Jede Sehnsucht strebt nach Erfüllung

Wenn wir hungrig sind, dann sehnen wir uns nach Essen. Wenn uns kalt ist, sehnen wir uns nach Wärme. Wenn wir erschöpft sind, sehnen wir uns nach Ruhe. Doch wir sehnen uns nicht nur. Wir streben danach. Nicht zu essen, obwohl wir Hunger haben und essen könnten (z.B. weil das gemeinsame Essen in 20 Minuten beginnt), kostet eine Menge Willenskraft. Eine Decke nicht zu nehmen, die neben uns liegt, obwohl uns kalt ist, kostet ebenfalls Willenskraft.

Uns ein offenes und drängendes Bedürfnis nicht zu erfüllen, obwohl wir es könnten, ist ein geistiger, emotionaler und körperlicher Kraftakt. Es bedeutet, unserer biologischen Programmierung die Stirn zu bieten. Diese allerdings ist mächtig und sitzt darüber hinaus an einigen ziemlich langen Hebeln. Darüber wollten wir uns im Klaren sein, wenn wir es ernst meinen damit, das Thema dieses Artikels verstehen zu wollen.

Unsere emotionalen Bedürfnisse stehen unseren körperlichen in Nichts nach. Bleiben emotionale Bedürfnisse in einer Liebespartnerschaft auf Dauer ungenährt, setzt unser System zwei miteinander verschachtelte innerpsychische Prozesse in Gang:

Zunächst beginnt eine Suchbewegung nach dem, wonach es sich in uns sehnt. Eine subtile Veränderung unserer Aufmerksamkeit führt dazu, dass uns bestimmte Männer oder Frauen in besonderer Weise ins Auge fallen.

Oh…! Der ist aber selbstsicher und dominant…!
Oh…! Die ist aber kess und verspielt…!
Oh…! Die hört mir ja wirklich zu, wenn ich erzähle…!
Oh…! Der zeigt mir aber deutlich sein Interesse an mir…!

Im Verhalten bestimmter Menschen des attraktiven Geschlechts entdecken wir Dinge, die wir lecker finden, aber in dieser Form, Klarheit oder Intensität vermissen bislang. Zeigt die andere Person ebenfalls Interesse an uns, löst das eine fast kindliche Neugier und Entdeckungsfreude aus. Da scheint was Gutes zu sein…! Da will ich näher ran…! Davon will ich mehr…!

Diese kindliche Freude allerdings findet alsbald einen Dämpfer. Wir haben uns schließlich ausgesprochen oder unausgesprochen dazu verpflichtet, körperlich und/oder emotional nur mit einem Menschen zu verkehren. Und das ist leider nicht der Mensch, mit dem wir es gerade zu tun haben oder zu tun haben möchten.

Was wir vor uns sehen, riecht nach Genuss und Nahrung. Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Doch etwas zwingt uns, uns zurück zu halten…

Wir können gar nicht anders: Das, was uns bremst, verliert von ganz allein von Tag zu Tag subtil ein winziges bisschen an Attraktivität. Und wenn aus dem Appetit echter Hunger wird, beginnen wir das, was uns bremst, ungeniert zu hassen.

Es ist eine grundsätzliche psychologische Wahrheit: Jede (Jede!) Motivation entsteht aus einem Bedürfnis, einer Sehnsucht oder einem Wunsch heraus. Gäbe es weder ein offenes Bedürfnis, noch einen Wunsch nach Mehr, in was auch immer, hätten wir keinen Grund, uns zu bewegen.

Die Tatsache, dass ein Mensch mit seiner Entscheidung zum Betrug den Aufwand eines dauerhaften Verschleierns mit stetiger Gefahr eines wie auch immer gearteten irgendwann dann doch Auffliegens auf sich nimmt, spricht für eine treibende Kraft dahinter, die bedeutend stärker ist als eine grundsätzliche Neugier oder ein Wunsch nach Mehr. Dafür ist der Preis zu hoch.

Wenn wir über die Hintergründe von Untreue, Täuschung und Verrat sprechen, dann müssen wir uns sehr ehrlich mit urmenschlichen Bedürfnissen befassen.

In diesem Zusammenhang spielt unsere Sexualität eine ganz besondere Rolle.

Sex ist kein Bedürfnis

Falls du diejenige bist, die hinter dem Rücken des Anderen Amor huldigt/e und du diesen Artikel liest, um dich selbst besser verstehen oder verteidigen zu können, muss ich dir dieses vielleicht erhoffte Argument leider versagen: Es gibt kein Bedürfnis nach Sex.

Das klingt auf Anhieb möglicherweise wenig plausibel. Nicht ohne Grund wird unsere Sexualität auch als Trieb bezeichnet. Weil es uns (die allermeisten von uns!) immer wieder danach lüstet, es mal wieder geschmeidig mit einem guten Mann oder einer guten Frau zu treiben. Es macht einfach auch, wenn es gut gemacht ist, immer wieder so richtig gute Laune.

Hier setzen wir an.

Das, was wir in unserer Sexualität erfahren, was wir in ihr finden und was uns nach ihr sehnen lässt, ist mehr als: „ein Gefühl“. Guter Sex erzeugt eine Vielzahl nacheinander und miteinander und aufeinander einwirkender Gefühlsempfindungen. Ein Feuerwerk an Hormonen wirbelt durch unsere Blutbahnen. Dieser emotionale Rausch hält länger an als die körperliche Erfahrung an sich. Stunden und Tage später noch fühlen wir genährt, geliebt und zutiefst lebendig.

Sex ist kein Bedürfnis. Sex ist bedeutend mehr. Sex ist etwas, das wir tun, um uns eine ganze Vielzahl an Bedürfnissen zu erfüllen. Zugegeben: Manche davon könnten wir auch auf andere Weise nähren. Bei anderen allerdings ist das nicht so leicht.

Schauen wir hin, worum es geht:

Sex ist Nahrung pur

Sex ist kein Bedürfnis, weil es etwas ist, was wir tun können. Sex besteht zu einem großen Teil aus Handlungen und gerichteter Aufmerksamkeit. Bedürfnisse sind die Motivationen hinter unseren Handlungen. Unsere Handlungen sind Strategien zur Erfüllung der dahinter liegenden Antriebskraft.

Wenn wir in Liebe und Lust miteinander schlafen, dann erfüllt dieses Tun einen ganzen Blumenstrauß an Bedürfnissen. Darunter finden wir: Verbundenheit, Geborgenheit und Wertschätzung. Wir finden: Selbstwirksamkeit, Macht, Dominanz. Wir finden: Euphorie, Transzendenz und Ekstase.

Einige dieser Bedürfnisse können wir uns auf vielerlei Weise erfüllen. Ich kann mich verbunden fühlen, wenn ich mit meiner Partnerin zusammen eine Folge unserer gemeinsamen Lieblingsserie sehe. Ich kann mich wertgeschätzt und geachtet fühlen, wenn mir mein Liebster ein Kompliment macht. Wenn ich mein Fahrrad putze oder berufliche Erfolge verbuchen kann, erlebe ich Selbstwirksamkeit. Auch Macht und Dominanz lassen sich in ganz unterschiedlichen Formen leben und erfahren.

Aber was ist mit den letzten dreien? Was ist mit Euphorie, mit Transzendenz und Ekstase – Wo erleben und erfahren wir diese außerhalb unserer Sexualität? Extremsport oder Drogen fallen mir ein. Lang, lang Joggen kann derlei Zustände auslösen oder weite Strecken mit Tempo Fahrrad fahren. Bungee- oder Fallschirmspringen. Oder Alkohol und Drogen halt.

In diesem Zusammenhang stelle ich die steile These auf, dass wir in unserer Kultur bedeutend weniger Probleme mit Alkohol oder anderen Drogen zu tun hätten, wenn die Menschen hier mehr und bewusster miteinander schlafen würden. Aber das ist ein Thema für sich.


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