Der finale Akt der Selbstbehauptung

Wer seinem Partner fremdgeht, bricht dadurch einseitig und hinter dem Rücken des Anderen das offen oder unausgesprochen als gültig anerkannte Commitment sexueller Exklusivität.

Welchen Schock, welche Schmerzen und welches Leid das für den Betrogenen auslöst, davon handeln unzählige Lieder, Festmeter an Ratgeberliteratur und diverse Web- oder Social-Media-Foren, die Betroffenen Trost und Beistand spenden. Oft übersehen wird eine andere Dimension:

Die Seitenspringerin bricht erst an zweiter Stelle die Regeln ihrer vermeintlichen Liebesbeziehung. An erster Stelle bricht sie ihr eigenes Wort. Und zwar noch bevor überhaupt etwas geschieht. In dem Moment nämlich, in dem die Entscheidung fällt, dass gleich etwas passieren wird: In diesem Moment setzt sie oder er ein zuvor gegebenes Versprechen außer Kraft. In diesem Moment findet der Betrug statt. Wir ändern die für uns geltenden Regeln des Spiels, aber wir setzen unsere Mitspieler nicht in Kenntnis darüber.

Wer jemals einen Liebespartner bewusst betrogen hat, erinnert sich an diesen hochemotionalen Moment. Manchmal stärker sogar als an das, was an Taten danach geschehen ist.

Wer seinen Partner betrügt oder täuscht, um sich eine offene und drängende Sehnsucht zu erfüllen, der tut dies nicht nur, weil er dieses Bedürfnis in seiner Beziehung gerade nicht erfüllt bekommt. Denn wir alle sind im Grunde eher bequem. Würden wir eine halbwegs reelle Chance sehen, dass wir uns das, wonach wir uns sehnen, auch mit unserer Partnerin oder unserem Partner erfüllen könnten, warum sollten wir dann den ganzen Aufwand mit der Heimlichtuerei, dem Versteckspiel und der ständigen Gefahr des Überführtwerdens auf uns nehmen?

Mal ganz ehrlich unter uns zwei Klosterschülern: Es ist doch im Grunde viel leichter, mit unserem Partner über unsere Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, als ein Gebilde aus Heimlichkeiten und Unwahrheit zu errichten, das noch dazu jederzeit in sich selbst zusammen brechen kann. Dass dennoch so viele von uns immer noch und immer wieder ihren Partner belügen und täuschen, sagt übrigens weniger über unsere Fähigkeiten als über unsere bisherigen Vorbilder.

Wenn mein Partner mir fremdgeht, dann bedeutet das nicht nur, dass mein Partner bei mir nicht das findet, wonach er sich sehnt. Sondern darüber hinaus, dass er alle Hoffnung darauf aufgegeben hat, seine offenen Wünsche, Sehnsüchte oder Bedürfnisse mit mir gemeinsam auf partnerschaftliche Weise zu nähren und zu erfüllen.

Der Seitensprung ist im Kern ein Akt der Resignation und der Kapitulation.

Es kann verschiedene Gründe dafür geben, warum mein Partner den Glauben an mein Wohlwollen oder meine Unterstützung verloren hat. Manche davon liegen in seiner Kindheit, andere in seinen bisherigen Erfahrungen mit den Liebespartnern vor mir. Manche dieser Gründe liegen aber möglicherweise nicht zuletzt darin, wie ich bislang damit umgegangen bin, wenn er mir seine Wünsche, Sehnsüchte oder Bedürfnisse offenbart hat.

Wie gehe ich damit um, wenn ich erfahre, dass mein Partner sich etwas wünscht, das ich ihm bislang nicht geben will oder geben kann?

Wie reagiere ich darauf, wenn meine Partnerin sich etwas wünscht, das mir fremd, herausfordernd oder schambesetzt erscheint?

Reagiere ich mit Neugier, Mitgefühl und partnerschaftlichem Interesse? Oder reagiere ich mit Abwehr, Rechtfertigungen oder gar Verachtung darauf? Möchte ich wissen, wie es im Herzen meiner Liebsten wirklich aussieht? Oder versuche ich auf subtile oder brachiale Weise, zu kontrollieren, was sie denkt, was sie fühlt und was sie für erstrebenswert und möglich hält?

Wie moralisch wir auch den Menschen abwerten mögen, der Lüge und Täuschung wählt, um seine Wünsche, Sehnsüchte oder Bedürfnisse zu stillen, für ihn oder sie selbst ist die Entscheidung zum Seitensprung im zweiten Schritt ein finaler Akt der Selbstliebe und Selbstbehauptung.

Wer fremdgeht, sagt sich selbst: Ja, ich darf!

Ja! Ich darf leidenschaftlich und lustvoll sein!
Ja! Ich darf unverschämt und gierig sein!
Ja! Ich darf Geborgenheit fühlen!
Ja! Ich darf mich als Mann oder Frau in meiner ganzen Schönheit und Herrlichkeit preisen und ehren lassen!
Ja! Ich darf mich schön, begehrenswert und saftig fühlen!
Ja! Ich darf frei sein!
Ja! Ich darf …!

Eine vielleicht unangenehme Wahrheit

Viele Männer und Frauen fühlen sich nach einem Seitensprung oder nach dem Sex mit ihrem Geliebten erfrischt, verjüngt und aufgeladen mit Energie. Sie haben zwar ein schlechtes Gewissen ob ihrer Lüge, aber darunter fühlen sie sich kraftvoll, saftig, geschmeidig, verwurzelt, genährt, schön… Kurz: Sie fühlen sich durch und durch lebendig.

Ich frage dich gerade heraus: Willst du einen Mann (eine Frau), der (die) durch und durch lebendig ist? Ja oder nein? Willst du einen Partner, der saftig ist, geschmeidig und voller Energie? Oder willst du lieber der Liebespartner von jemandem sein, der mit angezogener Handbremse lebt, der steif ist, spröde und bitter?

Wenn wir hier ganz genau hinschauen, dann müssen wir erkennen: Der Sex mit em oder der Anderen hat deinen Partner mehr zu dem gemacht, wie du ihn oder sie besonders gerne magst. Richtig oder falsch?

Das bringt zum Nachdenken, oder?


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