigkeiten im Bindungverhalten und im Umgang mit sich selbst. Allerdings: Nicht alle! Manche von ihnen entwickeln eine geradezu erstaunliche emotionale Tiefe und Reife, ein stabiles Selbstvertrauen und eine herausragende Beziehungsfähigkeit.

Dem gegenüber steht eine Vielzahl von Menschen mit Bindungsstörungen, Abhängigkeitstendenzen und weiteren sozialen Auffälligkeiten, die in einem nach außen hin gesunden Elternhaus aufgewachsen sind. Auch die Realität dort nämlich entsprach und entspricht auch heute noch oft gerade nicht dem besten Nährboden für die emotionale und soziale Entwicklung eines Kindes.

Normalität in unzähligen Familien damals wie heute: Mama ist nach ihrer Vormittagsschichte den Nachmittag und Abend über allein für die Kinder da, während Papa im Büro, in der Praxis oder in der Werkstatt ist. Mit etwas Glück ist Papa schon mal während des Abendessens zumindest körperlich anwesend. Die Gutenachtgeschichte oder das Lied zum Einschlafen liegt wieder in Mamas Zuständigkeitsbereich. Das Aufwachsen ohne Vater ist kein Phänomen, das sich nur in getrennten Familien beobachten lässt. Auch in vielen „ganz normalen“ Familien ist der Vater als wahrhaftige Bezugsperson nicht vorhanden.

In den Debatten um die Folgen einer Trennung auf gemeinsame Kinder wird darüber hinaus nur allzu oft vergessen, wie viele Kinder (früher wie auch heute noch) in Familien aufwachsen, die zwar gemeinsam unter einem Dach wohnen, aber in denen statt liebevoller Wertschätzung, partnerschaftlichem Miteinander und lebendiger Augenhöhe Frustration, Manipulation, Missgunst und Abwertung das Klima des Miteinanders bestimmen.

Die schwierigsten Kinder, die ich persönlich kennenlernen durfte oder musste, stammen in der Tat aus vermeintlich heilen Familien. Dem gegenüber habe ich mehr als eine Handvoll Kinder kennen gelernt, deren Eltern getrennt leben, und die dennoch (oder gerade deswegen?) eine Lebendigkeit, eine emotionale Tiefe, einen Mut und eine Verspieltheit an den Tag legen, dass es mir allein beim Anblick das Herz vor Freude wärmt.

Worum es wirklich geht

Die Trennung der Eltern an sich ist nicht das Problem. Relevant für das Wohl oder Wehe der kindlichen Entwicklung ist nicht die Frage, ob Mama und Papa in einem Haus zusammen leben oder nicht. Relevant sind völlig andere Fragen:

Wie erlebt das Kind Mutter und Vater im Umgang mit sich selbst, mit eigenen Fehlern und Schwächen? Erlebt das Kind seine Eltern als aufrecht und würdevoll?
Welchen Umgang mit eigenen Gefühlen und Wünschen leben Vater und Mutter ihren Kindern vor? Wie gehen sie mit den Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen ihrer Kinder um? Erlebt das Kind Mutter und Vater als verantwortungsvoll, authentisch und emotional kompetent?
Wie erlebt das Kind die Beziehung zwischen Vater und Mutter? Wie erlebt es das Zusammenspiel von Mann und Frau? Wie erlebt es die Aufteilung der elterlichen Verantwortung? Erlebt das Kind die Beziehung seiner Eltern als harmonisch, als partnerschaftlich und stabil?

Diese Fragen und unsere ganz persönlichen Antworten darauf haben Auswirkungen auf die Entwicklung jedes Kindes. Wir müssen nicht um den heißen Brei herum reden: Auf diesen Ebenen herrscht in den allermeisten Familien eklatanter Nachholbedarf. Im Sinne der Entwicklung unserer Kinder und Kindeskinder ist es dringend an der Zeit für einen Kulturwandel der Authentizität, der emotionalen Kompetenz und nicht zuletzt der würdevollen Menschlichkeit.

Jedes Kind braucht Mutter und Vater!

Ein Kind, dessen Eltern getrennt leben, braucht nicht mehr und auch nicht weniger als jedes andere Kind auch:

Es braucht Mutter und Vater. Und zwar substanziell qualitative Zeit mit jedem seiner Elternteile. Es braucht Eltern, die da sind, die ganz sind, die bereit und in der Lage sind, dem Kind ein Vorbild und Gegenüber zu sein. Ein Kind braucht Eltern, die es als ganze Menschen spüren kann, die es selbst von ganzem Herzen achten, respektieren und lieben kann. Mit allen Stärken und Schwächen, unvollkommen, fehlerhaft und menschlich – und in all dem würdevoll, aufrecht und liebevoll. Das ist es, was ein Kind braucht.

Qualitative Zeit bedeutet: Alltag, die Hausaufgaben machen, sich streiten, zusammen kuscheln und basteln, einkaufen und essen. Es bedeutet, die Kinder einen ganzen Nachmittag lang nicht zu sehen, weil sie nach der Schule oder dem Kindergarten mit Freunden verabredet sind und erst zum Abendessen wieder zurück. Es bedeutet Selbstverständlichkeit und Normalität. Das ganz normale und ganze Leben halt. Es bedeutet auch Ausflüge, Abenteuer und Urlaub. Aber wenn das alles ist, was ein Kind mit einem Elternteil erlebt, dann erfährt es diesen Elternteil niemals ganz, niemals wirklich, niemals tief.

Dieses kindliche Bedürfnis ist in einigen Fällen nur schwer zu erfüllen. Es gibt Kinder, deren Eltern leben in verschiedenen Städten. In manchen Fällen: Auf verschiedenen Kontinenten.

Manche Kinder haben einen Elternteil, der den Kontakt mit dem eigenen Kind von sich aus verweigert. Der sich nicht meldet, nicht zu erreichen ist, mit seinem Kind oder seinen Kindern nichts zu tun haben will. In den meisten Fällen ist das der Vater. Manche anderen Kinder wachsen auf mit einem Elternteil, der einen natürlichen und liebevollen Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil aus niederen Motiven und nach allen Regeln der Kunst vergiftet und sabotiert. In der großen Mehrheit der mir bekannten Fälle handelt es sich hierbei um Mütter.

Sie beide, die Verweigerer und die Intriganten, sind sich in aller Regel bewusst darüber, dass sie ihren Kindern durch ihr Verhalten Leid antun. Die allermeisten von ihnen haben sich daher ein lückenloses Alibi zurecht gelegt, warum die Schuld für diesen emotionalen Missbrauch am eigenen Kind auf jeden Fall beim anderen Elternteil zu suchen ist. So fadenscheinig diese Geschichten sind, so verantwortungslos, jämmerlich und in der Quintessenz traurig sind sie. Falls sich an dieser Stelle jemand angesprochen und vielleicht direkt angegriffen fühlt, empfehle ich ein gutes therapeutisches Gespräch über die Themen Verantwortung, Schuld und Scham.

Und natürlich gibt es Kinder, die einen oder beide Elternteile durch Krankheit, Unfall oder Gewalt verloren haben. Manche Kinder haben Eltern mit schwerwiegenden inneren Problemen. Eltern, die psychisch, emotional oder sozial nicht in der Lage sind, ihren Kindern ein liebevolles, nahbares und aufrechtes Gegenüber zu sein. Auch solche Kinder sind nicht dem Untergang geweiht. Andere Vorbilder werden an die Stelle der leiblichen Eltern treten, werden ihnen Geborgenheit geben, Zuspruch und hoffentlich eine gute Führung auf dem Weg in das Leben und durch die Welt. Nur werden diese Vorbilder die Lücke niemals ganz zu schließen vermögen, die die fehlenden leiblichen Eltern hinterließen. Diese Schicksale sind tragisch, und wir sind als ganze Gesellschaft dazu aufgerufen, diesen Kindern unsere Unterstützung und unseren Halt, unsere Geduld und unsere Liebe zu schenken.

Einladung zum Wertewandel: Das neue vierte Gebot!

„Du sollst Vater und Mutter ehren!“ So lautet im Christentum das vierte Gebot. Psychologisch gesehen ist dieses Gebot Unsinn. Wir alle verspüren in uns den tiefen Wunsch danach, genau das zu tun. Kein Kind der Welt braucht dafür ein Gebot. Leider haben jedoch in unserer Generation viele Menschen die Erfahrung machen müssen, dass ihre eigenen Eltern es ihnen nicht gerade leicht machten, sie zu achten und zu ehren. Vielleicht sind wir Eltern diejenigen, die ein wenig Nachhilfe brauchen.

Ich schlage daher vor, dass wir das vierte Gebot reformieren. Im Wortlaut subtil, doch in seiner Bedeutung radikal. Um unserer Kinder Willen, die in ihren Herzen von Grunde auf nichts lieber wünschen, als Vater und Mutter achten, ehren und lieben zu können und zu dürfen. Weil sie spüren, dass sie durch genau dies auch sich selbst zu ehren lernen. Sollte dieser Aufruf Gehör finden, dann lautet das neue vierte Gebot von heute an und bis wir es verstanden haben:

„Du sollst Vater und Mutter deiner Kinder ehren!“

Wer sich selbst und den anderen Elternteil seiner Kinder wirklich achtet und ehrt, im Herzen, im Wort und in der Tat, der lehrt auch seine Kinder, sich selbst zu achten und zu ehren in allem, was sie sind. Wer sich selbst wirklich achten, ehren und lieben kann, der wird auch seine Mitmenschen, das Leben und die Schöpfung achten, ehren und lieben. Dadurch werden unsere Kinder stark, selbstbewusst und liebevoll. Solche Kinder wachsen zu Menschen heran, denen wir voller Zuversicht, Vertrauen und Freude die Zukunft der Welt zu Händen geben.

Das wäre ein guter Anfang. Das wäre ein großer Schritt. Das wäre ein erster und mutiger Schritt hinein in das, was ich die richtige Richtung nenne.

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